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Poppy - Empty hands

Poppy- Empty hands

Sumerian
VÖ: 23.01.2026

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Carrying a Hello Kitty uzi

Bekannterweise kann man es den Leuten nie recht machen. Das Feuilleton verlangt bei jeder Künstlerin unablässig nach "Weiterentwicklung", ohne je präzisieren zu müssen, worin diese eigentlich bestehen soll. Gleichzeitig straft es erbarmungslos ab, wenn der Bruch zu deutlich ausfällt und man im neuen Soundgewand erscheint – dann gilt das Ergebnis wahlweise als kalkulierte Pose oder affektierte Scharade, in diesem Fall mit "Ist das denn wirklich Metal?" als Leitfrage. Spoiler: ja. Selbstverständlich, was denn bitte sonst? Dennoch ging man allgemein beim Schlusstrack "X" des Albums "Am I a girl?" bloß von einem Experiment oder sogar einem Gag aus. Dass sich dieser Sound über mehrere Alben hinweg konsequent von Hyperpop über Goth/Wave bis hin zu Metalcore auswachsen würde, wollte damals kaum jemand ernsthaft in Betracht ziehen. Es erscheint daher angemessen, zunächst einmal seinen Respekt an die mittlerweile 31-Jährige zu äußern, in so unterschiedlich gelagerten Genres kompetente Musik veröffentlichen zu können. Jedenfalls, diese Art Metamorphose schien mit dem Vorgänger "Negative spaces", auf dem der Pop-Anteil nur noch auf einzelne Songs heruntergestuft wurde, kurz vor der Vollendung zu stehen.

Mit Jordan Fish, ehemaliger Keyboarder bei Bring Me The Horizon und unter anderem Produzent für Architects und Halsey, steht auch ein geeigneter Soundtüftler für dieses Anliegen parat. Und in der Tat: Ihr nunmehr siebtes Album "Empty hands" ist das bisher härteste aus dem Poppy-Kosmos; jedoch weigert es sich beharrlich, die ironische Verspieltheit als Stilmittel abzulegen, und hier scheiden sich dann eben die Geister. Auch auf die Gefahr hin, ein Detail größer zu machen als es ihm gebührt, zeigt sich Besagtes sehr anschaulich im titelgebenden "Empty hands". Da wird von Beginn an wieder hart geschrammelt und gescreamt, damit nach den Zeilen "In life, you wallow with indifference / In death, you shall not make a sound" die Musik plötzlich verstummt und Poppy sich ganz zierlich räuspert, nur um dann direkt weiter zu krakeelen, als wäre nie etwas gewesen. Für die einen ist das Comedy. Für die anderen eine Machtdemonstration: totale Kontrolle über Form, Bruch und Erwartung. Es wirkt im Verlauf der knapp vierzig Minuten so, als wolle dieses Album seine Hörenden aktiv mit der Frage konfrontieren, ob man es denn für voll nehmen kann. Wertfrei betrachtet ist das natürlich eine interessante Reaktion darauf, wenn man als Interpretin mit dieser Frage quasi entlang der ganzen Karriere konfrontiert wird: einfach mal zurückfragen.

Im Gegensatz zu "Negative spaces" kommt "Empty hands" mit weniger elektronischen Versatzstücken aus, was wohl am meisten zu der angesprochenen zusätzlichen Härte im Sound beiträgt. Eigentlich erlaubt nur "Unravel" mit seinen Trance-Elementen einen Blick in den Rückspiegel, um dann im folgenden "Dying to forget" mit dem rabiatesten Titelbeginn auf diesem Album kontrastiert zu werden. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man beim permanenten Sprung zwischen Poppys technisch zwar unsauberem, dadurch aber umso geifernderem Gekeife und den glockenklaren Bridges vermuten, dass sich hier eine junge Frau einem Exorzismus unterzieht. Technisch wird es auf jeden Fall sehr anspruchsvoll, dieses Paket stimmlich dann auch live umzusetzen. Hier, etwa in der Mitte des Albums, liegt damit auch der mit Abstand interessanteste Teil der gesamten Veranstaltung.

Dadurch kommen die Schwächen der Rahmung erst richtig zum Vorschein. Die umliegenden Songs bauen diese Intensität leider weder konsequent auf noch sinnvoll weiter. Stattdessen clustert sich das Album vielmehr um zugegeben starke Einzelmomente als um einen zwingenden Zusammenhang. Ein weiteres Problem liegt eine Ebene tiefer in der programmatischen Unentschlossenheit der Texte. Wenn in den Lyrics innerhalb eines Songs zwischen existenzieller Reflexion ("Isn't it peculiar how the chatter fails to offer / Any solace in the light of the truth?") und pubertärem Zorn ("The biting dogs have got the itch / The future is a seething bitch / Maybe I'll be used by it") gependelt wird, bleibt unklar, worauf sich diese Rage eigentlich richtet – und warum. In den wenigen Fällen, in denen diese Frage tatsächlich mal geklärt ist, äußert es sich dann, wie im angesprochenen "Dying to forget" als Abrechnung mit dem Ex-Freund, dann eher unsouverän: "I'll watch your kingdom fall / I'll cut the brakes so your car can't stop / 'Cause you never risked it all." Somit macht "Empty hands" als Album zwar durchaus Spaß und hat keine allzu negativen Ausfälle, kann die gewählte Größe seiner Gesten aber inhaltlich nicht hinreichend bedienen.

(Gerrit Phil Abel)

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Highlights

  • Bruising sky
  • Unravel
  • Dying to forget

Tracklist

  1. Public domain
  2. Bruised sky
  3. Guardian
  4. Constantly nowhere
  5. Unravel
  6. Dying to forget
  7. Time will tell
  8. Eat the hate
  9. The wait
  10. If we're following the light
  11. Blink
  12. Ribs
  13. Empty hands

Gesamtspielzeit: 38:31 min.

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