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The Delines - The set up

The Delines- The set up

Decor / Indigo
VÖ: 06.03.2026

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Für die Bestenlisten der Herzen

Auch die Musikwelt ist mitunter ungerecht. Als "Mr. Luck & Ms. Doom" im Februar 2025 erschien, überschlug sich das Gros der Kritiker*innen vor Lob. Häufig wurde das Album als quasi gesetzter Kandidat für die Jahresbestenlisten genannt – um dann doch in kaum einer aufzutauchen. Ich verkniff mir in meiner Rezension den Schwenk zum Jahresende. Nicht weil ich das bis dato beste Album von The Delines für weniger als ein Meisterwerk gehalten hätte – in meinen Top 5 des Jahres fand es seinen Platz –, sondern weil ich die Mechanismen der Musikindustrie schon damals ganz gut einschätzen konnte. Country-Soul aus der Feder eines sich seinem 60. Lebensjahr nähernden Mannes, der bis jetzt sowohl als Musiker als auch als Romanautor eher ein Geheimtipp blieb? Nicht nur auf Preisverleihungen kaum vermittelbar. Würde Willy Vlautin Bob Dylan oder Bruce Springsteen heißen, sähe die Sache selbstredend anders aus. In deren lyrischer Tradition steht auch "The set up" wieder, berichtet über greifbare, fehlerbehaftete, sich nie aufgebende Outlaws.

Nur 13 Monate nach einem Großwerk dessen Nachfolger? Klingt das nach Outtakes, nach aufgeblasener B-Side-Sammlung? Den verwegenen Gedanken verwirft man bereits im Opener. Dank Melancho-Bläsern und der unnachahmlichen Stimme von Amy Boone tauchen die sich nach Spanien absetzenden Feuerteufel Harold und Pearl beinahe zwangsläufig vor dem inneren Auge auf. Mastermind Vlautin erzählt Geschichten werkübergreifend, spinnt diesmal vor allem Handlungsstränge aus "Mr. Luck & Ms. Doom" weiter. Selbst in einem herrlichen Instrumental wie "Jumping off in Madras", das Vlautin zufolge beschreibt, wie die Protagonistin aus "Her ponyboy" nach dem Tod ihres Partners einen Güterzug verlässt. Blechblasinstrumentalist Cory Gray und Produzent John Morgan Askew lassen einen die Hoffnung auf einen Neuanfang in der Hitze des Jefferson Countys in Oregon förmlich spüren. Die Luft flimmert, bis der aus Boone und ihren Bandkollegen bestehende Chor nebst Piano in "Dilaudid Diane" die Nacht willkommen heißt.

Noch balladesker und somnambuler als seine Vorgänger gerät "The set up". Die Mitsing- und Mitsummrefrains fährt das Ensemble deutlich zurück, setzt an ihrer statt vermehrt auf Spoken Word und cineastische Interludes. Zudem verdichtet Vlautin in seinen Lyrics wieder stärker als zuletzt. An die Stelle von (im besten Sinne) romantisierenden Nacherzählungen halber Lebensläufe treten knappere, finsterere, abgründigere Fortsetzungen. Nur "The reckless life" malt wieder das gesamte Panorama, erzählt die Geschichte Bonnies, die mit dem Liebhaber ihrer Mutter durchbrennt und schließlich ihre Jugendfreundin bestiehlt. Boone zieht in letzterer Rolle einen bitteren Schlussstrich: "The reckless life ain't reckless / Until that one day comes and / You finally get caught." Ein zweiminütiges Outro setzt die Kirsche auf die Torte, ehe ein weiteres Highlight folgt.

Mit "Walking with his sleeves down" veröffentlichen The Delines ihre vielleicht schönste Ballade. Wenn man die Diskografie der Band kennt, weiß man, was das zu bedeuten hat. Geschichten wie jene über einen verzweifelten Mann, der nicht mal mehr für die Schönheit der Musik empfänglich ist, will man im kleinen Club hören. Besser noch in einem winzigen Pub. Umgeben von Zigarettenqualm und Geplauder, selbst dann, wenn man eigentlich keinen Zigarettenqualm und kein Geplauder während Konzerten leiden kann. Boone lässt Vlautins Worte klingen, als seien sie erst während der Aufnahme im Stream of Consciousness entstanden, leistet ihren Beitrag, dass der Song trotz oder gar wegen aller ihm innewohnenden Melancholie tröstet. Auch wenn man The Delines etwas gänzlich anderes wünschen würde: Es hätte auch seine positive Seite, wenn sie ein relativ gut gehütetes Geheimnis bleiben und auch am Ende dieses Jahres nicht in den offiziellen Jahresbestenlisten landen. Unabhängig davon bin ich mir sicher, dass "The set up" zumindest seinen Weg in viele Jahreslisten der Herzen finden wird. Dann behalten wir die Band eben für uns.

(Dennis Rieger)

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Highlights

  • Dilaudid Diane
  • The reckless life
  • Walking with his sleeves down

Tracklist

  1. The set up Part 1
  2. Can you get me out of Phoenix?
  3. Jumping off in Madras
  4. Dilaudid Diane
  5. Keep the shades down
  6. Getting out of the ward
  7. The set up Part 2
  8. The reckless life
  9. Walking with his sleeves down
  10. The meter keeps ticking
  11. The set up Part 3
  12. The last time I saw her

Gesamtspielzeit: 38:05 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Grizzly Adams

Postings: 6640

Registriert seit 22.08.2019

2026-03-19 21:54:04 Uhr
Absolut. Wie man mit so wenig (Instrument und Stimme) wie in „Dilaudid Diane“ und „Walking with the sleeves Down“ so viel erreichen kann… bin bei dir. Bestes Album in 2026 so far.

dreckskerl

Postings: 11887

Registriert seit 09.12.2014

2026-03-19 21:33:54 Uhr
edit:
---von Mr.Luck & Ms.Doom geliefert...

dreckskerl

Postings: 11887

Registriert seit 09.12.2014

2026-03-19 21:30:49 Uhr
Dem stimme ich zu.
Völlig unerwartet so flott einen Nachfolger von Mr. geliefert zu bekommen und dann ist er, zumindest für mein Empfinden sogar "besser", mich noch mehr berührend.
Bestes Album des Jahres bislang.

Ganz tolle Band, einer DER Entdeckungen der letzten Jahre.

Grizzly Adams

Postings: 6640

Registriert seit 22.08.2019

2026-03-19 20:46:32 Uhr
Die Stimme - ohnehin ganz wunderbar - von Amy Boone für mich noch ein bisschen stärker als auf dem letzten Album. The Delines sind sicher underrated. Die Band ist ein Geheimtipp, der auch hier im Forum ob der Vorlieben der meisten User sicher einer bleiben wird. Einfach toll. Ein ganz wunderbares Album.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30387

Registriert seit 08.01.2012

2026-03-18 21:04:46 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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