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And Also The Trees - The devil's door

And Also The Trees- The devil's door

Aatt / Cargo
VÖ: 27.02.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wider die Landflucht

Am Anfang dieser Rezension stand der Unglauben: Kann es wirklich sein, dass an dieser Stelle bisher kein einziges Album dieser herausragenden und relevanten Band gewürdigt wurde, obwohl die Formation seit geschlagenen 47 Jahren existiert und 17 Studioalben veröffentlicht hat? Holy Smokes! Aber gut, so etwas kann passieren, und manchmal muss man halt spät "auf someone else's train jumpen", womit auch gleich eine einigermaßen glatte Überleitung gelungen wäre, denn: Man kann die Geschichte von And Also The Trees kaum erzählen, ohne The Cure zu erwähnen. Anfang der 1980er Jahre standen beide Bands in einem engen, ja freundschaftlichen Verhältnis. Die Musiker kannten sich aus ihrer Heimatregion in England, insbesondere Robert Smith unterstützte And Also the Trees maßgeblich: The Cure nahmen sie mit auf Tour und produzierten ihre ersten Aufnahmen. Dadurch erhielten die Briten aus Inkberrow, Worcestershire früh Aufmerksamkeit in der Post-Punk-Szene – auch wenn beide Formationen durchaus unterschiedliche Akzente setzten und sich in den Folgejahren musikalisch in deutlich verschiedene Richtungen entwickelten. Aus Platzgründen wollen wir uns damit begnügen; wer wirklich tief in das Werk der "Trees" eintauchen will, dem sei die überragende filmische Dokumentation "Slow Pulse Boys" anempfohlen, die viele grandiose und bis daher unbekannte Liveaufnahmen zeigt – und auch die Musiker erfreulich bescheiden und sympathisch rüberkommen lässt, zuweilen selbst erstaunt vom langfristigen Erfolg.

Über die Jahrzehnte ist der Output von And Also The Trees qualitativ erstaunlich konsistent, so richtig in die Hose gegangen ist keines der Alben – und glücklicherweise hat es die Band über einen langen Zeitraum verstanden, nie einen echten Stilbruch zu begehen, sondern ihrem Grundsound erstaunlich treu zu bleiben. "Evolution statt Revolution" lautet das Motto, und die einzigen etwas deutlicheren musikalischen Veränderungen fanden statt durch das Hinzukommen von Mark Tibenham als Produzent und Keyboarder sowie durch den Weggang des Drummers Nick Havas 1997, der durch Paul Hill ersetzt wurde – und das feinziselierte Spiel Havas' mit einer etwas rockigeren Attitüde beantwortete. "The devil's door" ist, das muss man spoilern, kein Hit-Album, anders als "Virus meadow", "The millpond years" oder auch "Angelfish". Keine Nummer ragt monolithisch heraus, vielmehr ist die Terrassendynamik alter Zeiten einem Mäandern, einem An- und Abschwellen musikalischer Dichte gewichen. Und das muss nicht schlecht sein, denn es waren schon immer die Zwischentöne, die cineastisch anmutenden Stimmungen, die diese Band so meisterhaft evozieren kann.

Gleich der Opener "The silver key" erzeugt herrlichste Heimatgefühle: Justin Jones spielt Gitarre, wie nur Justin Jones spielt – irgendwo zwischen Mandoline und Hackbrett, tremolierend, flirrend. Und Simon Huw Jones' Stimme ist herrlich gealtert, immer noch melancholisch, aber auch etwas brüchiger geworden. Die besondere Magie, die sich bei And Also The Trees zuverlässig einstellt, ist jedenfalls sofort beim ersten Stück wieder spürbar. "The crosshair" wartet kammermusikalisch auf, mit Klarinetten und Oboen; immer wieder gibt es fließende Wechsel zwischen endzeitlichem Gesang und jubilierenden Blasinstrumenten – so wie Sonnenlicht, das sich immer wieder durch einen dichten Wolkenteppich stiehlt. "The child in you" wiederum bietet Tremologitarre, akzentuiert-feinnerviges Schlagzeugspiel, wirkt in der Gesamtstimmung auch für And Also The Trees ausnehmend düster, mit einem immer wieder sich auf- und abschwingenden Gitarrenspiel.

Das einzige, worauf man sich einstellen muss: Das hier ist Herbstmusik. Man müsste sie eigentlich hören, wenn bunte Blätter fallen, Stürme über einsame Alleen hinwegpusten, das Kaminfeuer daheim behaglich knackst und der Old Fashioned opalisierend im Glase funkelt. So richtig will das zum aufkeimenden Frühling nicht passen. Aber vielleicht ist es so ja auch gut: Man kann sich Zeit nehmen, dieses wunderschöne Album zu entdecken, die feinen Details, die kleinen Stimmungsschwankungen und auch die wie immer höchst stimmungsvollen Lyrics, denn eines ist sicher: Simon Huw Jones ist ein Dichter, wie er im Buche steht – und die intensive Lektüre alter Meister der Poesie war es auch, die ihn überhaupt zum Songwriting gebracht hat, wie man in der oben erwähnten Doku erfährt. And Also The Trees haben zu Post-Punk-Zeiten genau das Gegenteil von dem getan, was damals en vogue war: Statt in sterilen Metropolen unter kaltem Neonlicht dem "heißen Scheiß" hinterherzulaufen, haben sie sich in der kompletten Einöde zwischen Birmingham und Gloucester, mitten auf dem platten Land, eingerichtet, um ihren ganz speziellen Sound zu finden, der bis heute so ziemlich unerreicht und unkopiert ist. Da verzeiht man auch die zuweilen etwas manierierte Rüschenhemd-Optik der Protagonisten. "The devil's door" ist jedenfalls ein gelungenes Spätwerk.

