Geologist - Can I get a pack of Camel Lights?
Drag City / Indigo
VÖ: 30.01.2026
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Die alte Leier
Mitnichten führten alle in den späten Sechziger- und frühen Siebziger-Jahren beschrittenen psychedelischen Wege zur nächsten Party. "Pet sounds" und "Sgt. Pepper" waren die eine Seite der von bunten Nebelschwaden umgebenen Medaille: großteils fröhlich, songorientiert und eingängig. Die frühen Pink Floyd und ihre Epigonen die andere. Düster, mitunter anstrengend und disharmonisch klangen sie. Zunächst orientierten sich Animal Collective vor allem an zweitgenannten Bands, bis die Gewichtung ab "Feels" langsam in Richtung Flauschigkeit kippte. Wer daher vermutete, Brian Ross Weitz alias Geologist würde auf Solo-Pfaden noch poppigere Wege einschlagen als seine Kollegen Avey Tare und Panda Bear, irrte sich. Gewaltig sogar. Denn "Can I get a pack of Camel Lights?" tönt kaum weniger sperrig als das im vorherigen Jahr veröffentlichte Collab-Album "A shaw deal".
Bereits die erste, nun ja, "Song"auskopplung "Tonic" stellte nebst Synthiegewaber das Leadinstrument des Geologist-Debütalbums vor: Das, was da so schön lärmt, ist keineswegs eine verzerrte E-Gitarre, sondern – eine Drehleier! Als Weitz vor fast 30 Jahren ein Konzert des Multiinstrumentalisten Keiji Haino besuchte, gewann das Streichinstrument mit dem markanten Klang seine Aufmerksamkeit. Weitz' Gitarrenskills ließen damals nach dessen eigener Einschätzung zu wünschen übrig. Also machte er aus der Not eine Tugend: Da er die beabsichtigten Klänge keiner Gitarre entlocken konnte, versuchte er sich am Spiel der Leier. Mit weitaus größerem Erfolg. Zugegeben, handelsübliche Rockposen sind beim Hantieren mit diesem Instrument schwerlich möglich. Aber die würden ohnehin nicht zu dem Mann passen, der bei Auftritten mit seiner Hauptband gerne eine Stirnlampe trägt. Im an die frühen Mogwai erinnernden "Not trad" entlockt Geologist seinem neuen Lieblingsinstrument dudelsackartige Klänge. Ansonsten erinnern nur die Songtitel in ihrer, äh, Sinnhaftigkeit an die schottischen Post-Rocker.
Im weltabgewandt-hypnotischen Zusammenspiel von Drums, Synthesizer und Klarinette in "Color in the B&W" winken Popol Vuh von fern, während "RV Envy" klingt, als habe Michael Karoli in den wilden ersten Jahren von Can keine Gitarre finden können und stattdessen spontan eine Leier aufheulen lassen. Ganz auf das Stilmittel der Wiederholung setzt das locker-leichte "Government job", in dem von Weitz' Sohn Merrick eingespielte Powerchords auf einen Synthie-Loop und Emma Garaus Drums treffen. Das klingt in jeder Hinsicht toll. Auch weil Geologist und Produzent Adam McDaniel nicht den Fehler begehen, die beabsichtigte psychedelische Atmosphäre durch aus der Zeit gefallene Synthiesounds heraufzubeschwören.
Wer auf verspult-fluffige Indie-Hits mit Beach-Boys-Refrains hoffte, möge bitte weitergehen. Vom dröhnenden Wüstenblues des Openers "Oracle road" bis zum sich in Richtung Katharsis kurbelnden siebenminütigen Closer "Sonora" wird weder gesungen noch gelacht. Trotz dadaistischer Songtitel musizieren Geologist und Co. mit heiligem Ernst – und zwar fabelhaft. Ein bisschen wie früher, als sich Bands in nebelverhangenen Kellern schon mal nach einem Schriftstück der Maya benannten. Und doch sorgt ein gewisses Leadinstrument für frischen Wind im Qualm. Ja, ausgerechnet die alte Leier.
Highlights
- Color in the B&W
- Government job
- Sonora
Tracklist
- Oracle road
- Tonic
- RV Envy
- Not trad
- Color in the B&W
- Compact mirror last names
- Government job
- Pumpkin festival
- Shelley Duvall
- Sonora
Gesamtspielzeit: 48:51 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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kiste Postings: 318 Registriert seit 26.08.2019 |
2026-02-10 18:17:48 Uhr
Wer hat noch Lust nun mit dem Rauchen anzufangen? |
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AliBlaBla Postings: 11102 Registriert seit 28.06.2020 |
2026-02-10 13:28:24 Uhr
@SneedlewoodsDann versuche es doch mal mit "Centipede Hz" von 2012, für mich das zugängigste, und ja, auch beste Werk von Ihnen... (Ich habe gerade im Netz gefunden, das ich da wohl einer Minderheiten Meinung anhänge, to put it mildly; nun, dies ist auch komplex - wie das weiße Album Komplex ist- aber mich spricht es gerade an.) Live sind sie auch putzig, aber vielleicht machten das auch die Drogen Nebel Schwaden aus dem Publikum. |
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kiste Postings: 318 Registriert seit 26.08.2019 |
2026-02-08 19:50:56 Uhr
Die Referenzen sind ja mal wild. Gleich mal ein aktuelles Video geguckt und fetzt mir schon. In das Album werde ich diese Woche mal reinhören! |
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Sneedlewoods Postings: 1518 Registriert seit 07.05.2023 |
2026-02-08 08:54:30 Uhr
Brian Weitz und seine Hauptband Animal Collective sind in meiner musikalischen Welt die großen Unbekannten. Durch die Reviews hier und beim Saitenkult bin ich neugierig geworden. Eine Drehleier als Hauptinstrument? Deren Saiten nicht folkloristisch zum nächsten Mittelalter Markt einladen? Parallel dazu eine Mischung aus Post-Punk, Krautrock, Electronica, die impulsive Freiheit des (Free) Jazz. Ich hab`s versucht. Bin aber gescheitert. Wer wagemutig genug ist bitte hier entlang.Die visuelle Umsetzung der Musik(bei YouTube zu sehen) ist allerdings auch nichts für empfindliche Menschen. Bewertung? Soll jeder selber entscheiden, ob das möglich ist. |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30172 Registriert seit 08.01.2012 |
2026-02-07 20:39:33 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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Referenzen
Animal Collective; Nigel Eaton; Keiji Haino; Popol Vuh; Amon Düül; Amon Düül II; Neu!; Nektar; Ash Ra Tempel; Agitation Free; Kraan; Hoelderlin; Guru Guru; Faust; Can; Tangerine Dream; Klaus Schulze; Electric Orange; The Brian Jonestown Massacre; Bark Psychosis; Climax Golden Twins; My Bloody Valentine; Sonic Youth; Mogwai; Pink Floyd; Avey Tare; Panda Bear; Deakin; Karlheinz Stockhausen
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