Twin Noir - Chapter III
Twin Noir / Odyssey / Bertus
VÖ: 27.02.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Qualmt und singt
Zwei Punks und ein Tonbandgerät – es gibt idealere Bedingungen für eine Musikproduktion, möchte man meinen. Doch zum Glück handelt es sich lediglich um den Untertitel des zweiten Twin-Noir-Albums "Chapter II - Two punks and a tape machine", sodass bei Cody Barcelona und Ian Volt weder mit stacheligem Kopfputz noch mit dem störenden Grundrauschen vorsintflutlicher Aufnahmegeräte zu rechnen ist. Stattdessen erinnert die Durchnummerierung, welche die zwei Berliner ihrer bisherigen Diskografie verpasst haben, lose an jene der legendären Krautrocker Neu! – womit bereits eine maßgebliche Inspirationsquelle von Twin Noir genannt wäre. Gibt Volt außerdem zu Protokoll, das Duo wolle alles zerlegen, was ihm in die Quere kommt, ist man spätestens gerüstet für eine gute halbe Stunde Tempo und Party aus den (Un-)Tiefen von Post-Punk, EBM und – ja doch – Krautrock. Schon das schrill zersplitternde Eingangs-Riff und die folgende Bass-Schlagzeug-Walze von "Chapter III" zischen jedenfalls rasanter ab als ein motorisiertes Wiesel auf Speed.
Allerdings könnten es zuweilen genauso gut Editors, Two Door Cinema Club oder ähnlich gelagerte Bands aus der Tanzflächen füllenden Indie-Blase sein, die sich für die spitz zulaufende Gitarrenarbeit in Songs wie dem frenetisch loskickenden Opener "Luft für Dich" oder der nicht minder wilden Single "Fliegen" verantwortlich zeichnen. Raumgreifende Leads schwirren jenseitig durch die dicke Luft, die Elektronik piekst spitzfindig in den Allerwertesten – praktisch alle Stücke von "Chapter III" schreien lauthals nach Feierei, wenn man erst mal die Möbel aus dem Fenster geschmissen hat, damit Platz zum Dancen ist. Egal, ob die "Brille schwer" wird oder fürs Popowackeln nur noch die "Hinterste Ecke" übrigbleibt. "Leere Blicke, Schlafsack auf'm Boden, Pappbecher, Kleingeld, Einkaufswagen" – besten Dank, genau in dieser Reihenfolge bitte. Und das alles macht tatsächlich so viel schwarzlichtdurchfluteten Spaß, dass eine gewisse Limitierung der musikalischen Ausdrucksformen kaum ins Gewicht fällt. Hauptsache, es qualmt und singt.
Dennoch zeigen sich im geballten Hedonismus immer wieder Risse auf (zwischen-)menschlicher Ebene: Zeilen wie "Lass uns ein Taxi bestellen / Zur Gartenlaube fahren / An die Alten denkt doch keiner mehr / Karin ist gestorben" aus dem formidabel knirschenden Space-Rocker "Stimmen" künden von Vergänglichkeit, Vereinzelung und den seelischen Abgründen hinter Exzessen unter dem Stroboskop. Selbstzweifel ploppen auf, "Niemals nie" philosophiert über den Individualismus in Zeiten der Schwarmintelligenz und lässt sich vom Wahlberliner Techno-Wegbereiter Mark Reeder ins Gewissen reden, während "Ausfahrt" eine On-Off-Beziehung in die Endlosschleife verfrachtet. Die gute Nachricht: Solange "Chapter III" läuft, muss man sich um solche Unbilden nicht scheren, sondern kann sich im Body-Music-nahen Kracher "Abriss & Desire" verlieren und zu knuffiger kleiner Sequenz als "Eule" durch den Dschungel der Großstadt flattern. Denn am Ende geht's nur um eins: "Alle wollen Liebe." Und die ist Twin Noir zumindest für dieses Album sicher.
Highlights
- Luft für Dich
- Stimmen
- Abriss & Desire
- Eule
Tracklist
- Luft für Dich
- Stimmen
- Fliegen
- Brille schwer
- Ausfahrt
- Niemals nie (feat. Mark Reeder)
- Abriss & Desire
- Hinterste Ecke
- Dark love
- Eule
Gesamtspielzeit: 36:27 min.
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2026-03-18 21:07:20 Uhr - Newsbeitrag
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- Twin Noir - Chapter III (1 Beiträge / Letzter am 18.03.2026 - 21:07 Uhr)



