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Van Morrison - Somebody tried to sell me a bridge

Van Morrison- Somebody tried to sell me a bridge

Orangefield
VÖ: 23.01.2026

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Kummer mit Hüftschwung

Im Blues ist das Leben hart: Man wacht morgens auf, die Knochen sind steif, die Liebste hat sich mit dem Zweitwagen vom Acker gemacht, der Hund die letzte Socke gefressen – und beim Aufstehen latscht man in einen vollen Aschenbecher. Da hilft nur eins: Gitarre und/oder Mundharmonika umschnallen, mit rauer Stimme jammern, dabei aber vielleicht auch ein wenig schief grinsen, denn irgendwem geht's ja immer noch schlechter. Und irgendwo zwischen Moll und Mitternacht kann man sich trösten: Wer so traurig groovt, der hat zumindest das Herz am rechten Fleck. Wobei: Blues ist ja nicht gleich Blues. Mancher zeigt sich existenziell und schmerzhaft, ein anderer wiederum kokettiert nur geschickt mit dem Elend – und dann gibt's natürlich noch den berüchtigten Altmännerblues pensionierter Busfahrer, die in der Eckkneipe ihre Flanellhemden vollschwitzen und pausbackig in die Mundharmonika tröten, während irgendwo im Gedränge ein Hefeweizen vom Tablett rutscht.

Irgendwo zwischen diesen musikalischen Ankerpunkten liegt das aktuelle Werk von Van Morrison. Zunächst mal sei dem Mann hier frei von jeder Ironie Ehre erboten. Beweisen muss er schon lang nichts mehr, letztes Jahr wurde er 80 Jahre alt – und immer noch treibt's ihn zum Musizieren. Noch dazu kurbelt er reichlich Mitstreiter mit Rang und Namen hoch, beispielsweise Taj Mahal, Elvin Bishop, John Allaire und Buddy Guy. Dass die bunte Seniorentruppe bei dieser Produktion Spaß am Gerät hat, ist unverkennbar – und noch dazu zeigt man sich standfest: Das Repertoire umfasst satte 20 Stücke mit einer Gesamtlänge von knapp 80 Minuten, hierfür unverhohlenen Respekt. Wer sich allerdings auf den "guten alten" Van Morrison freut, der ist bei diesem Album indes an der falschen Adresse, denn hier gibt es nur drei Musikrichtungen: Blues, Blues und Blues, und zwar: Coverversionen.

Wer jetzt noch nicht weitergeklickt hat, der kann "Somebody tried to sell me a bridge" wohl genießen, denn es handelt sich um eine geballte Blues-Dröhnung, die es in Art und Umfang durchaus mit einem schönen Kneipenkonzert aufnehmen kann. Und wie es auf solchen Auftritten häufiger der Fall ist: Erstmal müssen sich die Musiker warmspielen, auch das Publikum braucht ein paar Biere, um auf die Solldrehzahl zu kommen. Und so zeigt sich auch bei diesem Album ein eher hölzerner Einstieg; bei den ersten Tracks überwiegen vorhersehbare Gitarren- und Saxofonsoli, das immer wieder eingestreute "Yeah" des Barden wirkt zuweilen auch etwas verzweifelt, als müsse da erst mühsam von Hand ein Motor angeworfen werden. Die Mehrzahl der Tracks beschränkt sich dann auch auf einen recht eng umfassten Bereich der Bluesmusik: Im Midtempo daherstolpernd, reichlich rumpelig – und gerne wird auch einfach mal mit beiden Händen in der Klaviatur von Piano oder Hammondorgel herumgewühlt, ohne allzugroße Schöpfungshöhe. Doch es gibt auch einige sehr schöne Ausnahmen.

"Snatch it back and hold it" beispielsweise zitiert gekonnt Philadelphia-Soul, auch singt Morrison hier angenehm rotzig und "hot", ergänzt von stimmigen weiblichen Backing-Vocals: Das hier könnte ohne weiteres auch im Blues-Brothers-Film laufen, ohne blöd anzuecken. "Ain't that a shame" gefällt als bewusst langsamer Kontrapunkt mit Country-Einschlägen, man freut sich hier auch sehr darüber, wie gut Morrison trotz hohen Alters noch singen kann, die sachdienlichen Einwürfe der Rhythmus-Gitarre machen ebenfalls Spaß. Eine richtige Perle gar ist "Social climbing scene", das mit (selbst für Bluesverhältnisse) überraschendem Songaufbau glänzt und glücklicherweise das totgenudelte Akkordschema verlässt. Und zu guter Letzt bieten insbesondere die beiden Nummern mit Taj Mahal authentisches Feeling. Eigentlich ist es am Ende ja ganz cool, wenn man einfach machen kann, worauf man Lust hat, ohne kommerzielle Zwänge und Erfolgsdruck. Ob "Somebody tried to sell me a bridge" ein Werk ist, das man mit einigen Jahren Abstand als unverzichtbar im Van-Morrison-Kanon einordnen wird, darf zwar bezweifelt werden. Wenn man jedoch grundsätzlich Spaß an dieser Musikrichtung hat, dann hat dieses Album klar seine Berechtigung.

(Jochen Reinecke)

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Highlights

  • Ain't that a shame
  • Betty and Dupree
  • Social climbing scene

Tracklist

  1. Kidney stew blues
  2. King for a day blues
  3. Snatch it back and hold it
  4. Deep blue sea (feat. Elvin Bishop)
  5. Ain't that a shame
  6. Madame Butterfly blues (feat. Elvin Bishop)
  7. Can't help myself (feat. Taj Mahal)
  8. Betty and Dupree (feat. Taj Mahal)
  9. Delia's gone
  10. On a monday
  11. Monte Carlo blues
  12. When it's love time (feat. Elvin Bishop)
  13. Loving memories (feat. Elvin Bishop)
  14. Play the honky tonks (feat. Elvin Bishop)
  15. (Go to the) high place in your mind (feat. John Allair)
  16. Social climbing scene
  17. Somebody tried to sell me a bridge
  18. You're the one (feat. Elvin Bishop)
  19. I'm ready (feat. Buddy Guy)
  20. Rock me baby (feat. Buddy Guy)

Gesamtspielzeit: 79:38 min.

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Armin

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2026-02-14 21:26:55 Uhr - Newsbeitrag
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