Listen




Banner, 120 x 600, mit Claim


Archive - Glass minds

Archive- Glass minds

Dangervisit / PIAS / Rough Trade
VÖ: 27.02.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Geschwindigkeit runter, Puls rauf

Die Synthesizer dröhnen, summen, pluckern. Man wartet auf den emotionalen Ausbruch, zumindest aber auf den Einsatz von Gesang, auch noch nach fünf, sechs, sieben Minuten. Vergeblich. Der Opener "Broken bits" bleibt gesangsfrei. Und verdeutlicht ebenso wie ein Blick auf die Länge der zwölf Songs, von denen alle bis auf einen die Fünf-Minuten-Grenze überschreiten: Archive lassen sich auf "Glass minds" viel Zeit. Das kommt der Atmosphäre zugute. Stellvertretend dafür kann etwa die Ballade "City walls" stehen, die sich ganz auf Pollard Berriers Vocals sowie ein simples Keyboard-Motiv verlässt. Und damit gewinnt. So unaufgeregt klangen Archive lange nicht – was keineswegs mit "unaufregend" gleichzusetzen ist. Die Geschwindigkeit wird gedrosselt, doch der Puls schnellt nach oben. Wie eh und je sucht und findet das Kollektiv musikalisch und lyrisch Wege, um die Schattenseiten des Lebens zu beleuchten. Den Blick richten die Archiv(e)isten mal nach innen und mal nach außen, mal verwischen sie durch die Diffusität der Lyrics die Grenzen bewusst. Auf ihrem dreizehnten Studioalbum thematisieren sie etwa das Gefangensein innerhalb der eigenen Stadtgrenzen ("City walls"), die Lähmung nach dem Aufstehen ("Wake up strange") und das Gefühl, von Menschen umgeben zu sein, die einem das Ableben wünschen ("Shine out power"). Um es mit den Worten von Darius Keeler zu sagen: "This one feels like we're breaking out into a more […] uplifting dimension." Humor hat der Mann.

Den Live-Gesangstest bestand Lisa Mottram auf der vergangenen "Classic albums live"-Tour nicht. Zu groß war der Stimmumfang ehemaliger Archive-Kehlchen wie Craig Walker oder Maria Q, als dass die Sängerin jene Fußstapfen beim Anstimmen von Songs wie "Pulse" hätte ausfüllen können. Umso positiver überrascht nun der von Mottrams Lead-Vocals getragene Titeltrack. Nebst monotonem Anschlagen einer Bass Drum und herrlichem Bläsereinsatz nuschelt sie surreal-unheilvolle Lyrics, ihr verträumtes Timbre fügt sich perfekt ein und leistet seinen Beitrag zum Gelingen eines potenziellen Konzertklassikers. Die Wunder der Studiotechnik helfen dabei, dass auch ein spitzer Schrei glückt. Das folgende "Patterns" muss über fast achteinhalb electrosoulige Minuten hinweg nicht viel mehr aufbieten als Pollard Berriers erstklassigen Gesang und einen Synthie-Klangteppich, um zu faszinieren. Kleine Fehler der jüngeren Vergangenheit unterlaufen den Masterminds Darius Keeler und Danny Griffiths diesmal nicht: Uninspirierte Rocker wie "Mr. Daisy", die klangen, als hätten Archive auf späte Charts-Ehren gehofft, finden ihren Weg ebenso wenig auf "Glass minds" wie die mitunter anstrengenden Experimente, die einst "The false foundation" bildeten. Auch der Gesang – und man schielt diesbezüglich vor allem auf Dave Pen – fällt weniger theatralisch als zuletzt und dadurch umso wirkungsvoller aus.

