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Brigitte Calls Me Baby - Irreversible

Brigitte Calls Me Baby- Irreversible

ATO / PIAS / Rough Trade
VÖ: 13.03.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Make love (your goal)

"No need for physical affection", verkündet Schwerenöter Wes Leavins in "The pit", und irgendwie beißt sich das mit dem Eindruck, den er bislang vermittelt hat. Das heißt also entweder, er lügt – oder er hat sich längst höheren Dingen als den irdischen Gelüsten verschrieben. Denn seine Band Brigitte Calls Me Baby treibt den Schmacht, den Schmelz, das Weltumarmende und Lebensbejahende ihrer Musik konsequent weiter auf die Spitze. "Irreversible" nennt sie ihr zweites Album, und der gleichnamige Film von Gaspar Noé hat dabei wohl kaum als Inspiration gedient. Man könnte auch "Irresistible" als Titel vorschlagen. Denn obwohl auf den ersten Blick nur kleinere Stellschrauben justiert wurden, hat das Chicagoer Quartett seine Erfolgsformel für den Nachfolger zum gefeierten Debüt "The future is our way out" eindeutig verfeinert. Damit verdichtet es auch das, was seinen nach wie vor eindeutigen Idolen The Smiths neben den politischen Botschaften stets das Wichtigste war: die gute alte Romantik. Auch ein Morrissey hat einst beides unter einen Hut bekommen. Aber während der nur noch halbgare Songsammlungen veröffentlicht und sich andauernd mit kontroversen Äußerungen in die Bredouille bringt, haben Brigitte Calls Me Baby den Trademark-Sound von aller unnötigen Schwere befreit.

Auch die Doppelbödigkeit fehlt. Vom größten aller Gefühle erzählt schon "There always", und selbst, wenn Liebende und Geliebte sich nicht immer in der Mitte treffen, so ist es doch überwältigend. "Slumber party" als erste Single auszuwählen, sich dabei ganz auf eine Gitarrenfigur ohne epischen Refrain zu verlassen und noch dazu David-Lynch-Klassiker bei der Pyjamaparty vorzuführen, ist eine eher mutige Entscheidung. Denn "Irreversible" gibt sich selten derart indie-rockig, auch wenn die Gitarren in "Truth is stranger than fiction" noch mal garagig jaulen dürfen. Stattdessen finden Brigitte Calls Me Baby ihren Ausdruck im Jangle-Pop und den großen Gesten gepuderter New-Romantic-Acts: Sowohl "The pit" als auch "The acts of which we're designed" erinnern mit ihrem Synthie-Fundament an Depeche Mode oder New Order, "I can't have you all to myself" hallt durch Kuschelrocksäle voller Trockeneisnebel, will allerdings nicht gleich ins Ohr, wo "Too easy" vom Debüt noch sitzt. Während manche Romanzen eben viel zu früh enden und man sich deren Scheitern eingestehen muss, haben andere, siehe "I can take the sun out of the sky", mehr Glück: "Two can become one for the rest of your life / And there's nothing you can do or say." Bevor er jedoch glückliche Paare im Park mit Steinen bewirft, ist Leavins ehrlich ergriffen, auch für Fremde. Und der Song eh ein ausgemachter Hit.

Sowieso, diese Stimme. Kann sie jemandem böse sein? Oder man gar ihr? Bei aller Ähnlichkeit zum omnipräsenten Mozzer oder zu Brandon Flowers zeichnet sie sich doch durch ihr ganz eigenes Charisma aus, insbesondere wenn Leavins, zum Beispiel in "The early days of love", zu Höchstform aufläuft. Der Mann ist Alleinunterhalter, Showmaster und Verführer in Personalunion, dabei bleibt er in seinen Texten genauso lässig wie als Mensch wenig greifbar. Aber die Mysterien lüften sich schrittweise: So ist mittlerweile bekannt, dass der ungewöhnliche Bandname daher rührt, dass Leavins als Jugendlicher tatsächlich eine Art Brieffreundschaft mit der Ende 2025 verstorbenen Schauspiellegende Brigitte Bardot pflegte. Wie cool ist das? Während New Wave und Nouvelle Vague also womöglich noch nie so nah beieinanderlagen, wäre ein stärkeres Ausbrechen aus 2000er-Indie-Konventionen durchaus zu begrüßen. So ließe sich nämlich auch das Gefühl abschütteln, dass die Band bereits zum zweiten Mal am Vorabend zum Meisterwerk steht und nur den allerletzten kleinen Schritt wagen muss. Dann hieße es weniger "Stop me if you think you've heard this one before" als eher "The world will listen". Und wäre unwiderstehlich gut.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • There always
  • Slumber party
  • I danced with another love in my dream
  • I can take the sun out of the sky

