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Labrinth - Cosmic opera: Act I

Labrinth- Cosmic opera: Act I

Columbia / Sony
VÖ: 30.01.2026

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Wahn! Wahn! Überall Wahn!

Bedächtig klingt Timothy Lee McKenzie alias Labrinth. Reflektiert, aber auch müde und traurig. Ganz so, als spräche ein psychiatrischer Patient die einleitenden Worte – was das Albumcover von "Cosmic opera: Act I" sofort in einem neuen Licht erscheinen lässt. Das, was der gesichtslose Protagonist trägt, was man eben noch für einen Teil der Requisite der Kosmischen Oper hielt, könnte auch eine in rotes Bühnenlicht getauchte Zwangsjacke sein. Ein Rat sei ihm gegeben worden, wie er mit dem Chaos in sich selbst umgehen solle, nuschelt Labrinth: "Speak on it!" Und er hält sich an den Rat, eine faszinierende knappe halbe Stunde lang. Wie diese Vertonung der inneren Dämonen klingt, dieser "innere Tanz"? So ähnlich wie eine Oper, meint der R'n'B-Musiker. Insofern man die Einschätzung ebenso wie den Albumtitel noch für Ironie hielt, wird man sogleich durch das Anschlagen einer Kesselpauke und das Anstimmen einer Arie eines Besseren belehrt. Und versteht: Dass McKenzie seine vorangegangene EP "Prelude" nannte, geschah nicht zufällig. Der Gladiatorenkampf gegen die eigenen Abgründe hat begonnen und erhält im Musentempel eine passende musikalische Untermalung.

Die Ouvertüre geht, flankiert von einem Sound, der verdächtig nach einem Flammenwerfer klingt, über in "Debris". Staunend und fast zwangsläufig mitwippend gibt man sich dem perfekt produzierten Pathos-Po(m)p hin, dessen Sounddesign so fröhlich erscheint, dass man den Hilferuf des lyrischen Ichs, sich selbst als Zentrum des Ruins ausmachend, zunächst kaum wahrnimmt. Selten wird Gefühlschaos so greifbar vertont wie auf der vierten LP des Mannes, der auch den Soundtrack zur HBO-Serie "Euphoria" beisteuert. Die Beats ballern, die Synthesizer blubbern, die Chöre jubilieren, die Bläser tröten, die Streicher bezirzen. Labrinth rappt, schreit, säuselt, spuckt aus, gewährt einen Blick in ein manisch-depressives Selbst. Manisch-depressiv nicht im Sinne eines in Rezensionen oft falsch genutzten vermeintlichen Synonyms für "dauerdepressiv", sondern im eigentlichen Sinne starker, anormaler Stimmungsschwankungen. Labrinths Protagonist, mal himmelhoch jauchzend, dann wieder zu Tode betrübt greinend, belässt es bei der Verbalisierung seines Innenlebens zumeist bei Andeutungen. Bis dann doch der große emotionale Ausbruch erfolgt, die lyrische "Implosion" eben: "Save me! Pray for me! Insane! Nutty!" Mag der Satz "My implosion / Is entertainment" einem auch einen Schlag in die Magengrube versetzen: Der zugehörige Song lässt spätestens ab der gefühlvoll gesungenen Hook, begleitet von edlem Synthiesound, keinen Zweifel an seiner Korrektheit aufkommen.

Ob – wie so häufig in den großen Opern von "Tristan und Isolde" bis "Aida" – unglückliche Liebe das geradezu berstende Innere auslöste, wird zwar nicht abschließend aufgelöst. Spätestens der Text von "I keep my promises", dessen Bridge mit dem unheilvollen Geräusch des Nachladens einer Schusswaffe aufwartet, legt die Deutung allerdings nahe. All diejenigen Geister, die fein säuberlich zwischen U- und E-Musik trennen und bis dato nicht wussten, dass Labrinth vor mehr als 14 Jahren das Video zu "Earthquake" keineswegs mit Anekdoten an "Don Giovanni" schmückte, sondern mit Referenzen auf die populärste Weltraumsaga der Welt und damit auf Platz 2 der britischen Singlecharts landete, seien gewarnt: In seinem neuen Musikdrama spart der Brite weder an Schimpfwörtern, noch lässt er seine Liebe zum vermeintlich Profanen hinter sich. Und gibt den naserümpfend den grünen Hügel hinunterflüchtenden, allzu konservativen Kunstconnaisseur*innen ein "Star Wars, motherfucker!" mit auf den Weg. Die werden auch nicht mehr durch das freimütige, von einem erstklassigen Gospelchor begleitete Geständnis, "Still in love with the pain" zu sein, zurückkommen. Schade, denn sie verpassen ein fantastisches Pop-Album. Eines, das mit seiner Einbindung von Klassik-Elementen und in seinem Mut zum Pomp mitunter an eine gewisse, von vielen als Erleuchtung wahrgenommene LP des vergangenen Jahres erinnert. Dennoch muss man beim Hören des ersten Aktes des labrinthschen Dramas nie fürchten, dass gleich Björk um die Ecke björkt oder ein Sprachwechsel vollführt wird, der klingt, als sei er ChatGPT entsprungen.

Dass er Pop-Perlen schreiben und produzieren kann, bewies Labrinth mit Songs wie "Miracle" oder dem Emmy-prämierten "All for us" bereits zur Genüge. Nun legt er auf Albumlänge sein Meisterstück vor, eine hyperaktive Rap-Gospel-Soul-Oper, die nicht "Jahresbestenliste!" und "Große Kunst!" schreit, dabei aber letztere ist. Pompös, aber immer aufrichtig, kunstvoll, aber nie künstlich. Ein lauter und wundersamerweise sehr stilvoller Genremix, authentische und durchaus massentaugliche ADHS-Musik im besten Sinne. Wir stehen selbst begeistert und sehen betroffen / Den Vorhang zu und nicht mehr viele Fragen offen. Im Grunde nur eine: Wird unser Protagonist im Kampf gegen die inneren Dämonen obsiegen? Act II kann kommen!

(Dennis Rieger)

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Highlights

  • Debris
  • Implosion
  • I keep my promises

Tracklist

  1. Something like an opera
  2. Debris
  3. Implosion
  4. Into the black hole
  5. S.W.M.F.
  6. God spoke
  7. Big bad wolf
  8. I keep my promises
  9. Opera interlude
  10. Orchestra
  11. Still in love with the pain
  12. Running a red

Gesamtspielzeit: 28:48 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

KingOfCarrotFlowers

Postings: 240

Registriert seit 07.02.2018

2026-01-31 19:01:58 Uhr
Was für ein fantastisches Stück Musik!
Leider viel zu kurz. Aber dennoch das erste Album, das ich mir auf die Playlist zur Wahl des AdJ speichere

Otto Lenk

Postings: 815

Registriert seit 14.06.2013

2026-01-31 14:25:12 Uhr
Labrinth, der Rosalia des HipHop?

COSMIC OPERA ACT I 9/10

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 29984

Registriert seit 08.01.2012

2026-01-30 20:33:27 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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