Hen Ogledd - Discombobulated
Domino
VÖ: 20.02.2026
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Normal people
Hen Ogledd seien nach Selbsteinschätzung von Richard Dawson keine "normale" Band. Diese Aussage lässt sich auch aus der Außenperspektive heraus abnicken. Schon als Solo-Künstler sprengt Dawson mit elaborierten Konzepten und 40 Minuten langen Songs alles auf, was sich unter den vier Buchstaben des Folk zu verkriechen versucht. Was er im Kollektiv mit Dawn Bothwell, Sally Pilkington und Rhodri Davies veranstaltet, entzieht sich jedoch endgültig jeder Kategorisierung. Befreit von den konventionellen Funktionsweisen einer Band wechseln sich die vier beständig an Lead-Vocals und Instrumenten ab und haben sich das Wort "Genre" wahrscheinlich schon per Großhirn-Laser aus dem Wortschatz geschnitten. Ihre fünfte Platte "Discombobulated" expliziert den Effekt von familiärem Chaos durch Spoken-Word-Beiträge von Kindern der Bandmitglieder, verdichtet das Durcheinander mit einer 30 Minuten kürzeren Laufzeit als der Vorgänger "Free humans" allerdings auf nur sechs vollwertige Tracks. Es bleibt mehr als genug Raum, um trotz selbstgenannter sperriger Referenzpunkte wie mittelalterliche Schilderungen, obskure Filme und Björk mit jeder Pore Zugänglichkeit auszustrahlen und eine stellenweise beängstigende Euphorie auszulösen.
Hen Ogledd wollen schließlich niemanden abschrecken, sondern mit einer an die Flaming Lips und Co. erinnernden Menschenliebe die ganze Welt einladen. Alle ihre Einflüsse und Melodien bekommen unheimlich viel Luft zum Atmen, anstatt miteinander zu kollidieren. Nach einem Intro mit Kinderstimme präsentiert Bothwell in "Scales will fall" etwas, das sie "Bard rap" nennt. "Kids rise up, tearing down the corporate wall / Hands in the dirt, building futures for us all / Money doesn't matter, reclaim what they stole", postuliert sie mit dialektstarkem Sprechgesang – so in etwa könnten The Go! Team klingen, wenn sie eine walisische Jazz-Folk-Band wären. Später übernimmt ein weitflächiger Instrumentalpart den Staffelstab, ehe die im ganzen Song präsenten Bläser mit einer jubilierenden Wucht wie Beirut zu besten Zeiten zuschlagen. In "Dead in a post-truth world" zieht Dawson Davies' walisischsprachige Beschwörungen zu einem fokussierten Groove zusammen, den auch ein freidrehendes Saxofon nicht aus der Fassung bringt. Nicht nur hier erzeugt "Discombobulated" eine Atmosphäre zwischen realer gesellschaftlicher Verankerung und mythischer, urbritischer Natur, womit es direkt an eine Platte wie "The ruby cord" anknüpft. Wie "Clara" zumindest mit seinen seltsamen Zwischenrufen suggeriert, scheinen selbst pastorales Idyll und Discos nebeneinander existieren zu können.
Die zweite Albumhälfte eröffnet der post-punkige Beinahe-Hit "End of the rhythm" mit wahnsinnig mitreißendem Bass und einem fast schon absurd eingängigen Refrain, feiert dabei die Verschränkung von Widerstand und Tanz: "Resistance, uprising / Kinetic, catalysing / Keep moving, keep shaking / Your senses re-awaken." Auch im Schlüsselstück "Clear pools" werden Sinne wiedererweckt. Würde die von entfesselten Drums aufgewirbelte, atonale Geräuschkulisse die ganzen 20 Minuten (ja) des Tracks ausmachen, würde man sich wohl irgendwann in das geometrische Konfetti des Covers verwandeln. Doch nach drei Minuten findet alles zu meditativer Ruhe, Pilkington und Dawson tauschen wundervolle Gesangslinien aus und lassen sich auch nicht stören, wenn Janne Westerlund von Circle irgendwas auf Finnisch erzählt. Wie Efeu schlingen sich allerlei instrumentale Verzierungen um dieses Monument von Song, bevor "Land of the dead" als strukturloser, aber seltsam beruhigender Closer Piano und Becken streichelt. Die Musik von Hen Ogledd ist fordernd, aber nicht überfordernd, radikale Eigensinnigkeit und Stilvielfalt führen hier nicht zur Reizüberflutung, sondern verkörpern die universale Einheit von allem. In erster Linie wollen Hen Ogledd einfach eine gute Zeit mit Familie und Freunden verbringen und nebenbei die Fesseln von Kapitalismus, Unterdrückung und Hass zerschlagen. Ganz normale Leute eben.
Highlights
- Scales will fall
- End of the rhythm
- Clear pools
Tracklist
- Nell's prologue
- Scales will fall
- Dead in a post-truth world
- Clara
- End of the rhythm
- Amser a ddengys
- Clear pools
- Land of the dead
Gesamtspielzeit: 49:46 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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saihttam Postings: 2881 Registriert seit 15.06.2013 |
2026-02-21 12:51:18 Uhr
Muss auch noch! Eine 8/10 von Marvin macht mich immer neugierig. |
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myx Postings: 6324 Registriert seit 16.10.2016 |
2026-02-20 16:51:06 Uhr
Absolut! |
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Hierkannmanparken Postings: 2911 Registriert seit 22.10.2021 |
2026-02-20 15:54:38 Uhr
Scales Will Fall ist wirklich ein großartiger, schräger Song, Ohrwurm des Tages |
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MickHead Postings: 10015 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-02-20 14:12:31 Uhr
Jetzt auch komplett bei Bandcamp:https://henogledd.bandcamp.com/album/discombobulated |
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MickHead Postings: 10015 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-02-20 10:22:59 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nOXWZDP4wfkeLYck3e50_hPBOkWiXsnBA&si=NE6H1rgfY9vavlE6 Musikexpress 4.5/6 https://www.musikexpress.de/reviews/hen-ogledd-discombobulated/ |
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Referenzen
Richard Dawson; Renaissance; Caroline; Racing Mount Pleasant; The Weather Station; Sirom; Super Furry Animals; Gruff Rhys; Astrel K; Jane Weaver; Laura Cannell; The Flaming Lips; Field Music; Bill Callahan; Alabaster Deplume; Wendy Eisenberg; Beverly Glenn-Copeland; Stereolab; Laetitia Sadier; Lucrecia Dalt; Broken Social Scene; Beirut; The Decemberists; The Fiery Furnaces; The Lovely Eggs; Squid; Black Country, New Road; Dirty Projectors; Sparks; Sondre Lerche; Kiran Leonard; This Is Lorelei; Stars; Kate Bush; The Go! Team
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