Xiu Xiu - Xiu mutha fuckin' Xiu: Vol. 1
Polyvinyl
VÖ: 16.01.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Die schweinischste Versuchung
Mitunter etwas schwer zu glauben angesichts von Platten wie "Girl with basket of fruit" oder "Ignore grief", aber: Jamie Stewart ist ein großer Freund der Popmusik. Kein Wunder also, dass der Xiu-Xiu-Mann gerne von ihm verehrte Songs neu interpretiert. Anders gesagt: Vor Stewart und seiner Kollegin Angela Seo ist nichts sicher. Weder der Backkatalog von Nina Simone oder der Soundtrack zu David Lynchs legendärer Serie "Twin Peaks" noch "I am hated for loving" von Morrissey oder Rihannas "Only girl (in the world)". Jetzt haben sie's schon wieder getan – oder vielmehr bereits ab 2020, als Xiu Xiu aus purer Corona-Mopsigkeit ein Bandcamp-Abonnement ins Leben riefen, für das sie jeden Monat ein anderes Stück coverten. Die besten respektive markantesten finden sich auf diesem Album. Motto: Fick Deine Mudder – oder zumindest ihr Lieblingslied.
Das könnte zum Beispiel der Talking-Heads-Klassiker "Psycho killer" sein, der diese Compilation ziemlich spektakulär eröffnet. Und zwar so, als hätte David Byrne das Stück für "Stop making sense" nicht solo, sondern zusammen mit einem wildgewordenen Gamelan-Orchester und einer ascheimernden Schreng-Gitarrenband performt. Klingt wild, funktioniert aber ganz ausgezeichnet, denn es ist meist eine reine Freude mitanzuhören, wie Stewart und Seo auf "Xiu mutha fuckin' Xiu: Vol. 1" Hits aus den verschiedensten Genres und Jahrzehnten entstellen, auf links ziehen und schief und scheel wieder zusammennähen. Und da sich Deine alte Dame vermutlich ohnehin längst mit Grausen abgewendet hat: Natürlich machen sich Xiu Xiu auch einen diebischen Spaß daraus, allerlei explizite – will sagen: schweinische – Aspekte in die Veranstaltung zu schmuggeln.
Besonders gut zu eignen scheint sich dafür der New Wave der ausgehenden 70er- und 80er-Jahre: "Warm leatherette", die minimalelektronische Vertonung eines erotisch motiverten Autounfalls von Daniel Millers The Normal, fiepst und knarzt hier noch etwas erratischer, Soft Cells Promiskuitäts-Tanzfeger "Sex dwarf" deliriert zwischen industriellem Techno und Noise-Installation hin und her. Doch auch "Lick or sum", ein höchst frivoler Empowerment-Bums der US-Rapperin GloRilla, bekommt sein Fett weg: mit einer finsteren Drone-Fläche und irrlichternden Vocal-Ad-Libs. Ein Angebot, das kein Casual-Dating-Freak missverstehen kann. Nachgerade herzzerreißend nach diesen Pikanterien: die feinsinnigen Fassungen von Daniel Johnstons "Some things last a long time" und Roy Orbisons "In dreams", einst die zarteste Versuchung im Psycho-Thriller "Blue velvet". Regisseur? David Lynch. War ja klar.
Am eindrücklichsten ist "Xiu mutha fuckin' Xiu: Vol. 1" jedoch, wenn es ans Eingemachte geht. "Hamburger lady" unterscheidet sich zwar nicht allzu sehr vom Original der industriellen Pionier*innen Throbbing Gristle – doch wie ungerührt Seo den furchtbaren Text über eine Frau mit extremsten Brandverletzungen vorträgt, stellt sogar Genesis P-Orridges Geknörmel in den Schatten. Jenseits von spooky. Und prallen in Screamin' Jay Hawkins' "I put a spell on you" Free-Jazz und Black Metal mit Wucht aufeinander, ist schon früh einen Moment lang alles zu spät. Erholen kann man sich danach zu Robyns maßvoll gehaltenem "Dancing on my own" und diversen eher ambienten Kapriolen. Aber Vorsicht: "In every dream home a heartache" von Roxy Music, der erste Gummipuppen-Song der Musikgeschichte, lauert noch in Stewarts Archiv. Wir blasen schon mal auf.
Highlights
- Psycho killer
- I put a spell on you
- Hamburger lady
- Lick or sum
Tracklist
- Psycho killer
- Warm leatherette
- I put a spell on you
- Hamburger lady
- In dreams
- Sex dwarf
- Dancing on my own
- SPQR
- Lick or sum
- Some things last a long time
- Triple sun
- Cherry bomb
Gesamtspielzeit: 45:15 min.
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Referenzen
Sal Mineo; Scott Walker; Former Ghosts; Amnesia Scanner; Perfume Genius; Kirin J Callinan; Daniel Blumberg; Owen Pallett; David Lynch; Roy Orbison; Patrick Wolf; Bobby Conn; Marc Almond; Foetus; Coil; Throbbing Gristle; Psychic TV; The Residents; Klaus Nomi; Anohni And The Johnsons; EMA; Circuit Des Yeux; Mount Eerie; Casiotone For The Painfully Alone; Nicole Dollanganger; Jazmin Bean; Gazelle Twin; Planningtorock; Fever Ray; Profligate; Matmos; The Soft Pink Truth; Pere Ubu; The Pop Group; Joy Division; Parenthetical Girls; Los Thuthanaka; Swanic Youth; Glenn Branca; Bow Gamelan Ensemble; Non; Lawrence English; Oneohtrix Point Never; Oxbow; Yeule; Otay:Onii; Pan Daijing; Yves Tumor; Lotic; Gaika; Bad With Phones; Eartheater; Metallic Falcons; Angelo Badalamenti
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