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Bill Callahan - My days of 58

Bill Callahan- My days of 58

Drag City / Indigo
VÖ: 27.02.2026

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Lauter Fragezeichen

Bill Callahan stellt Fragen. Sich. Uns. Kleine und große. Bedeutende und beiläufige. Nicht alle geben sich als solche von vornherein zu erkennen. Manche aber schon. Zum Beispiel möchte Callahan gleich zum Auftakt wissen, was das eigentlich alles soll, mit der Musik und überhaupt. "Tell me why, why, why do men sing?" Oder, ganz grundsätzlich: "Are you human?" Seltsame Frage, mag man meinen, doch die offenkundig simple Antwort täuscht. "It's kind of funny, kind of sad / How easily we take the question." Immerhin, und das ist bei den vielen Fragezeichen dann doch mal eine erste Gewissheit, ein Ausgangspunkt, von dem aus man in dieses Album eintauchen kann: Bill Callahan ist kein Roboter. "I'm not a robot and I never will be." Zweifellos, denn noch kann keine Apparatur, kann keine künstliche Intelligenz (und können auch nur die allerwenigsten Menschen) solche Songs schreiben. Was aber den Menschen Bill Callahan ausmacht und umtreibt, davon erzählt "My days of 58" auf eindrucksvolle und eben ziemlich unvergleichliche Weise. Es ist, wenn die Zählung stimmt, Album Nummer 23 – und sein bislang persönlichstes.

"My days of 58" hat etwas Tagebuchhaftes, reiht Momentaufnahmen eines Künstlerlebens aneinander, lässt den Blick schweifen, nimmt sich Zeit. Sucht nach den richtigen Worten, den passenden Tönen. Die präzise gesetzten, fein ausformulierten Americana-Arrangements mögen zunächst eine gewisse Gleichförmigkeit suggerieren. Tatsächlich passiert hier aber jede Menge, und auch einzelne Songs nehmen mitunter eine unerwartete Abzweigung, ändern die Tonalität, hier kommt was dazu, dort eine Unterbrechung, ohne dass es überladen oder beliebig wird. Das schwermütig schlurfende "West Texas" setzt Streicher und eine singende Pedal-Steel-Gitarre so dosiert wie wirkungsvoll ein, anderswo werden Kraut und Jazz untergemischt. Auch die Texte mäandern mitunter, kommen aber stets zurück aufs Wesentliche. Wie das ist mit der lebensverändernden Kraft der Musik, fragt anknüpfend an "Why do men sing" etwa auch der wunderbare Spoken-Word-und-Saxofon-Schunkler "Pathol O.G." – und antwortet darauf mit der vielleicht schönsten Zeile des Albums: "It's important to not treat your lifeboat like a yacht."

Es ist unter anderem dieser Humor, der hier und da für einen kurzen Moment aufblitzt und auch das Schwere erträglich macht. Denn beschönigt, geglättet oder heruntergespielt wird in dieser Rück- und Umschau nichts. Immer wieder gerät "My days of 58" beinahe schmerzlich direkt. Daneben ist das gesamte Album vor allem auch getragen von einer großen Wärme und einem Wunsch nach Verständnis. In "Empathy" reflektiert Callahan über das schwierige Verhältnis zu seinem verstorbenen Vater, die Versehrungen, die er davon getragen hat, und wie sie das Verhältnis zu seinen eigenen Kindern beeinflussen. Es sind Worte von äußerster Einfachheit und Klarheit, vorgetragen in Callahans Bariton, gekleidet in einen schnörkellosen Folksong. An den misanthropischen Kauz der Smog-Jahre erinnert dagegen allenfalls entfernt der Song "Computer", der nach knorrigem Beginn mit der schon zitierten Zeile "I'm not a robot and I never will be" aber plötzlich munter wird – und ohnehin besteht die Pointe hier ja gerade darin, dass Callahan ganz unironisch die Humanität und den menschlichen Makel gegenüber dem seelenlosen technischen Fortschritt hochhält. "Sing it, sing it, sing it with me."

