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James Blake - Trying times

James Blake- Trying times

Good Boy
VÖ: 13.03.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Aber bitte lamentiert

"I'm breaking / I hide it well." Pah. Was James Blake im Titeltrack seines siebten Albums "Trying times" behauptet, ist wohl hoffentlich ironisch gemeint. So viel Weinerlichkeit auf einem Haufen hat man lang nicht mehr erlebt, man möchte glatt in Oliver-Ding-Bright-Eyes-Meltdown-Modus gehen. Auf ein "This is love" folgt natürlich die Feststellung "Last day of", "I don't know what to believe", jammert er woanders. Die Platte könnte auch "Crying times" heißen, höhö. Irgendeine Uplift-Mucke sollen weiterhin mal schön andere machen. Blake hat weiterhin den Blues in seinem Elektro-Soul und fährt damit natürlich gut, ganz gleich, wie, ähm, thematisch fokussiert die Lyrics diesmal ausgefallen sind. Überhaupt wirkt "Trying times" auch nüchtern betrachtet wie ein reichlich fehlbesetzter Albumtitel, denn ausprobiert wird hier so gut wie nichts, sondern sich auf bewährte Stärken verlassen. Die 13 Stücke verändern fast nichts am James-Blake-Kernsound, sitzen quasi inmitten der zwei Vorgänger: Die Abstraktion von "Playing robots into heaven" trifft auf die Einfachheit und Direktheit von "Friends that break your heart".

Es beginnt sehr intensiv. Der Opener "Walk out music" lässt "You're no good to anyone!" von einer Piepsstimme hineinrufen und schwingt sich dann zu einem tollen Höhepunkt mit drückendem Beat und gleißenden Synths auf. Die Single "Death of love" sampelt sehr stimmungsvoll Leonards Cohens "You want it darker" und formt daraus ein unheimliches Lament, welches Blake mit seinen Vocals veredelt. "I think we might be sleeping / I think we might be walking / To the death of love." Die Messlatte liegt hoch und "Trying times" überspringt diese in der Folge nicht mehr. Immerhin gibt es doch noch einen Überraschungsmoment: "Make something up" traut sich im Refrain tatsächlich eine Indierock-Gitarre, die in Blakes Klangwelt sehr ungewohnt klingt. Bei so viel Aufregung muss sich das folgende "Didn't come here to argue" erst einmal in einen bewährten Walzertakt hineinlegen, bevor ein Beatswitch den Part von Monica Martin einleitet.

Keinesfalls ist es so, dass "Trying times" sich an irgendeiner Stelle die Blöße gibt, schwach zu werden – was die Qualität angeht, versteht sich, nicht das Ego des Protagonisten. Womöglich hat man nach dem grandiosen "Playing robots into heaven" etwas mehr erwartet und bekommt stattdessen etwas Hübsches wie den Vintage-Soul-Schunkler "I had a dream she took my hand" oder "Didn't just happen", das durch den Rap-Part von Dave an die entsprechenden Hip-Hop-Anlehnungen auf "Assume form" erinnert. Es sind Songs, die man von Blake gefühlt schon mal gehört hat, auch wenn seine Tricks keinesfalls ihre Wirkung verloren haben. Vielmehr schafft er es, trotz zunächst irrtierendem "I laff juuu-uuu-uuu"-Sample "Days go by" in immer schwindligere Höhen zu schrauben, bis es in der fulminanten Klimax den ganzen Raum einnimmt. Ähnlich kraftvoll schnauft zunächst "Rest of your life" durchs Gemäuer, während Blake noch "No pressure" ruft. Doch der erzeugt Druck ist das, was das Stück letztlich großartig abheben lässt.

Der "Closer "Just a little higher" stellt mit sanften Streichern schließlich doch die Frage in den Raum, ob Blake auch Gedanken abseits des Nachtrauerns von Verflossenen hat. "Something's wrong in the city I was born in / Something's wrong in the countryside / Everyone's getting different information / So how come we are on the same side?" Ist das etwas Gesellschaftliches, gar etwas Politisches? Ist es ein hoffnungsvoller Ausblick? Blake bleibt natürlich vage, aber macht klar, dass er keinesfalls ein One-Trick-Pony ist, wie man es bei oberflächlicher Betrachtung spitz anmerken könnte. Ganz so wie das filigrane "Trying times" sich als weiterer Beweis seines Könnens entpuppt. Weit und breit also kein Grund zur Trauer. Zumindest nicht auf diese Platte bezogen.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Walk out music
  • Death of love
  • Days go by
  • Rest of your life