Tracklist

  1. There always
  2. Slumber party
  3. I danced with another love in my dream
  4. The pit
  5. Truth is stranger than fiction
  6. The acts of which we're designed
  7. Sillage
  8. I can't have you all to myself
  9. I can take the sun out of the sky
  10. The early days of love
  11. Send those memories

Gesamtspielzeit: 38:44 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

oldschool

Postings: 1137

Registriert seit 27.04.2015

2026-04-06 17:40:37 Uhr
Nun ja, vielleicht liegt es auch daran, dass ich KILLERS nie mochte.

Logo waren THE SMITH mehr als nur Morrissey. Nur wenn mich manche Songs an Smith erinnern, dass weniger wegen der Songs, sondern weil Sie mich dann an Morrissey zu Smith Zeiten erinnern.

"Musik kann und muss nicht immer neu erfunden werden." Das stimmt. Interpol schafften das zum Beispiel, ohne wie eine Kopie zu klingen.

Ich sagte nie, es wäre ne schlechte Kopie - aber halt doch ne Kopie. Und wie gesagt - zuweilen auch wie ne Parodie. Und eine Leichtigkeit würde ich denen auch nicht zugestehen. Zumindest nicht beim sehr gewollten theatralischen Gesang.

Und nur weil Morrissey nicht mehr in Hochform ist, muss ich nicht zwangsmässig Brigitte hören.

Aber wie gesagt finde ich die ja nicht schlecht, haben auch gute Songs. Mag sein, dass ich die Songs mit Killers-Einschlag nicht so mag.

BunteKuh

Postings: 602

Registriert seit 17.07.2022

2026-04-06 13:09:17 Uhr
1.) Es klingt ja nicht alleine nur nach The Smiths, sondern hat eine große Portion 80er Schmalz oder Style. Killers oder Roy Orbinson werden ja oft auch genannt.
2.) The Smiths waren mehr als nur Morrissey.
3.) Eine schlechte Kopie wäre es, wenn es auch wirklich schlechter wäre. Morrissey holt mich persönlich nicht mehr ab. Finde das hat hier eine unglaublich angenehme Leichtigkeit. Ganz im Gegensatz zu Morrisseys verkopften und verkrampften Outputs.
Musik kann und muss nicht immer neu erfunden werden. Es gibt unzählige Bands die sich ähneln oder nicht zu unterscheiden sind.
Was gefällt wird auch gehört.

oldschool

Postings: 1137

Registriert seit 27.04.2015

2026-04-06 10:59:24 Uhr
@Francois:
Es gibt ja viele Bands, die sehr an Ihre Vorbilder erinnern. Bei Interpol oder Editors hat man früher auuch immer "Joy Division" geschrien und es hat mnich nicht gestört.
Es ist nun aber beiu mir irgendwie seltsam.
Eigentlich möchte ich die Band mehr lieben und darüber hinwegsehen. Es lässt sich aber auch nicht ganz abstellen. Und ich finde auch, dass sie nicht durchgängig gut klingen. Es gibt manche Songs, da is mir die Theatralik schon etwas too much. Da frage ich mich, ist das noch eine Hommage oder schon eine Parodie?

Francois

Postings: 1584

Registriert seit 26.11.2019

2026-04-06 10:14:10 Uhr
Also Freunde von mir haben die Band letzte vorletzte Woche live gesehen und für wirklich "so gut" befunden :-)
Ich verstehe, was du meinst - aber das sehe ich nicht unbedingt als Kritikpunkt. Mit den ersten beiden Alben so durchgängig gut zu klingen, muss man auch erst mal hinkriegen - Kopie hin oder her.

oldschool

Postings: 1137

Registriert seit 27.04.2015

2026-04-06 09:18:39 Uhr
Schönes Album. Wes Leavins ist der bessere Morrissey mit den besseren Morrissey Songs.
Aber leider immer irgendwie bei Allem immer nur eine Kopie. Jede Geste, jeder Song, jedes Seufzen - ist Wes ein KI Produkt?
Versteht mich nicht falsch, es klingt gut und auch die Songs sind gut. Manchmal wird es mir aber auch etwas zu viel und ich denke "Perfekt - aber das Orginal hat irgendwie halt ecken und Kanten"
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