Dass, wer einem Album schon mal den Titel "Apocalypse" verpasst hat, auch über das unvermeidliche Ende nachdenkt, verwundert kaum. "Stepping out for air" ruft zum Jüngsten Gericht, Erzengel Gabriel bläst ins Horn – doch das klingt mehr nach Jazz-Club als nach Fanfarengetöse. Ohnehin hat sich der Fokus unlängst verschoben: "And now my biggest fear is not the dying / My biggest fear is that I'll stop trying / To be the man I am supposed to be / We take life seriously, laugh in the face of death." Im Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit findet Callahan in "The man I'm supposed to be" schließlich zu einer Gelassenheit, beschließt den Song mit einem befreiten Kichern. Und hören wir in "Highway born", wo Callahan launig "pedal down" auf "settle down" und "chili spoon" auf "honeymoon" reimt, zwischendrin nicht sogar ein Pfeifen? Kein bedeutungsschwangeres Klaus-Meine-Pfeifen, sondern ein Pfeifen, so wie manche Menschen eben pfeifen, wenn sie mal für einen kurzen Augenblick beinahe unbeschwert durchs Leben gehen.

(Markus Huber)

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Highlights

  • The man I'm supposed to be
  • Empathy
  • West Texas
  • Computer

Tracklist

  1. Why do men sing
  2. The man I'm supposed to be
  3. Pathol O.G.
  4. Stepping out for air
  5. Lonely city
  6. Empathy
  7. West Texas
  8. Computer
  9. Lake Winnebago
  10. Highway born
  11. And dream land
  12. The world is still

Gesamtspielzeit: 60:53 min.

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User Beitrag

Lucas mit K

Postings: 470

Registriert seit 19.07.2024

2026-03-25 18:51:15 Uhr
Mir geht’s mit dem Album ziemlich genau wie dir, Unangemeldeter. Hatte auch über die letzten zwei, drei Alben ein wenig das Interesse verloren. Letztes Jahr habe ich ihn in Berlin zum ersten Mal live gesehen und war doch leicht enttäuscht. Er spielte allein, nur mit Gitarre und Hi-Hat, was sehr monoton war. Tat den Liedern irgendwie nicht gut. Warum er ohne Band aufgetreten ist, weiß ich bis heute nicht.

Ich verfolge Callahans Musik allerdings seit ca. 20 Jahren, sodass ich dem neuen Album natürlich eine Chance geben musste. Auch wenn ich erst nach einigem Zögern dazu übergegangen bin, die ganze Platte von Anfang bis Ende durchzuhören. 60 Minuten Spieldauer sind mir i.d.R. zu viel.

Es beginnt sehr stark, überhaupt der Einstieg bis inklusive „Lonely City“ ist ne Wucht, vor allem die Lyrics:

And now my biggest fear is not the dying
My biggest fear is that I’ll stop trying
To be the man I am supposed to be


Ich kann das gar nicht ohne das Wissen um Callahans Krebserkrankung hören. Das ist so schnörkellos direkt, dass es auch ein bisschen weh tut. Und gleichzeitig ist es hoffnungsvoll. Der Erzähler wird nicht aufgeben. Er wird weiter sein schöpferisches Potential nutzen, die Angst um sich nicht übermächtig werden lassen. Das berührt schon sehr. Das „Hee-hee“ am Ende des Songs ist dann der befreiende Witz, der dem Ernst des Todes entgegenwirkt.

