Kim Gordon - Play me
Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 13.03.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
Was bleibt
Kim Gordon ist schlecht drauf. Immer wieder, immer noch. Angesichts des Irrsinns, der sich in ihrem Heimatland abspielt, wenig überraschend. Doch Gordon grummelt nicht nur über die politischen und gesellschaftlichen Zerfallserscheinungen in den USA, sondern ist mit der Gesamtsituation unzufrieden. Deshalb ist ihr neues Album "Play me" auch ihr bisher direktestes Solo-Werk. Die Songs sind kurz, die Botschaften klar. Singen kann Gordon natürlich weiterhin nicht, aber das muss so. Ihr unverkennbarer Sprechsingsang ist mit zunehmendem Alter zwar etwas zahmer geworden, wenn es nötig ist, keift die New Yorkerin jedoch wie eh und je. Und so richtet sie ihren gerechten Zorn auf alles, was ihr auf die Nerven geht. Korrupte Eliten, amoralische Tech-Feudalisten, aufmerksamkeitsdefizitäre Influencer – alle kriegen ihr Fett weg.
Die Musik fällt wie schon auf "The collective" gleichermaßen elektronisch wie eklektisch aus. Trap-Beats treffen auf zerstückelte Samples, die Zwischenräume werden mit der Konkursmasse der Rockmusik gefüllt. Der Lärm früherer Tage schimmert immer wieder durch, auf Feedback-Exzesse verzichtet Gordon allerdings. Stattdessen dominiert analoge Verzerrung die Klanglandschaft, nachzuhören etwa im passiv-aggressiven "Subcon", dessen Beat klingt, als hätte jemand Dälek mit einem Straßenköter gekreuzt. Nein, eingängig ist hier nichts. Einflüsse aus dem alternativen Hip-Hop bestimmen allgemein das Soundkonzept, besonders der Titelsong erinnert mit seinen verfremdeten Soul-Samples und synkopierten Beats an Pioniere wie J Dilla.
Dass Gordon die Lust am Experiment nicht verloren hat, muss man ihr hoch anrechnen. Während sich andere sogenannte "legacy artists" der stadiontauglichen Demontage des eigenen Denkmals widmen, macht Gordon es sich im Keller gemütlich. Besonders die abstrakteren Tracks zeigen, dass man keine großen Melodien braucht, um eine Botschaft zu vermitteln. "Post empire" stolpert beispielsweise keuchend vor sich hin, fast wie im richtigen Leben. Ähnlich verspult kommt "Nail biter" daher. Nihilismus mag keine Leben retten, ist aber manchmal einfach nötig. Besonders eindrücklich geraten die Songs, die Einflüsse aus dem Krautrock aufgreifen. Diesbezüglich sei "Girl with a look" erwähnt, eine Anti-Hymne über die Unmöglichkeit, im Zwischenmenschlichen zu existieren. Identitäten lösen sich auf, was bleibt, ist Wut.
"No hands on the wheel / Let go", knurrt Gordon in "No hands", während sich die musikalische Begleitung in alle Einzelteile auflöst. Texte werden zu Textur, die Haut zur Hülle. Unter der Oberflächlichkeit lauert der Abgrund, ein Loch, das keine Marketing-Kampagne stopfen kann. In "Not today" sinniert Gordon über die Vergänglichkeit alles Schönen und bleibt dabei exakt so vage, wie es die Vernunft gebietet. Diese Ergebnisoffenheit ist es auch, die Gordons Musik weiterhin spannend macht. In einer Welt, die offensichtlich den Verstand verloren hat, wird Kunst automatisiert. Produkte wollen platziert werden, obwohl sie keinen Willen haben. Aber wo kein Wille ist, ist Therapie. "Byebye25!", eine Neuinterpretation des "The collective"-Openers, beschließt das Album. Und damit schließt sich irgendwie auch ein Kreis: Die neue, alte Kim Gordon zählt ein weiteres Mal alles auf, was nicht in Ordnung ist. Die Maschinen sterben vor sich hin, zum Gehorsam verpflichtet. Irgendwo, ganz weit weg, zündet jemand eine Flagge an.
Highlights
- Girl with a look
- No hands
- Not today
- Subcon
Tracklist
- Play me
- Girl with a look
- No hands
- Black out
- Dirty tech
- Not today
- Busy bee
- Square jaw
- Subcon
- Post empire
- Nail biter
- Byebye25!
Gesamtspielzeit: 29:55 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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fuzzmyass Postings: 21187 Registriert seit 21.08.2019 |
2026-03-18 23:28:02 Uhr
Finds auch großartig, evtl sogar noch besser als den Vorgänger da irgendwie offener und etwas abwechslungsreicher, gleichzeitig aber sehr kurz und knackig... macht mega Spaß |
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fakeboy Postings: 6641 Registriert seit 21.08.2019 |
2026-03-18 21:32:51 Uhr
Ich finde die Sachen von Kim Gordon mittlerweile klar am spannendsten. Thorsten und Lee haben halt einfach weitergemacht, wo SY aufhörten. Kim Gordon hat sich völlig neu erfunden - und bleibt nicht stehen. Play Me so anders als Collective! Bin ziemlich begeistert. Und ganz nebenbei realisiere ich dann immer mal wieder, dass sie so alt ist wie meine Mutter. Respekt! |
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Telecaster Postings: 1442 Registriert seit 14.06.2013 |
2026-03-17 10:46:50 Uhr
War immer großer Fan von Sonic Youth und habe entsprechend auch das verfolgt, was danach passiert ist.Thurstons Solo-Karriere hat Ups und Downs. Lee Ranaldos durchwegs gut, streckenweise fantastisch gut. Mit den Platten von Kim Gordon tue ich mir leider schwer. |
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myx Postings: 6370 Registriert seit 16.10.2016 |
2026-03-16 13:27:18 Uhr
Gefällt mir auch gut und hat vor allem etwas richtig Ansteckendes. Ich meine, den grossen Spass zu spüren, den sie selber bei der ganzen Sache hat. |
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The MACHINA of God User und Moderator Postings: 36702 Registriert seit 07.06.2013 |
2026-03-13 17:57:54 Uhr
Ich finde dieses hellere und all over the place ja etwas überraschend Japp, ich war auch irgendwie überrascht. Aber ja, macht Spaß. Wird oft laufen. |
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Referenzen
Sonic Youth; Body/Head; Glitterbug; Free Kitten; Clipping.; Death Grips; Portishead; Beth Gibbons; Mandy, Indiana; Lightning Bolt; Fever Ray; Low; Massive Attack; Melt-Banana; Gesaffelstein; HEALTH; Zola Jesus; Throbbing Gristle; Dälek; Beak>; Show Me The Body; Gilla Band; Backxwash; Einstürzende Neubauten; Skinny Puppy; J Dilla; Flying Lotus; Ho99o9; JPEGMafia; Autechre; M.I.A.; EMA; Aphex Twin; Dana Dentata; Chelsea Wolfe; Boris; Nine Inch Nails; Liars; Neu!; Kraftwerk; How To Destroy Angels; Black Dresses; Gewalt; Swans; Anna von Hausswolff; Soulwax; Grimes; Anna B Savage; Nico; PJ Harvey; Björk; Billie Eilish; Henry Rollins
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