Tracklist

  1. Walk out music
  2. Death of love
  3. I had a dream she took my hand
  4. Trying times
  5. Make something up
  6. Didn't come to argue (feat. Monica Martin)
  7. Days go by
  8. Doesn't just happen (feat. Dave)
  9. Obsession
  10. Rest of your life
  11. Through the high wire
  12. Feel it again
  13. Just a little higher

Gesamtspielzeit: 48:12 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

smrr

Postings: 450

Registriert seit 02.09.2019

2026-03-24 22:41:04 Uhr
und zwar das hier:

9/10
James Blake (2011) | Fantastische Produktion, teilweise schön minimalistisch und experimentell und doch album-fokussiert. Genau das richtige Werk nach den ersten EPs. Bester Track: "The Wilhelm Stream"

8/10
Overgrown (2013) | Schließt genau an das Debüt an. Gepitchte Vocals, Post-Dubstep-RnB mit kruden Samples als Kammerpop-Extrakt. Melancholisch und verregnet. Bester Track „I am sold“ und „Retrograde“.

Assume Form (2018) | Das erste richtige Kollabo-Album mit richtiger Mainstream-Ausrichtung (Metro Boomin), Gospelkram und knackiger Zugänglichkeit. Entweder richtig gut oder richtig egal. Gemischte Tüte mit den besten Pop-Songs („Barefoot“), besten eigenen Songs („Into The Red“) oder kitschigstem Kram „Can’t Believe“. Sicherlich das beste Einsteiger-Album. Bester Song: „Barefoot“.

7/10
Playing Robots Into Heaven (2023) | Das integrative Album. Verhuschte Vocals, verhalltes Piano, Regenbeats. Affirmativ und weniger auf Hiphop-Kollaborationen ausgelegt. Schöne melodische Schräglagen, Dur/Moll-Passagen, freundliche Samples. Zum Ende geht dem Werk die Luft aus; insgesamt auch das am wenigsten bekannte Werk. Bester Track: „Tell Me“ mit „Sandstorm Sample“.

6/10
The Colour In Anything (2016) | Irgendwie schwieriges drittes Album. Mehr Piano, mehr klassisches Songwriting. Weniger verwobblete Bässe, dafür mehr Längen und ziemlich egale Samples. Bester Track: „My Willing Heart“

Trying Times (2026) | Das erste Album als unabhängiger Künstler. Viele Trademarks (Gesang), dumpf-freundliche Bassmelodien). Die vielleicht klassischsten Soul-Melodien (Bester Track: „Trying Times“). Viele tolle Samples („Death Of Love“), aber letztlich in der 2. Hälfte auch zu wenig packend und überraschend.

Friends That Break Your Heart (2021) | Das Rückbesinnungs-Album nach „Assume Form“. Mehr Piano, noch weniger Elektronik bis zur Albummitte. Danach weniger Autotune-Schleicher, bisschen mehr Dringlichkeit. Aber letztlich vielleicht das schwächste Werk. Bester Track: „Say What You Will“

Die wichtigsten Werke sind aber die klang-definierenden EPs:

CMYK: 9/10
Klavierwerke: 9/10

Francois

Postings: 1584

Registriert seit 26.11.2019

2026-03-21 10:35:47 Uhr
Dann hast einiges versäumt, weil der auch dazwischen viel gutes Zeug veröffentlicht hat :)

Lucas mit K

Postings: 489

Registriert seit 19.07.2024

2026-03-21 07:43:41 Uhr
Schönes Album. Hatte James Blake schon gar nicht mehr auf dem Schirm, das Debüt hab ich damals geliebt. Sind auch so irre viele Einflüsse drauf. Von Hip-Hop über Indie-Pop zu 60s Soul. Vielleicht ein bisschen zu viele Samples insgesamt, aber ist schon ok.

Randnotiz: Ich höre versehentlich immer „Why don’t we make some dinner“ und bekomme Appetit. :–]

Francois

Postings: 1584

Registriert seit 26.11.2019

2026-03-18 08:59:38 Uhr
Also der Titeltrack ist mal ein schönes Highlight.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 11332

Registriert seit 26.02.2016

2026-03-17 23:35:58 Uhr
Aber Allmusic und Discogs z.B. (beides immer die besten Referenzen für sowas)

Allmusic kann ich nicht beurteilen, aber Discogs? Ähm, ne. Da ist so viel Müll in deren Datenbank.
Bei Wikipedia wird's ja aber auch gesondert geführt, eben nicht als "sein" Album.

Wenn du das alles dazuzählen willst, mach das gerne. Ich tu es nicht.
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