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Iron & Wine - Hen's teeth

Iron & Wine- Hen's teeth

Sub Pop / Cargo
VÖ: 27.02.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Wer zwischen Ufer und Untergang steht, steht knietief im Zweifel

"Praying for dry ground / Though I only want to drown." Dass Sehnsucht nach Rettung und Untergang auf einer Wellenlänge liegen, ist "as rare as hen's teeth", wie Americana – ach nee! – die Amerikaner natürlich, wohl sagen würden. Kaum eine Zeile beschreibt Sam Beams neues Album treffender als dieser selbst eingestandene Widerspruch. Auf seinem achten Album balanciert Iron & Wine zwischen Selbsterhaltung und Selbstaufgabe, zwischen Ufer und Sog. Das aus den Liedzeilen immer wieder hervorquellende Bild des Wassers ist hier kein dekoratives Motiv, sondern Metapher eines kräftezehrenden Einflussbereichs: oceans, waves, rivers – und immer wieder das Fallen. "We all fall in the river."

Doch die eigentliche Raffinesse liegt darin, dass diese Ambivalenz nicht nur textlich, sondern ebenso musikalisch umgesetzt wird. Die Arrangements klingen so warm, organisch und tröstlich wie eh und je. Akustikgitarre, verhaltene Streicher, zarte Harmoniefrequenzen. Stimmen verschränken sich weich – nicht zuletzt dank der Gastbeiträge von Beams hier debütierender Tochter Arden, die zu vier Songs Harmonien und Backing Vocals beisteuerte. Zudem featured das Trio I'm With Her den Singer-Songwriter bei weiteren Liedern. Die drei etablierten Musikerinnen können seit Februar dieses Jahres zwei neue Grammys zu ihrem bereits 2020 erhaltenen stellen; einer davon zeichnet ihre LP "Wild and clear and blue" in der Kategorie "Bestes Folk-Album" aus. Es wundert also nicht, wenn klanglich alles geerdet, gemeinschaftlich, ja beinahe heiter im Miteinander erscheint. Noch kuschelt man in der cozy Feelings evozierenden Spielfreude und Leichtigkeit Beams und seiner Musikerfreunde. Dann schlagen die Texte zu. Denn unter dieser klanglichen Behaglichkeit arbeitet eine erstaunlich rohe Kraft. "Hope knows where to hammer on a heart." Hoffnung nicht als Heilsversprechen, sondern als brachialer Schmerz, den es zu ertragen gilt. Knochen werden gebrochen, um sie wieder zu richten. Venen werden angezapft. Liebe ist hier kein ätherisches Leuchten, sondern ein Eingriff, der mehr nach selbstmedikamentierendem Verhalten als medizinischer Notwendigkeit klingt. Ja, sogar wenn für "dry ground" gebetet wird, klingt das weniger nach Erlösung als nach Erschöpfung vom Schwimmen im tobenden Ozean.

Harmonien versprechen Halt, wo Worte fortschreitend ins Grübeln bringen. Diese Ambivalenz verdichtet sich exemplarisch in "In your ocean", dem besten Song der Platte. Auf dem Papier ist dieser ein fast klassisch gebautes Liebeslied. Alles klingt versöhnlich – nur der Text eben nicht: "First it's all you want / then all that you can take / Never who you'll be / But when you're gonna break." Das ist keine romantische Hingabe. Ozean und Liebe mutieren vom Sehnsuchtsort zum Risiko, während uns das Arrangement liebevoll zuflüstert: "Komm nur näher."

Dieses Spannungsverhältnis ist allerdings eher theoretischer Natur. "Hen's teeth" lässt sich ganz wunderbar als Mood-Platte hören. Wo andere Singer-Songwriter ihre Abgründe auch klanglich illustrieren, entscheidet sich Iron & Wine für einen Kokon aus Lo-Fi-Deluxe-Klängen. Wohl wahr, es sind eben alle Fallen schön. Deshalb funktionieren sie. So fühlen auch wir uns zärtlich von der Musik umarmt, während die Worte zupacken. "Grace notes" treibt diese Dialektik noch weiter. Der Song klingt beinahe kontemplativ, getragen von einer Sanftheit, die an späte, lichtdurchflutete Nachmittage unter freiem Himmel erinnert. Doch inhaltlich geht es um Geister, Verluste und sich verschiebende Identitäten: "When the ghost I like to deny / Has haunted me all of my life." Selbst die titelgebenden "grace notes" haben hier "meat on the bone" – trotz des ätherischen Klangs ist hier alles körperlich. Gleiches gilt für "Dates and dead people", an dem Bon Iver sicher seine helle Freude hätte. Die anderen Songs verschmelzen eher zu einer Gesamtstimmung und bleiben nach dem Hören mehr durch ihr Gefühl als aufgrund ihrer Individualität in Erinnerung.

"Hen's teeth" schreit nicht, erklärt nicht und dramatisiert auch ebensowenig. Stattdessen lässt es seine Figuren knietief im Zweifel stehen. Sie beten um Rettung und sehnen sich gleichzeitig nach dem Untergehen. Sie suchen festen Boden und misstrauen ihm, sobald sie ihn erreicht haben. Die Musik reicht ihnen die Hand – der Text fragt, ob sie sie wirklich ergreifen wollen. Vielleicht ist genau das die eigentliche "Unmöglichkeit", von der der Titel spricht. Auch wenn wir "Hen's teeth" hören können – Hühnerzähne gibt es nicht. Widersprüche können uns stimmig erscheinen und tatsächlich sehr real sein, ebenso wie dieses Album.

(Jasmin Klemm)

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Highlights

  • In your ocean
  • Grace notes
  • Dates and dead people

Tracklist

  1. Roses
  2. Paper and stone
  3. Robins's egg (feat. I'm With Her)
  4. Singing saw
  5. In your ocean
  6. Defiance, Ohio
  7. Wait up (feat. I'm With Her)
  8. Grace notes
  9. Dates and dead people
  10. Half measures

Gesamtspielzeit: 39:26 min.

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User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

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2026-03-02 20:38:26 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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MickHead

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2026-02-27 07:36:47 Uhr
Jetzt komplett bei Bandcamp:

https://ironandwine.bandcamp.com/album/hens-teeth

Musikexpress 4.5/6

https://www.musikexpress.de/reviews/iron-wine-hens-teeth/

Rolling Stone 4/5

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Gaesteliste.de

https://gaesteliste.de/2026/02/26/review/iron-wine-hens-teeth/

MickHead

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2026-02-24 13:17:00 Uhr
XS Noize 4/5

https://www.xsnoize.com/album-review-iron-and-wine-hens-teeth/

MickHead

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2026-02-05 17:28:46 Uhr
3. Song "Roses"

https://youtu.be/NF8uW2DFWG4?si=VPqvi1q0T5V1PDCo

MickHead

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2026-01-07 15:32:34 Uhr
Der amerikanische Singer-Songwriter Samuel Ervin Beam aka "Iron & Wine" aus Chapin, South Carolina, kündigt für den 27.02. das 8. Studioalbum "Hen's Teeth" an. Es folgt auf "Light Verse" von 2024.

2 Songs bisher geteilt:

"In Your Ocean"

https://youtu.be/0Y5GXK4zqFs?si=YiJIi--ymlm2mDN5

"Robin's Egg (Feat. I'm With Her)

https://youtu.be/oEMnD69REsk?si=CsS2damVQsZWCJ8A

"Hen's Teeth" bei Bandcamp:

https://ironandwine.bandcamp.com/album/hens-teeth
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