Mitski - Nothing's about to happen to me
Dead Oceans / Cargo
VÖ: 27.02.2026
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Miautsch
Es entbehrt nicht einer gewissen, fast schon zynischen Ironie: Da schreibt eine Frau die vielleicht introvertierteste, schmerzhafteste Musik ihrer Generation, seziert Einsamkeit und emotionale Entfremdung mit dem Präzisionsskalpell einer Chirurgin der Seele – und endet ausgerechnet als nahezu allgegenwärtiges Hintergrundrauschen für Millionen von 15-sekündigen Videoclips, in denen die Generation Z wahlweise ihren Liebeskummer oder auch nur ihr neuestes Konsumprodukt inszeniert. Mitski Miyawaki, einst mit "Puberty 2" nur ein hochgehandelter Geheimtipp im Indie-Underground, ist längst keine bloße Musikerin mehr. Sie ist ein Meme wider Willen, ein "Sad girl"-Content-Piece, ein viraler Dauerzustand. Dabei war Mitskis künstlerischer Werdegang stets das Gegenteil von Anbiederung. Vom Lo-fi-Schrammel-Rock der ersten Alben über den synthetischen Disco-Glanz von "Laurel hell" bis zur orchestralen Americana-Schwere des Meisterwerks "The land is inhospitable and so are we" hielt sie stets alle Zügel in der Hand. "Be the cowboy!", eben. Dass ausgerechnet ihre komplexen Analysen zwischenmenschlicher Dysfunktionalität, wie "Nobody" oder der virale Überhit "My love mine all mine", auch zur harten Währung der Aufmerksamkeitsökonomie wurden, ist allerdings nicht völlig überraschend. Mitskis Songs sind kurz, und ihr gelingen wieder und wieder herrlich sloganhafte Zeilen, die frühere Generationen auf T-Shirts getragen oder in Poesiealben verewigt hätten.
Inhaltlich kündigt Mitski ihren achten Longplayer "Nothing's about to happen to me" als loses Konzeptalbum über eine Frau an, die sich in ein einsam stehendes Haus zurückgezogen hat. Draußen ist sie die Außenseiterin, drinnen genießt sie trügerische Freiheit in der Beengtheit. Auch das Plattencover, das eine entspannte weiße Katze und einen angriffslustig wirkenden, orangenen Artgenossen zeigt, illustriert eine Art lauernde Gefahr in der vermeintlichen Ruhe. Musikalisch bleiben dabei jedoch die Türen offen: Gemeinsam mit ihrer Band The Land sowie Produzent Patrick Hyland und Arrangeur Drew Erickson lässt Mitski die verschiedenen Phasen ihrer Diskografie lustvoll aufeinanderprallen, und der Schrammel-Rock à la "Bury me at Makeout Creek" trifft auf Kammerpop-Eleganz sowie Country-Folk.
Im Opener "In a lake" verhandelt Mitski im Folksong-Gewand samt Akkordeon die Last einer kleinstädtischen Identität, die durchs Schwimmen im See erleichtert, aber letztlich nur durch das Fluchtversprechen der Großstadt gesprengt werden kann. Der auch inhaltlich direkte Anschluss erfolgt in "Where's my phone?", einem hektisch groovenden Schrammel-Rock-Stück, das den banalen Verlust des Smartphones eins zu eins mit der eigenen Desorientierung kurzschließt: "Where did it go / Where's my phone / Where did I leave / Where'd I go?" Die überforderte Ich-Erzählerin wünscht sich einen kühlen Kopf, stattdessen implodiert der Song in herrlichem Noise.
In noch existenziellere psychologische Abgründe blicken mehrere Trennungssongs auf dem Album. In "I'll change for you" taucht Mitski in einen Bossa-Nova-Vibe ab, komplett mit Bar-Hintergrundgeräuschen. Es ist die Vertonung jenes betrunkenen Anrufs beim Ex, den man Jahre später bereut. "If I leave" seziert, unterstrichen von einem bedrohlichen Dreiverteltakt in Moll, eine toxische emotionale Abhängigkeit. Die Fahrt durch den Tunnel, von der Mitski hier über einen eruptiven Gitarrenausbruch singt, ist kein Übergang zum Licht, sondern ein Verharren in der Finsternis: "I ride through the tunnel it's dark the whole way." Diese Schwere gipfelt im die Kehle zuschnürenden Country-Folk von "Dead women", der sich auch auf Nick Caves "Murder ballads" gut gemacht hätte. Mit hallversetztem Gesang rechnet Mitski hier mit der Romantisierung des weiblichen Leids ab. Das liebliche Harmonizing und die anschwellenden Streicher bilden dabei einen grausamen Kontrast zu Zeilen wie "She gave her life so we could fuck her as we please." Es ist das ultimative Statement über die Kommerzialisierung von Weiblichkeit und Schmerz und damit ein Song, der beim Hören nicht nur wehtut, sondern zum Komplizen einer makabren Leichenschau macht.
