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Nothing - A short history of decay

Nothing- A short history of decay

Run For Cover / Cargo
VÖ: 27.02.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Zahn der Zeit

Der menschliche Körper verfällt mit der Zeit. Das kann in kleinem Maße geschehen, wie es das Cover von "A short history of decay" am Beispiel fauler Zähne freundlicherweise sehr explizit veranschaulicht. Es kann aber auch gravierendere Auswirkungen haben, wie Domenic Palermo erleben musste, als bei ihm eine genetisch bedingte neurologische Erkrankung festgestellt wurde. Diese Erfahrung ist auch ein Grund dafür, warum das fünfte Album von Nothing ihr introvertiertestes bisher ist. Die Band, die im Wesentlichen aus Palermo und regelmäßig wechselnden Mitmusiker*innen besteht, brach bereits auf "The great dismal" stellenweise mit dem "Heavy Shoegaze"-Stil, dessen Aufbäumen sie in den 2010er-Jahren entscheidend mitgeprägt hat. Auf "A short history of decay" hält sich das neue Line-Up – zu dem unter anderem Best Coasts Bobb Bruno am Bass gehört – an nicht wenigen Stellen so zurück, dass es fast wie eine Solo-Platte von Palermo anmutet.

"When I was old / Ain't life terrible / With beautiful things getting between", singt der Frontmann im Opener "Never come never morning", der eine radikale Richtungsänderung vermuten lässt. Nicht mehr als eine Akustikgitarre dominiert zunächst, und wenn dann doch der Strom einsetzt, geschieht dies nicht als Feedback-Explosion, sondern in Form klarer Saitenbewegungen, die gar an U2 oder die frühen Coldplay erinnern. Wer Nothing nun aber schon als Mainstream-Rock-Band abstempeln will, bekommt direkt im Anschluss eine Backpfeife verpasst. "Cannibal world" versteckt seine kaum vernehmbaren Vocals unter rauschender Verzerrung, Breakbeats und Industrial-Noise-Ausbrüchen – so ähnlich hätte womöglich ein Jungle-Album von My Bloody Valentine geklungen. Auch der Titeltrack verschreibt sich den Shoegaze-Legenden mit polternden Drums und herrlichem Gitarrenquietschen, während Palermo keinen Bock auf irgendwelche Predigten hat: "If there's one less thing I need / It's some life lesson."

Songs wie dieser beweisen, dass Nothing ihr Kernmetier noch immer wunderbar beherrschen. Mehr Wucht erzeugt nur das mit dynamischen Verschiebungen spielende "Toothless coal", das destruktive Bilder wie "Burning at the stake / Laughing at the flames" mit Metal-nahen Gitarren und schwebenden Hooks in Deftones-Manier verspachtelt. Zwischen dem Eröffnungstrio und besagtem "Toothless coal" schraubt der Fünfer die Intensität allerdings weit nach unten. Mit Piano, Akustikgitarre und Gitarren-Slides kleidet "The rain don't care" seinen niedergeschlagenen Dream-Pop in ein Gewand, das beinahe als Americana durchgehen könnte. Das von Harfenistin Mary Lattimore unterstützte "Purple strings" verschiebt die Ästhetik ins Streicher-verzierte Nebenzimmer, bleibt aber ganz am balladesken Boden. Es sind schöne Songs, die zum markanten Abwechslungsreichtum von "A short history of decay" beitragen, auch wenn sie eher nicht den Hauptgrund darstellen, warum man zu einer Platte von Nothing greift.

Im Schlussdrittel bleiben Palermo und Co. vergleichsweise ruhig, erweitern das Spektrum des Albums jedoch um eine Neunziger-Indierock-Schlagseite. "Ballet of the traitor" schwelgt im Reverb-getränkten Slowcore, bevor "Nerve scales" zitternde Drums mit Gitarren-Arpeggios behängt, die dezente "Street spirit (Fade out)"-Vibes versprühen. Beide Songs verhindern das Abdriften in die Monotonie, indem sie im Schlusspart die Regler hochdrehen. In Sachen Crescendo setzt der Closer "Essential tremors" – benannt nach Palermos Erkrankung – allerdings noch einen drauf, wenn er ausgehend von der Zeile "I guess the joke's on me" den Krach von der Leine lässt, bis nur noch ein paar atonale Reste übrigbleiben. In Zeiten, in denen der Shoegaze ein unwahrscheinliches Revival unter anderem durch TikTok erfährt, zeigen Nothing, wie man dem Genre gleichzeitig treu bleiben und seine künstlerische Identität um neue Facetten erweitern kann. Körper mögen zerfallen, doch Nothing bleiben standhaft.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Cannibal world
  • A short history of decay
  • Toothless coal

Tracklist

  1. Never come never morning
  2. Cannibal world
  3. A short history of decay
  4. The rain don't care
  5. Purple strings
  6. Toothless coal
  7. Ballet of the traitor
  8. Nerve scales
  9. Essential tremors

Gesamtspielzeit: 42:35 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Blanket_Skies

Postings: 696

Registriert seit 21.09.2013

2026-03-25 11:31:00 Uhr
Den Opener find ich richtig stark. Ansonsten enttäuscht mich ein bisschen das Fehlen von verzerrten Gitarren. Bei mir bisher eine 6,5/10. Also ein nettes Album, das ich eventuell im April vergessen hab.

saihttam

Postings: 2929

Registriert seit 15.06.2013

2026-03-20 00:00:43 Uhr
Muss es noch mal versuchen. Vom ersten Durchgang ist leider nicht viel haften geblieben.

fluppeaufex

Postings: 512

Registriert seit 29.10.2019

2026-03-19 10:11:02 Uhr
Großes Album!

Im Gesamtkontext passen sich auch die eher ruhigeren Songs an. Alleine der Opener mag mir nicht so recht gut reingehen, dabei war dass bisher eigentlich immer eine stärke der Band.

Vive

Postings: 1464

Registriert seit 26.11.2019

2026-03-19 06:51:39 Uhr
die vorab-single klang so erschreckend nach coldplay, dass ich zuerst dachte, dass das andere nothing sein müssen..

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30443

Registriert seit 08.01.2012

2026-03-18 21:06:13 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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