Felsmann + Tiley - Protomensch
Embassy Of Music / Tonpool
VÖ: 13.02.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Planet der Affen: Reloaded
Wer ist er, dieser Protomensch, hier und jetzt im Jahr 2026? Ein von permanent und in immer kürzeren Abständen auf ihn einprasselnden Krisen globaler und lokaler Art geknicktes Wesen. Zerbrechend an der Komplexität des modernen Lebens. Überfordert von zu vielen zu treffenden Entscheidungen. Kurz vor der endgültigen Abgabe jeglicher Kontrolle an künstliche Intelligenzen. Auf dem Weg in die Zukunft oder zurück in die Steinzeit. Zwischen Friedensdemo und dem nächsten Weltkrieg. Zwischen Baum und Borke, Hitzewelle und Drohnenbeschuss. Oder ist er einfach nur ein Affe im Rollkragenpullover?
Die beiden aus Stuttgart stammenden Musikproduzenten Dominik Felsmann und Patrick Tiley lernten sich Anfang dieses Jahrtausends kennen und stellten eine gemeinsame Leidenschaft für Trance-Pads, Breakdowns und eher düstere Synthesizerlandschaften fest. Nach zahlreichen Touren als DJs, ob gemeinsam oder getrennt, und diversen Twelve-Inch-Veröffentlichungen erschien im Jahr 2018 ein erstes Minialbum namens "Tempora". Mit Tracks zu jedem Monat, rein instrumental gehalten, sehr minimalistisch, fast ambient. Während der Corona-Zeit schob das Duo eine passend zu den bedrückten Sounds "Weltschmerz" betitelte EP nach, doch schon auf "Retrovision" klang wieder Hoffnung durch, die Ansätzen von etwas hellerem Synthwave und filmischen Kompositionen folgte.
Und nun ist Felsmann + Tiley mit ihrem zweiten Longplayer der nächste große Schritt gelungen. Mit philosophischen Gedankenspielen als thematische Unterfütterung und einem oft wie ein Soundtrack zu einer demnächst erscheinenden Serie auf dem Streamingdienst ihrer Wahl wirkenden Score. Dystopie oder Utopie? Das darf ruhig diskutiert werden, während die digitalen Flächen die Synapsen kitzeln, nein, eher streicheln. Neben atmosphärischen Instrumentaltracks, unter denen neben dem melodiösen "Reset" auch die Spannung aufbauenden "Kind" und "Warum" zu den stärkeren gehören, stellt sich die Entscheidung, auf einem Drittel der Stücke Vocals zu verwenden, als größtes Plus heraus.
Gleich mit "Open fields", in dem Danny Harley alias The Kite String Tangle seine warme Stimme über die minimalistischen Soundscapes erhebt, gelingt ein Highlight. Auch die anderen drei Songs mit Stimmeinsatz glänzen – und das stilistisch vielseitig. "Opioid" knattert mit monotonen Vocals von Pet Deaths fast EBM-like durch futuristische Visionen, während "Always you" durch den sanften Gesang von Woodes in Richtung Dreampop schwebt und "God is lonelier" mit Laius in Verwandtschaft zu Könnern wie Apparat tritt. Aber geht es nun am Ende gut aus für den Protomenschen? Das knackig-kurze Finale "Neuzeit" setzt ein musikalisches Ausrufezeichen im Hans-Zimmer-Stil – und ein großes Fragezeichen hinter jedes Happy End.
Highlights
- Open fields (feat. The Kite String Tangle)
- Opioid (feat. Pet Deaths)
- Always you (feat. Woodes)
Tracklist
- Open fields (feat. The Kite String Tangle)
- Memory
- Opioid (feat. Pet Deaths)
- Reset
- Always you (feat. Woodes)
- Seeker
- Warnung
- Gabriel
- Kind
- God is lonelier (feat. Laius)
- Warum
- Neuzeit
Gesamtspielzeit: 34:15 min.
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