Clueso - Deja vu 1/2
Epic / Sony
VÖ: 27.02.2026
Unsere Bewertung: 5/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Im Rückwärtsgewand
Clueso wandelt weiterhin am Rande des Deutschpoeten-Kitschs, ohne hineinzufallen. Meistens jedenfalls. Das muss man erst mal so lange hinbekommen, schließlich darf der Erfurter Sänger mittlerweile nach über zwei Jahrzehnten Karriere Album Nummer zehn feiern. Einen eigenen übergedudelten Hit wie "Auf uns", "Wir sind groß" oder "Nur noch kurz die Welt retten" hat er nicht – nimmt man den Fanta-Vier-Song "Zusammen" mal aus –, dafür eine konstante Präsenz, gepaart mit Qualität. War "Handgepäck I" mal ganz stark in Richtung subtiles Songwriting und Folk unterwegs, ließ Clueso auf dem letzten, äh, "Album" das Pendel so weit wie nie in Richtung Poppigkeit ausschlagen. Das wirkte und war vielleicht deutlich oberflächlicher als sonst, aber die Songs haben funktioniert. Nun hat er irgendwo zwischen diesen Polen ein "Deja vu", nein, offenbar gleich zwei, wie der Zusatz "1/2" im Titel bereits andeutet. Der "Deja entendu"-Witz liegt zum Greifen nahe.
Und ja, den Opener "Gib mir was Echtes" hat man bereits so mal gehört. In jedem The-War-On-Drugs-Song beispielsweise. Sonnige Yacht-Rock-Akkorde treffen auf Percussion zwischen Schlagzeug und Drummachine – wer hier nicht direkt an die Band um Adam Granduciel denkt, glaubt auch, dass Greta Van Fleet mehr als nur genau ein Vorbild haben. "Es fühlt sich alles nach Lüge an", klagt Clueso, und ob dieser Track als Gegengift dazu "was Echtes" ist, sei dahingestellt. Er ist auf jeden Fall schmissig und gefällig, ebenso wie "Immer wenn Du nicht da bist", das zur Abwechslung komplett die Melodie von "Nie gesagt" von Die Ärzte mopst. Es sind zudem nicht die einzigen beiden Songnamen, die direkt von einem Mark-Forster-Album abgepaust sein könnten. Doch auch das klischeehaft betitelte "Verrückter Sommer" ist mit der flirrend warmen Akustikgitarre besser als sein Titel befürchten lässt und malt mit der Musik den Text nach: "Irgendwo in der Pampa / Steht ein einsamer Tanker / Auf flimmerndem Teer."
Clueso hält seine Musik ohnehin seit dem letzten Album lieber sommerlich, und "Deja vu 1/2" setzt das in Tracks wie "Dieses Leben" mit sehnsüchtigem Strumming fort. "Leider merk' ich erst so viel später / Wie schön, wie schön doch dieses Leben ist." Zwischen Namedrops von Bonnie Tyler und David Bowie steht der Song stellvertretend für eine Albummitte, die schon fast zwanghaft zurückblickt, in nostalgischem Tralala versuppt und textlich zwischen Plattitüden und Komplettausfällen wie diesem hängt: "Doch bitte verlieb' Dich nicht / Weil alles so easy ist / Sonst wird es schwer." Was im zarten "Ballon" mit Kindheitserinnerungen noch recht hübsch gerät, wird bei "Jedes Jahr" und "Plattenladen" ärgerlich. Ersteres ist ein verkrampft euphorisches Stück über das jährliche Treffen alter Freunde in der Heimat – es macht "hey" und "whoo", zwischendrin wartet dieses Goldstück: "Der eine war mal Dealer und hat alles besorgt / Heute ist er Arzt und um alle besorgt." Zweiteres wünscht sich zu Kaminfeuer-Akustik und sanften Scratches einen eigenen Plattenladen als Realitätsflucht – "Kaffeeduft, die Nadel liegt". "Und wir hängen ab in unserer kleinen Oase / Auch wenn draußen gerade alles zerbricht." Gibt es toxischen Eskapismus?
