Foetus - Halt
Ectopic
VÖ: 25.12.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Die Welt ist fertig
Das war's dann wohl: James G. Thirlwell macht Schluss. Und zwar mit seinem Alias Foetus, unter dem der australische Wahl-Brooklyner seit 45 Jahren Gehörgänge umstülpt. Was da alles los war: Horrorträume und Maschinen-Disco, Swamp-Industrial und destruktiver Dröhn-Blues, Comic-Schlachtfeste in Wort und Bild, Stromstöße aus pervertierten Jazz-Bläser-Batterien. "Ramrod" oder "Don't hide it provide it" wären zumindest in fiktiven Mega-Citys aus schmierigen Graphic Novels veritable Hits gewesen und nahmen Brachialitäten von Ministry oder Nine Inch Nails vorweg. Zwar ist der brillante Komponist und Musiker Thirlwell inzwischen vornehmlich mit den instrumentalen Projekten Steroid Maximus oder Manorexia, Orchestralem wie "Oscillospira" sowie mit Soundtracks beschäftigt – auf dem zehnten und finalen Foetus-Studioalbum heißt es jedoch: Noch einmal mit Gebrüll.
Respektive mit sämtlichen zerfledderten, allerdings höchst virtuos drapierten Genre-Versatzstücken, auf die man bei Foetus schon immer gefasst sein musste. Kenner könnten nun bemängeln, dass Thirlwell seinem letzten Statement unter diesem Rubrum noch einmal eine der zu Karrierebeginn üblichen Namens-Variationen wie Scraping Foetus Off The Wheel oder Foetus Interruptus hätte verpassen können (denkbar gewesen wären vielleicht "Six Foetus Under The Machine Gun" oder "Foetus Foeturing The Whole Universe"). Doch es geht ihm schon lange nicht mehr um das nerdige Pflegen einer Kunstfigur, sondern um ein Abbilden der Weltlage mit angemessen grotesken Mitteln. Und so speist sich der spektakuläre Stampf-Opener "Succulence" lieber aus perkussivem Breitwand-Arrangement und abnormer John-Barry-Wucht als aus allem Krach des Globus.
Wer hier wen aussaugt? Kann man mit etwas Nachdenken in tagesaktuellen Medien nachlesen. Oder sich beim grandiosen, weniger verklausulierten "The world is broken" zusammenreimen, das Doom Metal und Stoner abräumt und mit überkandidelten weiblichen Background-Vocals vors Jüngste Gericht lädt. Vorher nickt Thirlwell noch schnell alten Weggefährten zu: Das ebenso dystopische "Harpoon" spiegelt im metallisch schnaufenden Beginn "Got no soul" von den damaligen Geistesverwandten Cop Shoot Cop, ehe Streicher auf den Nerven ein Violinkonzert geben. Das scharfkantige Tosen von "Die alone" hätten sich hingegen auch frühe Swans ausdenken können, mit deren Ex-Drummer Roli Mosimann Thirlwell einst das kurzlebige, aber tolle Krawall-Duo Wiseblood unterhielt. Und mal ehrlich: Was wäre so eine Hölle ohne ein paar Referenzen?
Beinahe beruhigend, dass daneben auch der rumpelnde Fast-Popsong "Dead to me" oder der knackige, neben sich hereiernde Noise-Rocker "The rabbit hole" möglich sind. Seine größten Qualitäten offenbart "Halt" aber woanders – etwa in "Polar vortex", einer von Thirlwells überlangen, circa dreistöckigen Songkonstruktionen nach Machart von Wisebloods "Someone drowned in my pool". Nur dass die leblosen Körper hier Geflüchteten gehören, die inmitten von Plastikmüll im Meer treiben. Trostloser geht's kaum – auch nicht im Parforce-Ritt "Crater", bei dem ein Klassik-Ensemble die Hetzjagd in einem 70er-Jahre-Thriller zu vertonen scheint. Wild gewachsen, inhaltlich relevant, musikalisch virtuos – "Halt" ist beängstigend großartig. Kleine Pointe: 2027 soll doch noch ein "companion album" erscheinen. Bis dahin dürfte dann auch die Welt endgültig fertig sein.
Highlights
- Succulence
- The world is broken
- Harpoon
- Polar vortex
Tracklist
- Succulence
- Scurvy
- The world is broken
- Die alone
- Harpoon
- Dead to me
- Polar vortex
- Crater
- Warships
- The rabbit hole
- Many versions of me
Gesamtspielzeit: 56:55 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Stulle Postings: 11 Registriert seit 12.01.2023 |
2026-02-19 00:57:37 Uhr
Geil. Ist das zu Weihnachten schon erschienen? Nichts mibekommen. Wird angehört. |
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Leneah Postings: 11 Registriert seit 10.10.2024 |
2026-02-17 08:26:40 Uhr
Oha. Seit längerem wieder ein Lebenszeichen von Foetus, und dann noch in Form eines Abschiedes. Bin gespannt wie ein Flitzebogen, was Mr Thirlwell unter diesem Alias zu sagen hat. |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30212 Registriert seit 08.01.2012 |
2026-02-14 21:25:13 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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Referenzen
Wiseblood; Steroid Maximus; Manorexia; Garage Monsters; Xordox; J. G. Thirlwell & Simon Steensland; The Immaculate Consumptive; DJ Otesfu; Cop Shoot Cop; Firewater; Coil; Pig; Einstürzende Neubauten; Controlled Bleeding; Laibach; In The Nursery; Pigface; Grotus; Botanica; Nick Cave & The Bad Seeds; Grinderman; The Birthday Party; Swans; Jarboe; James Chance & The Contortions; Mars; Teenage Jesus & The Jerks; Lydia Lunch; Karen Finley; Gaggle; Fantômas; Tomahawk; Mr. Bungle; Chat Pile; Big'n; The Jesus Lizard; Mclusky; Future Of The Left; KEN Mode; Uniform; Ministry; Swamp Terrorists; Nine Inch Nails; Liars; The Pop Group; Dirty Three; Sault; Glenn Branca; Kaada; Kronos Quartet; Krzysztof Penderecki; Ennio Morricone; Jerry Goldsmith; Bill Conti; Clint Mansell; Kaizers Orchestra; Tom Waits; The Jon Spencer Blues Explosion; Captain Beefheart & His Magic Band; Frank Zappa; Pink Floyd
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