Den Abschluss bildet die Rückkehr zur Natur und zur Formlosigkeit. Das von rituell anmutenden Percussions getriebene "That white cat" erinnert in seiner Dynamik stark an Fiona Apple und entlarvt das menschliche Besitzstreben gegenüber der Natur als lächerlich. Doch wo Apple den befreienden Bolzerschneider holt, steht hier die Erkenntnis der eigenen Ohnmacht gegenüber der Natur. Das Finale "Lightning" schließt den Kreis zur Wassermetaphorik des Openers und entlässt in bester Mazzy-Star-Manier in einen luftigen Dreampop-Himmel: "If I die could I come back as the rain?" So erweist sich "Nothing's about to happen to me" als beeindruckendes Zeugnis einer hervorragenden Songwriterin und vor allem Textdichterin, die den Rückzug in die Isolation nutzt, um ihre bisher komplexesten Narrative zu weben.
Highlights
- Where's my phone?
- If I leave
- Dead women
- That white cat
Tracklist
- In a lake
- Where's my phone?
- Cats
- If I leave
- Dead women
- Instead of here
- I'll change for you
- Rules
- That white cat
- Charon's obol
- Lightning
Gesamtspielzeit: 34:27 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Mr Oh so Postings: 3521 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-03-08 20:57:51 Uhr
Würd ich ähnlich sehen |
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Lucas mit K Postings: 432 Registriert seit 19.07.2024 |
2026-03-08 16:18:49 Uhr
Es ist ein schönes Album. Vielleicht zu viel more of the same leider. Gefühlt jeder zweite Song mit diesem Countryflair klingt wie „Heaven“. Die ein oder andere Melodie kommt mir allzu vertraut vor, hätte mir mehr Überraschungen gewünscht. Aber am Ende tut es nicht weh und hört sich angenehm durch. Der Vorgänger bleibt für mich damit wohl vorerst unerreicht. |
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Mr. Fritte Postings: 907 Registriert seit 14.06.2013 |
2026-02-28 19:06:18 Uhr
Wieso denn polemisch? Ich mein das schon ehrlich so. Ich bin ein Riesenfan von "Makeout Creek" und "Puberty 2", "Be the Cowbow" auch noch super (die ruhigeren Sachen davor übrigens auch toll). "Laurel Hell" find ich gerade vom Songwriting her klar schwächer, und das letzte dann sowohl vom Sound als auch den Songs her leider gar nicht meins. Aber ich werd sicher nochmal reinhören, versprochen. ;) |
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AliBlaBla Postings: 11131 Registriert seit 28.06.2020 |
2026-02-28 18:20:09 Uhr
@Mr.FritteKein bißchen hat dir die letzte Platte gegeben? Hhhhhmmmmm....dagegen die frühen Platten? Das scheint mir fast ein wenig polemisch - bei dem fantastischen Songwriting auf den letzten beiden, ach, drei Platten...Vielleicht hörst du noch mal rein? |
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Mr. Fritte Postings: 907 Registriert seit 14.06.2013 |
2026-02-28 17:17:28 Uhr
Das vorherige Album hat bei mir noch überhaupt nicht gezündet (also wirklich null komma null, kein Song hat mir da irgendwas gegeben), das neue finde ich auf Anhieb auf jeden Fall schon mal besser. "Where's my phone" und vor allem "Dead women" sind stark. Zwischendurch aber auch eher dröge wirkende Sachen dabei. Generell gefallen mir die Momente, die an "Makeout Creek" und "Puberty 2" erinnern besser als die Americana-Anleihen des letzten Albums, die hier auch wieder dabei sind. |
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Referenzen
St. Vincent; Fiona Apple; Phoebe Bridgers; PJ Harvey; Bright Eyes; Angel Olsen; Kate Bush; Tori Amos; Bright Eyes; Japanese Breakfast; Lucy Dacus; Adrianne Lenker; Sleater-Kinney; Björk; Regina Spektor; Aldous Harding; Big Thief; Weyes Blood; The Breeders; Sharon Van Etten; Soccer Mommy; Boygenius; Ethel Cain; The Last Dinner Party; Cat Power; Joni Mitchell; Indigo De Souza
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