Dabei kann Clueso es immer noch gut. Mit "Freier Fall" hat er einen dieser Songs parat, dessen Melodie wunderbarer Zucker ist, ohne dahinter die Energie zu vergessen. Auch "Liebe auf dem letzten Blick" fällt in die Kategorie "Klischee-Titel, aber guter Track". Und am Ende ist die Landung sicher. Im Titelsong hört man nicht nur ein gekonnt eingesetztes Klavier, sondern auch plötzlich ein paar ausgefahrene Krallen im Text: "Die Wahrheit ist / Ich wünsch' mir, dass Du nicht glücklich bist." Der Song explodiert kurz und endet mitten im Satz. Warum nicht mal öfter etwas kantiger? Oder eben vergleichsweise pompös in "Spinner finden sich", ein orchestrales, dramatisches Finale, das man dieser doch klein wirkenden Platte gar nicht zugetraut hätte. Die manchmal doch gefährlich nah dran ist, in ihrem eigenen Sepiafilter zu ersaufen. Die sich aber in anderen Teilen berappelt und klar absetzt von inhaltsleeren Floskel-Troubadouren und belanglosem Mikrowellen-Pop. "Deja vu 1/2" trägt die Wertung deshalb gewissermaßen im Titel.
Highlights
- Freier Fall
- Deja vu
- Spinner finden sich
Tracklist
- Gib mir was Echtes
- Liebe auf den letzten Blick
- Freier Fall
- Verrückter Sommer
- Kissenmeer
- Immer wenn Du nicht da bist
- Minimum
- Ballon
- Dieses Leben
- Plattenladen
- Jedes Jahr (feat. Chapo102)
- Luft
- Deja vu
- Spinner finden sich
Gesamtspielzeit: 42:47 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Kiezgrün Postings: 118 Registriert seit 29.05.2023 |
2026-03-01 02:02:48 Uhr
„Album“ war ein starkes Pop-Album und das erste von ihm, das für mich mehr als 1-2 O’Kane Singles geboten hat.Jetzt ist er wieder auf sein Normalmaß zurückgefallen. |
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BunteKuh Postings: 573 Registriert seit 17.07.2022 |
2026-02-28 20:55:42 Uhr
Fand den Vorgänger auch viel stärker.Hier fehlt irgendwie eine Linie. Es gibt hier auch starke Songs aber auch sehr viel Durchschnitt. Bin bei der 5/10 auch dabei - leider |
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Earl Grey Postings: 583 Registriert seit 14.06.2013 |
2026-02-28 18:00:27 Uhr
Geht mir eigentlich auch meist so… |
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musie Postings: 4237 Registriert seit 14.06.2013 |
2026-02-28 16:02:54 Uhr
für mich wieder zu viel unterschiedliche Früchte im Handgepäck. ein ganzer Laden voll. hab einzwei Songs die ich sehr mag und solche die ich furchtbar finde... |
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MickHead Postings: 10118 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-02-27 08:30:17 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_klweGiPRUMGCIGmiFEWkzDyLp_L5yVrws&si=5OTtbvLlWjVgEHus Musikexpress 3.5/6 https://www.musikexpress.de/reviews/clueso-deja-vu-12/ Rolling Stone 4/5 https://www.rollingstone.de/reviews/clueso-deja-vu-12-warmherzig/ |
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Referenzen
Bosse; Andreas Bourani; Adel Tawil; Cro; Joris; Tim Bendzko; Max Herre; Philipp Poisel; Johannes Oerding; Ina Müller; Mathea; Maxim; Sportfreunde Stiller; Nico Santos; Casper; Post Malone; The War On Drugs; Mumford & Sons; Justin Bieber; Shawn Mendes; Bausa; Deichkind; Beginner; Jan Delay; Denyo; Sido; Alligatoah; Seeed; Peter Fox
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