Nytt Land - Aba Khan
Prophecy
VÖ: 20.02.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
Wie Wald willst du gehen?
Eine spannende Frage, die man sich als musikinteressierte Person beim Sichten neuer Artists immer mal wieder stellt: Warum mag ich das jetzt eigentlich? Warum genau finde ich das gut? Klar, wer sich innerhalb der sorgfältig kuratierten eigenen Genregrenzen bewegt, kommt da schneller zu einer Antwort. Wenn man den eigenen Schutzraum aber verlässt und – sagen wir einfach mal – das Ritual-Dark-Folk-Album eines Duos bespricht, das aus dem beschaulichen Kalatschinsk in Sibirien kommt, das höchstens Menschen kennen, die regelmäßig die transsibirische Zugstrecke frequentieren, dann lässt sich die Frage schon deutlich schwieriger beantworten. Aber völlig egal, ob man die sibirischen oder alt-nordischen Texte versteht und die Aufmachung in traditionellen Gewändern samt Totenkopfmaske irritierend findet: Die Musik von Natalia und Anatoly Pakhalenko sendet Frequenzen in den Körper, die die Zellen in Wallungen bringen und auf eine Reise schicken.
"Aba Khan" ist schon das zehnte Album des Ehepaars und inspiriert von den Geschichten und Personen, die die beiden auf ihren Trips durch die Abgeschiedenheit Sibiriens aufgeschnappt und getroffen haben. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil die beiden Instrumente wie eine Talharpa benutzen, ein Streichinstrument, das sich aus der Zeit gefallen und episch anhört. Oder Nytt Land zupfen an der Kravik-Leier oder verändern Sound auf dem Musikbogen mit dem Mund. Wer das sehen will, dem sei ein Blick auf ihren Instagram-Kanal nahegelegt. Schon im Opener, der als Moodsetter dient, hallt die Stimme von Natalia Pakhalenko in den Wäldern umher wie ein verlorener Wanderer, während Flötenspiel untermalt. Von da aus flüchtet sie in die "Taiga", wo donnernde Drums wie die Hufen eines schweren Säugetiers auf der Suche nach Zuflucht vor einem Schneesturm zu klingen scheinen. Es ist beeindruckend, wie universell die Sprache der Musik funktioniert und diese Bilder fast automatisch im Kopf entstehen.
Ein großes Highlight von "Aba Khan" ist der Kehlkopfgesang, den beide Musiker*innen beherrschen, der aber vor allem von Frau Pakhalenko eindrucksvoll durch die Songs dröhnt. Für sie scheint es ein Leichtes zu sein, zwischen ritualistischen Beschwörungsmelodien und dem tiefen Brummen zu wechseln. Für noch mehr Tiefe liegen auch immer wieder mehrere Spuren übereinander, deren Frequenzen sich zusammenfügen und hypnotisieren. Besonders zugänglich wird das Album im Gegensatz zu vorherigen Projekten des Duos durch eine ziemlich klare Produktion, in der man die Einzelteile erkennen und sich auf sie konzentrieren kann, mental also ausklamüsern kann, was sofort wieder diffundiert. Zwischen den großen Gesten, wie dem manisch ums Feuer tanzenden "Mansi", lassen Nytt Land auch immer wieder Zeit zum Durchatmen. "Uitag" bringt ohne Gesang, aber mit Flöte und Maultrommel zum Ausdruck, wie es sich anfühlen dürfte, aus einem sicheren Unterschlupf nach draußen auf den durch die Gegend gepeitschten Schnee zu schauen. Und "Prayer" kommt ebenfalls komplett ohne Drums aus, dafür zieht sich aber ein drone-artiger Sound durch den verschwörerischen Song, als wolle jemand warnen: "Ein neuer Sturm zieht auf!"
Das abschließende "Tygir Tayii (Heavenly sacrifice)" bringt dann noch einmal alle Qualitäten von "Aba Khan" auf den Punkt: Die seltenen Instrumente und ihre Klänge, der Kehlkopfgesang, der in den letzten Jahren zumindest etwas mehr Aufmerksamkeit zu bekommen scheint und ein Gefühl für Dramaturgie, die in den richtigen Momenten Luft lässt oder anzieht. Man hat das Gefühl, Sibirien atmen und das Herz der Natur laut schlagen hören zu können. Diese Musik der schamanischen Traditionen, der Nadelwälder und der Flächen dazwischen, lässt eine bloße Beschreibung in Wörtern fast unangebracht wirken. Aber irgendwie will man ja auch wissen: Was genau mag ich jetzt daran? Eigentlich alles!
Highlights
- Taiga
- Mansi
- Tygir Tayii (Heavenly sacrifice)
Tracklist
- Aba Khan
- Taiga
- Totem
- Uitag
- Mansi
- The oath
- Prayer
- Tygir Tayii (Heavenly sacrifice)
Gesamtspielzeit: 40:13 min.
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