Wincent Weiss - Hast Du kurz Zeit
Vertigo / Universal
VÖ: 23.01.2026
Unsere Bewertung: 4/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Warum Wincent wieder wichtig war
Eine Art Running Gag ohne Pointe begleitet uns Plattentester*innen seit langer Zeit. Fast immer, wenn wir ein neues Album irgendeines bekannten, nach 1980 geborenen Deutschpop-Acts besprechen, werden wir mit einer Frage im Forum konfrontiert: Warum? Warum nur besprechen wir dieses Album? Und nicht etwa, sagen wir, die in einem isländischen Fachmagazin wohlwollend besprochene Debüt-LP des neuesten Ambient-Geheimtipps aus dem Reykjavíker Untergrund? Ungeachtet der Tatsache, dass Wincent Weiss via Albumtitel so höflich fragt, ob ich kurz Zeit habe. Dann nehme ich mir selbige eben. Dass Weiss kein Satzzeichen hinter seine Frage setzt, nehme ich ihm nicht krumm. So ist es eben Brauch in der deutschen Musikindustrie.
Zugegeben, einen guten Grund für die Besprechung seines je nach Zählweise (gilt das Weihnachtswerk als vollwertige LP?) fünften oder sechsten Albums liefert Weiss aufs erste Ohr nicht. "Hast Du kurz Zeit" beginnt mit "Unendlichkeit", einer zeitgeistig produzierten Deutschpop-Ode an eine Dame, die "'unmöglich' zu 'ner Möglichkeit macht". Hilfreiche (*räusper*) Lebenstipps wie "Spring ins Unbekannte und zähl bis 3!" gibt's gratis dazu. Ich hab's ausprobiert, aber in der Unendlichkeit bin ich leider nicht gelandet. Daher versöhnt mich der schön eingesungene Refrain nicht mit solchen Zeilen – und auch nicht mit der unangenehm schlageresken überdeutlichen Aussprache in den Strophen, die klingt, als würde Weiss mit ihr in erster Linie zukünftige potenzielle Schwiegermütter zufriedenstellen wollen. Dabei ist das jetzt doch gar nicht mehr nötig. Aufgesetzt wirkt's obendrein, weil der Musiker in einigen der Folgetracks gänzlich anders klingt. So geht der unangenehm aufdringliche Titeltrack auch gesanglich als Culcha-Candela-Hommage durch, die nun wirklich niemand braucht. Später verhebt sich Weiss im autotunelastigen "Letzter Zug" an Kiezdeutsch-Genuschel, wandelt etwa "ch"s relativ konsequent in "sch"s um. Ja, er singt für Sie in jedwedem Stil. Sounddesign und Lyrics passen sich nahtlos an diese Identitätslo ... pardon, Flexibilität an. Ein absoluter Fremdkörper bleibt die solide Rocknummer "Flieg", die tönt, als sei sie geschrieben worden, damit die Kaulitz-Brüder bei ihrem kommenden "Wetten, dass..?"-Debüt Weiss nach einem Vollplayback-Auftritt ein "So klangen wir auch mal!"-Kompliment machen dürfen.
Andere Songs zeigen, wie man das gesangliche Talent von Weiss besser zur Geltung bringen kann. Das Duo Rych & Mondee setzt auf "Letzte Liebe" der Überproduktion anderer Songs einen erdigeren und zeitloseren Klang mit stilvollem E-Gitarren-Einsatz entgegen. Weiss verzichtet auf nicht zu ihm passende Gesangsmanierismen, klingt unverkrampft. Mit so einfachen Mitteln kann ein ziemlich gelungener Popsong entstehen. Das von Fayzen mit massig Reverb auf den Vocals, Streichereinsatz und plötzlich einsetzendem Bassgewummer äußerst stilvoll produzierte "Gut genug" hätte man soundtechnisch eher auf einem Thom-Yorke-Album erwartet. Leider wirkt die gelungene Synthesizer-Ballade über Selbstzweifel im stilistischen Kuddelmuddel verloren, degradiert zu einem Interlude zwischen der klebrigen Kalenderspruchsammlung "Langsam" und dem skurrilen "Den Letzten beißen die Hunde". Beim Hören des letzteren Songs fragt man sich, ob die allzu sprunghaften Zeilen noch interpretationsbedürftige Sozialkritik oder schon unfreiwilliger Dadaismus sind.
