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Ratboys - Singin' to an empty chair

Ratboys- Singin' to an empty chair

New West / Bertus
VÖ: 06.02.2026

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Frust sitzt

Die Kunst als Therapieersatz zu nutzen, ist einer der häufigsten Gründe, warum Menschen Musik machen. Was seltener vorkommt: Inspiration aus der tatsächlichen Therapie zu schöpfen. Genau das hat Julia Steiner getan. "Singin' to an empty chair", das sechste Album ihrer Band Ratboys, ist benannt nach einer therapeutischen Übung, bei der man sich eine geliebte Person vor einem sitzend vorstellt und dem leeren Stuhl alles erzählt, was man real nie sagen könnte. In diesem Sinne fokussiert die Platte die Distanz zu Menschen, denen man sich eigentlich nah fühlt. Der emotionale Unterbau trägt entscheidend dazu bei, dass Ratboys ihren Platz in der aktuellen Königsklasse des US-amerikanischen Indie-Rocks behaupten können. Nachdem sie ihren Stil zwischen slackerigem Neunziger-Rock, Pop-Punk und Americana knapp zehn Jahre lang im Kleinen schärften, sorgte das Meisterwerk "The window" für den Szene-Durchbruch. "Singin' to an empty chair" macht es keinen Deut schlechter.

"Pick all the locks inside our heads / It takes a while in your defense / But I've got lots of time", singt Steiner im eröffnenden "Open up", das sich als luftige Folk-Nummer gleichermaßen Zeit lässt, bevor es unter Strom explodiert – das frühe Realisieren, dass all die gegenüber dem leeren Stuhl geäußerten Fragen unbeantwortet bleiben. Dieser Moment bietet die Startrampe für ein erstes Albumdrittel, in dem Ratboys ihre elektrische Uptempo-Seite voll ausleben. "Know you then" lässt als kerniger Alternative-Rock die Saitenmuskeln spielen, während der Hit "Anywhere" mit unheimlicher Catchiness samt Handclaps die besungene Panikattacke einfach weggaloppiert. Dazwischen erzeugt "Light night mountains all that" eine wahnsinnige Energie, wenn Steiner über polternden Drums und gewittrigen Feedback-Wolken ihr Mantra "You didn't care" in unterschiedlichen Gemütslagen herauslässt. Frustration als noisiger Indie-Rock-Abriss, der passenderweise weder Höhepunkt noch Offenbarung findet, sondern endlos ausbrennt.

Einen ähnlichen Vibe vermittelt das rastlose "What's right?", das in der Mitte mit großem Knall den Boden aufreißt und Steiner zur Begegnung mit ihrem Unterbewusstsein treibt. Die Musik von "Singin' to an empty chair" ist an und für sich schon ausdrucksstark genug: Bruchmomente und ausgedehnte Songlängen artikulieren Sehnsüchte, das oft aussichtslos erscheinende Greifen nach etwas, das die Entfremdung überwindet. Doch auch Steiners Lyrics sind das genaue Hinhören wert – nicht nur, wenn sie nach Worten für ihre komplexen Gefühle gegenüber der angesprochenen Person sucht, sondern auch, wenn sie verspielt vor sich hin textet. Gerade das sehr Country-nahe "Penny in the lake" geizt nicht mit wundervollen und absurden One-Linern: "Baby, you're my Ringo Starr." "The bugs are writing books with their eyes." Gemeinsam mit der lockeren Single "The world, so madly" und "Strange love", das alle negativen Gedanken mit folkiger Gelassenheit verabschiedet, bildet der Track ein zentral platziertes Trio, das jedes Gewicht der emotionalen Tumulte drumherum kurzzeitig abschüttelt.

Diese Verschnaufpause ist vor allem deshalb nötig, weil direkt im Anschluss das Herzstück des Albums folgt. "Just want you to know the truth" pointiert das Thema in einer achtminütigen Kurzgeschichte, in der Steiner, in eigenen Worten, jede Zeile ausblutet. "Once you had left home, we cleaned out the house / Came upon some skeletons that none of us knew shit about", heißt es da, kurz bevor Gitarrist Dave Sagan mit einem stark verzerrten Solo durch die Slide-Gitarren-behangene Dramatik schneidet. Mehr von der Leine lässt er sein Instrument nur im fast genauso langen "Burn it down", dessen an Neil Young geschulter Instrumentalpart wahrlich die Luft anzündet. Der Rauch verzieht sich im finalen "At peace in the Hundred Acre Wood", das den fiktiven Wald aus "Winnie Pooh" als Metapher nutzt, um sich eine mit allen geliebten Menschen gefüllte Umgebung vorzustellen. Unrealistischer Eskapismus oder doch ein entscheidender Schritt zum Seelenfrieden? Wer einen leeren Stuhl ansingt, bekommt eben keine klaren Aussagen zurück.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Open up
  • Light night mountains all that
  • Just want you to know the truth
  • Burn it down

Tracklist

  1. Open up
  2. Know you then
  3. Light night mountains all that
  4. Anywhere
  5. Penny in the lake
  6. Strange love
  7. The world, so madly
  8. Just want you to know the truth
  9. What's right?
  10. Burn it down
  11. At peace in the Hundred Acre Wood

Gesamtspielzeit: 50:51 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

saihttam

Postings: 2926

Registriert seit 15.06.2013

2026-03-19 23:31:53 Uhr
Mich hats leider auch noch nicht so richtig gekriegt, obwohl ich die Band sehr gerne mag. Würde ich mir trotzdem jederzeit wieder live anschauen.

dreckskerl

Postings: 11887

Registriert seit 09.12.2014

2026-03-19 19:58:27 Uhr
Ich freue mich ebenfalls über die Rezension, gewohnt präzise und verständlich geschrieben.

Das Album nimmt mich (zuminderst bis jetzt) noch nicht so sehr mit, wie "The Window", es ist musikalisch herausfordernder, komplexer muss man sich mehr "erarbeiten".

Tolle Band.

HerrH.

Postings: 168

Registriert seit 04.02.2021

2026-03-19 08:52:49 Uhr
Schön, dass die noch rezensiert wird! Wieder starkes Album, kommt aber mMn nicht an "printer's devil" ran. Tatsächlich muss ich in akustischer Stimmung sein, um die leicht quäkige Stimme nicht nervig zu finden...
Häufig klappt ich eine PopPunk - Americana - Verknüpfung für mich nicht, aber hier funzt das grandios!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30387

Registriert seit 08.01.2012

2026-03-18 21:06:40 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?


Enrico Palazzo

Postings: 8623

Registriert seit 22.08.2019

2026-02-12 09:08:55 Uhr
Ich finde das Album ja auch ganz nett, aber ich frage mich, wieso die Bewertungen so hoch sind. Eigentlich ist das doch recht gewöhnlicher Indie-Americana oder Indie-Countryrock oder so. Also ich sehe da jetzt irgendwie nichts, dass die Band oder die Platte von vielen anderen abhebt. Nichtsdestotrotz gebe ich 7/10, vermute aber, dass die Platte im Laufe des Jahres nicht mehr oft gehört wird.
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