Über weite Strecken schafft Callahan für mich den Spagat zwischen Storytelling und musikalischer Darbietung. Der stimmliche Vortrag steht am Anfang der Songs meist im Vordergrund, instrumental erscheint es zunächst trügerisch simpel. Erst nach hinten raus kulminiert es dann folkig und leicht jazzig polternd und wird dynamisch. Das entwickelt nach mehrmaligem Hören einen schönen Sog und ich habe mich schon das ein oder andere Mal dabei erwischt, wie ich „Lay that ladder down, boy“ (Pathol O.G.) oder „Gabriel Gabriel Gabriel“ (Stepping Out for Air) vor mich her skandierte.

Manchmal ist es mir jedoch fast zu intim, zu stark autobiografisch (oder autofiktional?). „Empathy“ zum Beispiel, der Song über den Vater:

Let me tell you something you never knew
Dad, I'm just like you


Es ist schon ein starker Text, aber irgendwie reicht es mir auch, den Song nur ein, zwei mal zu hören. Das ist vielleicht ein bisschen das Problem hier für mich: die Erzählung ist mir hier zu zentral und die Musik ist insofern nicht spannend genug, als dass ich den Text größtenteils ausblenden könnte, weil er sich gut integriert. Nein, er springt mich an.

Einziger Totalausfall für mich ist „Computer“. Eine kleine Tirade gegen unsere moderne digitale Welt, die ein bisschen klischiert daherkommt. Klar, ist das alles verkommen. Wissen wir:

I’m not a robot and I never will be

Ach, wirklich …? Hm. Das darauffolgende Autotune-Bashing ist für mich nicht mehr als das bornierte Granteln eines in die Jahre gekommenen Mannes. Ich hab aber auch einfach nichts gegen Autotune und bin wohl digital native. Finde diese Anti-Haltung hier halt etwas lächerlich. Vielleicht müsste ich an der Stelle stärker trennen zwischen Autor und Erzähler, um darüber hinwegsehen zu können. Fällt mir innerhalb dieses stark autobiografischen Albumkonzepts allerdings schwer.

Fazit: Gutes Album. Hier sind einige seiner besten Songs darauf, aber auch einige wenige verzichtbare. Highlights: Die ersten fünf Songs, „West Texas“, „Lake Winnebago“.

7.5/10

VelvetCell

Postings: 9747

Registriert seit 14.06.2013

2026-03-18 19:30:20 Uhr
Sehe ich ähnlich: nach hinten raus fasert es etwas aus.

Unangemeldeter

Postings: 2442

Registriert seit 15.06.2014

2026-03-18 13:48:47 Uhr
Das ist schon über weite Strecken ein sehr gutes Album. Ich hab zwar brav immer die Alben gekauft, aber war dem Mann ein wenig überdrüssig geworden; ich kann wohl an einer Hand abzählen, wie oft ich die letzten paar Alben wirklich hab durchlaufen lassen.

Die neue fängt irre gut an, hat dann in der zweiten Hälfte aber doch auch wieder ein paar Filler (Highway Born...) und ist einfach zu lang. Aber man spürt wie sehr das ein Band-Album geworden ist, was ihm hörbar gut tut. Sicherlich seine beste seit seinem Peak-Run zwischen Eagle und Dream River. Wenn er nur auch wieder so rigoros den Fettabsauger angesetzt hätte wie zu dieser Zeit und die überschüssigen 3, 4 Songs weggekürzt hätte, wäre das wohl auf Augenhöhe gelandet. So bin ich eher bei einer immer noch beachtlichen und für mich unerwarteten 7/10.

VelvetCell

Postings: 9747

Registriert seit 14.06.2013

2026-03-14 15:58:56 Uhr
Fantano gibt "Light 9".
Und mir gefällt's auch außerordentlich gut.

ijb

Postings: 8141

Registriert seit 30.12.2018

2026-03-12 12:50:13 Uhr
Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass Arschloch sein gesund hält.

Ich denke eher, dass Sehr-viel-Geld-für-die-richtigen-Ärzte-Haben gesund hält. Und einen großen Stab von staatlich bezahlten Leuten, die jede kleine Gefahr im Blick haben, hilft natürlich auch.
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