(Jochen Reinecke)

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Highlights

  • The silver key
  • Return of the reapers
  • I lit a light
  • The rifleman's wedding

Tracklist

  1. The silver key
  2. The crosshair
  3. Rooftop
  4. The child in you
  5. Return of the reapers
  6. The trickster
  7. I lit a light
  8. The rifleman's wedding
  9. As I dive
  10. Beginning of the end
  11. Shared fate

Gesamtspielzeit: 42:16 min.

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User Beitrag

MickHead

Postings: 10119

Registriert seit 21.01.2024

2026-02-27 07:09:37 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_mVRKVxbbj6YkapWjFRMm77dir3fQtV46M&si=M-_vhu8xUsC4igsZ

gottmik

Postings: 38

Registriert seit 11.12.2025

2026-02-25 15:52:28 Uhr
Alles klar. Danke dir für die Antwort! Klingt so als würde die Platte relativ nahtlos an die Vorgängerwerke anknüpfen ...

Jochen Reinecke

Postings: 107

Registriert seit 22.12.2023

2026-02-24 09:50:49 Uhr
Interessante Frage.
Ich tu mich ganz generell wahnsinnig schwer mit Zahlenbewertungen. Schreibe auch noch für ein Hifi-Magazin, wo wir zum Glück nicht mit Zahlen und Rankings bewerten müssen.

Generell würde ich sagen, dass das Album nicht an die Stärke von absoluten Ausnahmealben wie "Virus Meadow" heranreicht. Es hat insgesamt weniger krasse dynamische Sprünge, befindet sich mehr in einer Art Fließgleichgewicht. Es passiert weniger, aber die Zwischentöne sind toll.

gottmik

Postings: 38

Registriert seit 11.12.2025

2026-02-23 20:58:59 Uhr
Hi Jochen, ich wollte dir nicht deine Expertise absprechen und bin mir sicher, dass du wahrscheinlich mehrere Seiten mit der Bandgeschichte hättest füllen können :) Ich kenne auch Text- und Redaktionsarbeit sehr gut und bin mir des Platzmangels bewusst. Mir ging es auch gar nicht um eine ausführlichere Darstellung. Selbst wenn ich nur Raum für einen knappen Satz dazu gehabt hätte, wäre mein Fokus und mein Blick auf die Bandgeschichte ein anderer gewesen. Was für mich erhebliche Stilwechsel waren, hast du vielleicht ganz anders empfunden. Im Gegensatz zu dir habe ich zum Beispiel auch die damalige Optik der Band sehr geliebt.

Was mich noch interessieren würde: Wie bewertest du denn die neue Platte (die ich noch nicht kenne) so angesichts des Gesamtwerks oder auch der unmittelbaren Vorgängerplatten? Ragt die Platte da besonders heraus oder ist es eher gutes Mittelfeld? Es fallen ja Begriffe wie wunderschön und meisterhaft, trotzdem gibt es als Bewertung "nur" eine 7/10 (was ja vielleicht auch mit dieser seltsamen Bewertungslogik bei Plattentests zusammenhängt)?

Jochen Reinecke

Postings: 107

Registriert seit 22.12.2023

2026-02-23 17:40:39 Uhr
Hi, gottmik. Du sprichst es im Grunde selbst an: Manchmal hat man ein gewisses formales Korsett, das man nicht sprengen kann. Hier bei PT ist es nun mal so, dass wir alle einen bestimmten Korridor an Textmengen zur Verfügung haben, den wir auch einhalten. Was gut so ist, denn so bleibt ein Magazin lesefreundlich. Wie stark man die Gewichtung zwischen "aktuelle Besprechung" und "Rückblick/Ausblick" und allgemeinen Betrachtungen anlegt, ist immer wieder eine nicht ganz einfache Frage für den Redakteur oder die Redakteurin. Ich kenne außer THE FALL wohl keine Band so gut wie AATT und habe wirklich alles, was die je gemacht haben, auf Vinyl und/oder CD. Und ja, es gab sicherlich ein paar mehr "Brüche" oder sagen wir "musikalische Schwerpunkte" als die von mir aufgezählten. Hätte ich das episch ausgebreitet, wäre kein Platz mehr für die eigentliche Rezi übrig geblieben. Deswegen habe ich die beiden Dinge genannt, die für mich sehr deutlichen Impact hatten (Tibenham hinzu, Havas weg). Naja. Mal sehen, was ich beim nächsten AATT-Album so schreibe :)
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