Der Band gelingt es auf Albumlänge wieder, Atmosphäre und Songwriting miteinander in Einklang zu bringen. Daher fällt es nicht weiter ins Gewicht, dass es wenig Neues in der Archive-Welt zu entdecken gibt. Den angenehm aggressiven Dystopie-Rap von "Heads are gonna roll" könnte man auch für ein hörenswertes Überbleibsel aus den "Controlling crowds"-Sessions halten. Nur zwei Dinge sind anders als vor 17 Jahren: Die Produktion gerät im Jahr 2026 zweifellos druckvoller, zudem malt sich anstelle von Rosko John Neu-Archiveler Jimmy Collins eine sinistre Zukunft aus, die wir angesichts der brodelnden Gegenwart bereits zu kennen glauben. Eine, in der Köpfe rollen werden. Die Band bleibt politisch und legt den Finger in so manche Wunde, ohne für die Verbalisierung davon den Literaturnobelpreis zu verdienen. Ein Grammy für die bisher leider nicht existente Kategorie "Gelungenster Synthie-Einsatz" wäre in einer gerechten Musikwelt hingegen längst fällig. Als Nominierungskandidaten böten sich zwei Songs aus dem hervorragenden Mittelteil des Albums an, nämlich das trippige Electro-Terzett "Wake up strange" und "So far from losing you". Zweitgenannter Track fährt nahezu alles auf, was man anno 2002 so sehr an Archive liebte: Laut-leise-Kontraste, eine Mitsing-Hook, eine spät in die sich auftürmende Wall Of Sound einsteigende E-Gitarre, Gesangsloops. Und bei aller Unberechenbarkeit ein musikalisches Grundgerüst, an dem man sich festhalten kann. All das gelingt auch 24 Jahre später kaum jemandem wie den Electro-Rockern aus London, "Glass minds" fügt sich nahtlos in eine fast durchweg starke Diskografie ein. Ungeachtet des sich stetig drehenden Personalkarussells liefert das Kollektiv um Keeler und Griffiths weiterhin Qualität ab. Again, again, again.

(Dennis Rieger)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • Glass minds
  • So far from losing you
  • Wake up strange

Tracklist

  1. Broken bits
  2. Glass minds
  3. Patterns
  4. Look at us
  5. When you're this down
  6. So far from losing you
  7. Wake up strange
  8. City walls
  9. The love the light
  10. Shine out power
  11. Heads are gonna roll
  12. Where I am

Gesamtspielzeit: 77:54 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 36413

Registriert seit 07.06.2013

2026-03-10 16:46:57 Uhr
Ich finde es musikalisch auch ziemlich gut. Und manchmal auch gesanglich. Aber leider sind die Stimmen gleichzeitig der großte Schwachpunkt der Platte.

Pivo

Postings: 1463

Registriert seit 29.05.2017

2026-03-10 14:56:03 Uhr
Das neue Album von Archive hat mich positiv überrascht. Nach der Ankündigung, dass Glass Minds ihr bisher besten Album geworden ist (sagt irgendwie jede Musiker über jedes Album von sich, auf Platz 2 dann der Satz "das persönlichste Album") musste man schon mit dem Schlimmsten rechnen, aber Glass Minds ist echt gut geworden.

Mit fast 80 Minuten ist es grenzwertig lang, ein paar Songs (z.B. das furchtbar langweilige Wake up strange) hätte es gar nicht gebraucht, aber es sind einige richtig große Songs dabei, die darüber hinwegsehen lassen.
Glass Minds, Patterns, Shine out power, So far from losing you, Look at us und City Walls sind auch auf die gesamte Diskografie gesehen, echt richtig starke Archive-Songs geworden. Von daher ist es endlich mal wieder ein Archive-Album mit einer längeren Halbwertzeit als die letzten Exemplare.

andygoestohollywood

Postings: 769

Registriert seit 27.11.2023

2026-03-05 22:37:02 Uhr
Glass Minds live in Wien ist toll

palepat

Postings: 16

Registriert seit 23.01.2025

2026-03-05 22:24:05 Uhr
Look at us 🥰

palepat

Postings: 16

Registriert seit 23.01.2025

2026-03-05 22:15:28 Uhr
Die Lisa Mottram Songs finde ich absolut großartig.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify