Puma Blue - Croak dream
Blue Flowers / PIAS / Rough Trade
VÖ: 06.02.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 3/10
Bin wie ein Geist, bloß immer da
Wenn die Nacht hereinbricht, wirkt die Erde bisweilen wie ein anderer Planet als bei Tageslicht. Als würde sich die Zeit in den dunklen Stunden dehnen, als gerieten Bewegungen und Gedanken in einen schwebenden Halbschlaf. Physikalisch ist das natürlich himmelschreiender Blödsinn – und doch fühlt es sich wahr an. Das Klischee der nachtaktiven Kreativarbeiter*innen kommt schließlich nicht von ungefähr, denn gerade Gedanken scheinen sich nach den weiten, ruhigen Räumen jener sinistren Stunden zu sehnen, in denen Wachsein und Träumen ineinander übergehen. Jacob Allen weiß nicht nur sprichwörtlich Lieder davon zu singen und veröffentlicht mit "Croak dream" gerade einmal ein Jahr nach dem Akustik-Ausflug auf "Antichamber" erneut ein Album von beeindruckender Intimität. Ausgehend von der Leitfrage "Wie würdest Du leben, wenn Du wüsstest, wann Du stirbst?" legt Puma Blue Schicht um Schicht dessen ab, was zuvor nur noch als hauchdünne Schutzdecke über seiner fragilen Gesangsstimme lag. Das Album fühlt sich dabei weniger wie ein bewusst erzähltes Werk an als wie ein Zustand: trippy, psychedelisch, aber eben nicht chaotisch. Die sich fortlaufend loopenden Soundbits betten sich in Jazz-Variationen und Dub-Rauschen ein, als würden sie immer wieder an derselben Stelle einschlafen und neu ansetzen.
Statt musikalischer Überwältigung entsteht der Eindruck eines respektvollen Zwiegesprächs mit der Musik selbst – beide lassen sich Raum, beide halten Distanz. Diese formelle Unterkühlung bildet einen reizvollen Kontrast zur existenziellen Unmittelbarkeit der besungenen Inhalte, die umso näher rücken, je leiser sie vorgetragen werden. In seinen schönsten Momenten beginnt der Trip-Hop-Sound leicht zu knarzen, sei es über ein Saxofon oder einen Synthesizer, und lässt Allens Stimme über die entstehenden Risse gleiten. Alles an diesen stimmlichen Bewegungen wirkt verlangsamt, zögerlich, nach innen gekehrt – im Limbo, wenn der Körper schon loslässt, der Geist aber noch nicht ganz zur Ruhe kommt. So kreist der Opener "Desire" weniger um ein konkretes Gegenüber als um gedankliche Spiralen, die sich selbst verstärken, während das Verlangen im Körper Form annimmt. Das Objekt der Begierde bleibt austauschbar, beinahe unwichtig. Solange man fühlt, ist das "Was" nebensächlich. Noch eindringlicher wird dieser schlaftrunkene Fatalismus in "Hold you", wenn Allen die unvermeidliche Selbstaufgabe im Angesicht des eigenen Endes mit den Worten "If I had my way / I'd never awake / Such a beautiful lie / In which I shall wait" besiegelt.
Wo man als Zuhörende*r Traurigkeit erwarten würde, breitet sich stattdessen ein elementares Verständnis aus: dass es Momente gibt, in denen kein aktives Handeln mehr bleibt – außer sich gegenseitig festzuhalten, während man dem Erwachen bewusst aus dem Weg geht. Ironischerweise macht Puma Blue auf diesem Album soundtechnisch gerade dadurch mehrere Schritte nach vorne, dass vieles eben bewusst nicht auskomponiert bleibt. Das klingt zunächst wie ein vergiftetes Kompliment, ist dramaturgisch jedoch deutlich stimmiger als noch auf "Holy waters", wo der Bandsound sich stellenweise in einem Machtkampf mit Allens Stimmlage verhedderte und diese überrollte. "Croak dream" rüstet instrumental ab und erzeugt dadurch ein sphärisches, durchweg harmonisches Gesamtbild. Was das Album letztlich davon abhält, wirklich herausragend zu sein, ist der für seine Prämisse etwas zu schwach ausgeprägte Spannungsbogen. Gefühlt ist das Wesentliche nach einem Drittel der Laufzeit bereits gesagt; danach bleiben zusätzliche erzählerische Akzente selten, jenseits der konstant hervorragenden Samples. Letztlich bleibt anstelle eines Feuerwerks somit eher der Eindruck einer Wunderkerze: ein intensives Aufleuchten, ein warmes Flackern – und schließlich ein stilles Ausglimmen in Unwiederbringlichkeit.
Highlights
- Desire
- Hold you
- Jaded
- Silently
Tracklist
- Desire
- Mister lost
- Hold you
- Croak dream
- Heaven above, hell below
- (Fool)
- Hush
- Jaded
- Silently
- Cocoons
- Yearn again
Gesamtspielzeit: 40:01 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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MickHead Postings: 10015 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-02-16 21:57:30 Uhr
CLASH 8/10https://www.clashmusic.com/reviews/puma-blue-croak-dream/ |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30172 Registriert seit 08.01.2012 |
2026-02-14 21:27:29 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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MickHead Postings: 10015 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-02-06 15:33:19 Uhr
Jetzt auch komplett bei Bandcamp:https://pumabluemusic.bandcamp.com/album/croak-dream |
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MickHead Postings: 10015 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-02-06 11:09:20 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_mrewZv1n0WnY493DXIzLzEJ35rT7GSzCs&si=AjXGTFvvfer3OEG_ Musikexpress 5/6 https://www.musikexpress.de/reviews/puma-blue-croak-dream/ |
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NOK Postings: 285 Registriert seit 04.10.2018 |
2026-02-03 00:44:14 Uhr
Danke vielmals für die Erinnerung! "Holy Waters" hat mir 2023 gezeigt, dass alternativer R&B kein exklusives Ding der Zehnerjahre ist, noch bevor dann Mk.gee und Dijon kamen, und unter den Singles strahlt ganz besonders der fantastische Titeltrack eine ganz neue Ambition aus, und Thom Yorke wird da auch noch auf die bestmögliche Art und Weise kanalisiert. Bei den Maiterminen ergänze ich gern noch Wien - das Porgy & Bess no less. :D Hab meine Karte schon. |
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Referenzen
FKJ; King Krule; Yellow Days; Biig Piig; Her's; Crumb; Ralph Castelli; Good Morning; Dijon; Gus Dapperton; Orion Sun; Arlo Parks; Ricewine; No Vacation; Mild Orange; Loving; Feng Suave; Men I Trust; Frank Ocean; Choker; Laura Misch; Bruno Major; James Blake; London Grammar; Honne; Haux; Jordan Rakei; Khai; Mac Ayres
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