Kiev Stingl - Meine Sterne fallen
Klangbad / Broken Silence
VÖ: 20.02.2026
Unsere Bewertung: Ohne Bewertung
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Knietief im Dispo
Manche Künstler sind in ihrem Schaffen so dermaßen unbeugsam, verschroben und konsequent, dass ihnen jedweder kommerzielle Erfolg zu Lebzeiten versperrt bleibt. Dazu gehört der 2024 verstorbene Kiev Stingl, der sich irgendwo im Dreieck aus Undergroundmusik, Literatur und Beat-Poesie bewegte. Stingl war seit Mitte der 1970er-Jahre aktiv, unter anderem im Dunstkreis von Achim Reichel und Udo Lindenberg, später gehörten auch Holger Hiller und die Band Palais Schaumburg zu seinen Weggefährten. Seine einzige Tournee 1980 war ein grandioser Flop, unter anderem wegen Drogenexzessen und mangelnden Publikumsinteresses, möglicherweise eine Henne-Ei-Problematik. Stingl machte trotzdem unbeirrt weiter, ließ sogar ein Album von Dieter Meier (Yello) produzieren, weitere Mitstreiter waren FM Einheit und Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten. Auch die Fachpresse hatte was für Stingl übrig, so bezeichnete ihn der Rolling Stone als "Hamburger Proto-Punk-Superstar", und die Süddeutsche nannte ihn den "kaputtesten deutschen Sänger", während laut.de ihn immerhin mit dem Prädikat "Das zu unrecht vergessene Genie der letzten 50 Jahre GEMA" auszeichnete. Insgesamt umfasst sein Backkatalog fünf Alben – und nun gibt es mit "Meine Sterne fallen" posthum anlässlich seines zweiten Todestages nochmal finalen Nachschlag.
Die schlechte Nachricht: Im klassischen Sinne zugänglich ist dieses Werk ebensowenig wie die düsteren Monolithen "The drift" (übrigens auch eines der ganz wenigen Alben ohne Bewertung auf Plattentests.de) von Scott Walker oder Lou Reeds "The raven". Die gute Nachricht: "Meine Sterne fallen" ist ein vollständig zeitloses Album, das spannende Hörerlebnisse bereithält, wenn man sich darauf einlassen kann und will. Ein Album, das man sich nicht nur als Sammler der Vollständigkeit halber ins CD-Regal stellt, um es danach nie wieder zu hören. Eines ist nämlich sicher: Kiev Stingl zeigt sich hier komplett nackt und verwundbar, hat keine Angst vor Schmalz und Kitsch. Das hier ist die reichlich authentisch anmutende Kunst eines Menschen, der nun wirklich gar nichts mehr zu verlieren hat – und gegen den selbst ein Nick Drake nachgerade lebenstüchtig wirkt. Ja, auch die inzwischen vollumfänglich Goethe-Institut-kompatiblen Einstürzenden Neubauten erscheinen im Vergleich wie eine Flower-Power-Truppe.
Technisch gesehen erfüllen alle Tracks auf "Meine Sterne fallen" den Straftatbestand der sinistren Moritat. Der Protagonist ist pleite, verlassen, krank; jedwede Lebensfreude ist ihm abhanden gekommen. Die durchweg getragen daherkommenden Stücke vermählen düstere Poesie mit verlorenen Klängen. Mal schrubbt trotzig eine Akustikgitarre wie in "House of drinks" oder "Dein hartes Gesicht", mal gibt es auch nur disparate Cembalo-Arpeggien ("Rosenblatt") oder Mellotron-Streicher als Untermalung. "Mächte in der Nacht" wiederum klingt, als würde in einer seit Jahrzehnten vergessenen Wohnung ein einsames Dampfradio vor sich hin tönen. Die Lyrics, man ahnt es bereits, dienen ebenfalls nicht der Stimmungsaufhellung. Ob Stingl nun murmelt "Und du steigst aus dem Bett in die Löcher der Stadt" oder "Eine Zelle im Keller / Am Rande meiner verdammten Stadt / Wie Schiffe im Hafen / Und nachts die Matrosen": Das ist nicht der Stoff, aus dem Erbauliches erwachsen kann. Mehr als einmal muss man an den Schriftsteller Jörg Fauser denken, der zu Lebenszeiten durch alle Raster fiel.
Und doch ist das Kunst, die man goutieren kann. Es empfiehlt sich sicherlich nicht, dieses Album auf einer Party aufzulegen (es sei denn, man möchte alle Gäste schnellstmöglich vertreiben) – aber als Soundtrack für eine nachmittägliche Schleichfahrt im ICE durch vereiste graue Landschaften, während man den minderwertigen Bordrestaurant-Rotwein in sich hineinkippt, hat das durchaus seine Berechtigung. Was wohl gar nicht geht, ist hier irgendeine profane Punktebewertung abzugeben. Das hier ist "Friss oder stirb!", dabei aber so stringent und knallhart durchgezogen, dass man sich am Ende vielleicht doch einfach nur verneigen kann. Deep shit.
Highlights
- Rosenblatt
- Mächte in der Nacht
- Toten der See
Tracklist
- House of drinks
- Rosenblatt
- Dein hartes Gesicht
- Mächte in der Nacht
- Tränen in Kissen
- Rosenblatt (Coda)
- Toten der See
- Gipsy queen
- Sei mein
- Unter Sternen
Gesamtspielzeit: 37:18 min.
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2026-02-21 21:03:36 Uhr - Newsbeitrag
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Referenzen
Blixa Bargeld; Einstürzende Neubauten; Kurt Weill; Nick Cave; Crime & The City Solution; Rowland S. Howard; Nikki Sudden; Nikki Sudden & The Jacobites; Tobias Gruben; F.S.K.; Die Tödliche Doris; Holger Hiller; Tom Liwa; Hans Unstern; Kastrierte Philosophen; Klaus Kinski; Oskar Sala; Franz Josef Degenhardt; Max Goldt
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