Haben die kritischen Stimmen zu den Deutschpop-Rezensionen immer noch keinen guten Grund für die Bevorzugung von Wincent Weiss gegenüber den Ambient-Newcomern aus Reykjavík gefunden? Ich hingegen schon. Denn nicht selten werden wir Plattentester*innen mit einem weiteren Vorwurf konfrontiert: der vermeintlich inflationären Vergabe von 7/10-Punkten, die manche gar für eine "durchschnittliche" Bewertung halten. Nein, 7/10 heißt bei uns nicht "durchschnittlich", sondern "sehr gut". Unser Fokus wird auch weiterhin auf musikalischen Empfehlungen liegen. Und doch heißen wir nicht Plattenempfehlungen.de, sondern Plattentests.de. Und besprechen eben auch ab und an die neuesten Werke deutschsprachiger Mainstream-Acts – wie immer mit dem Anspruch, blind gegenüber Image und bisheriger Diskographie zu sein. Da beruhigt es in gewisser Weise, dass Weiss auf "Hast Du kurz Zeit" über weite Strecken genau das liefert, was man erwartete: eine generische, leicht unterdurchschnittliche, lose Songansammlung. So sorgt er indirekt und unabsichtlich auch für eine nachdrücklicher wirkende Empfehlung (noch) unbekannter Acts, für die wir mindestens 7/10 vergeben. Beim nächsten Mal sprechen wir diese Empfehlung ja möglicherweise für die Ambient-Newcomer aus Reykjavík aus. Hätten Sie für diese Rezension auch Zeit?
Highlights
- Letzte Liebe
- Gut genug
Tracklist
- Unendlichkeit
- Hast Du kurz Zeit
- In einem anderen Leben
- Sommer der bleibt
- Letzte Liebe
- Lang nicht hier
- Langsam
- Gut genug
- Den Letzten beißen die Hunde
- Letzter Song
- Flieg
- Deiner Seite
- Einmal zusammen
- Immer näher
- Zeit vergeht
- Letzter Flug
- Wegen Dir
- Kurz für immer
Gesamtspielzeit: 49:09 min.
Album/Rezension im Forum kommentieren
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(Neueste fünf Beiträge)
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Nummer Neun Postings: 1110 Registriert seit 14.06.2013 |
2026-02-04 10:17:19 Uhr
Das Remix-Album dazu wird übrigens "Ob du kurz Zeit hast (hab' ich gefragt)" heißen. |
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oldschool Postings: 1019 Registriert seit 27.04.2015 |
2026-02-04 10:13:50 Uhr
"Die "Warum wird das rezensiert"-Diskussion ist natürlich alt und müßig"Stimmt! Aber es wird ja noch nicht mal etwas rezensiert. Und witzig wie bei Witt isses auch nicht. So what? |
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Vivat Virtute Postings: 228 Registriert seit 05.11.2023 |
2026-02-04 08:32:54 Uhr
Die "Warum wird das rezensiert"-Diskussion ist natürlich alt und müßig, wenn aber diese Rezension nun, wie Huhnmeister meint, DIE Erklärung dafür sein soll, ist das schon eher ein Eingeständnis, dass diejenigen, die "rumheulen" wohl schon recht haben ;) |
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Ryker Postings: 18 Registriert seit 14.06.2013 |
2026-02-04 07:45:02 Uhr
Das grandiose Missverständnis: Der Running Gag ist es, wenn ihr ein neues Album irgendeines bekannten, nach 1980 geborenen Deutschpop-Acts besprecht, und nicht die Frage nach dem Warum. |
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oldschool Postings: 1019 Registriert seit 27.04.2015 |
2026-01-31 09:44:02 Uhr
hmmmm....überflüssige Rezension! Oft sind die wenigstens lustig, ironisch oder einfach ein bischen gehässig. Diesmal anber nur dünne Erklärungsversuche über die Existenz der geschriebenen Zeilen. Der arme Wincent bleibt Nebendarsteller im eigenen Film! Aber gut - über dem gibts fairerweise ja auch nix Neues zu berichten. |
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Referenzen
Tim Bendzko; Joris; Philipp Poisel; Mark Forster; Andreas Bourani; Adel Tawil; Philipp Dittberner; Max Giesinger; Johannes Oerding; Gregor Meyle; Max Mutzke; Michael Schulte; Jonas Monar; Clueso; Bosse; Nico Santos; Mike Singer; Pietro Lombardi; Sarah Engels; Vanessa Mai; Ayliva; Nina Chuba; Culcha Candela; Johannes Strate; Laith Al-Deen; Lea; Lotte; Thomas Godoj; Christina Stürmer; Kaffkiez; Pur; Tokio Hotel
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