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Joyce Manor - I used to go to this bar

Joyce Manor- I used to go to this bar

Epitaph
VÖ: 30.01.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Antidepressivum

Joyce wer? Hierzulande haben Joyce Manor bis dato nie den Bekanntheitsgrad erreicht, den sich die drei Herren aus dem Großraum L. A. seit ihrer Gründung vor gut 18 Jahren sicherlich irgendwann mal verdient hätten. So blieben die Kalifornier lange so etwas wie ein Geheimtipp, was sich mit Album Nummer sieben nun ändern könnte. Dass Brett Gurewitz dieses Album produziert hat, wirkt zunächst wie ein bewusst gesetzter Kontrast. Joyce Manor, lange Zeit Inbegriff des kurzen, nervösen, leicht angeranzten Emo-Punks, treffen auf den Bad-Religion-Mastermind und Epitaph-Chef, der seit Urzeiten für Struktur, Präzision und melodische Disziplin steht. Wer nun ein Sound-Update Richtung 90er-Melodic-Punk erwartet, liegt allerdings daneben, Brett sei Dank. Stattdessen klingt "I used to go to this bar" im Vergleich zu den meisten Vorgängeralben immer noch klar nach der bewährten Mixtur aus Punkrock, Power-Pop und Emo, wirkt aber aufgeräumter und reifer.

Joyce Manor waren nie die lauteste oder technisch auffälligste Band in dem Genre-Wirrwarr. Ihre Stärke lag stets in kurzen, unmittelbaren Songs, die Melancholie, Selbstironie und rotzigen Charme miteinander verbanden. Songs wie "Constant headache" oder "Last you heard of me" wird manch einer noch im Kopf und irgendwelchen Playlisten haben. Genau dieser Kern bleibt auch anno 2026 erhalten, wirkt aber weniger ungestüm als früher. Die Songs sind klarer arrangiert, die Produktion luftiger, die Aggression dosierter. Gleich das eröffnende "I know where Mark Chen lives" macht das deutlich: ein typischer Joyce-Manor-Song, der sofort ins Ohr geht, dabei aber nicht mehr ungebremst stolpert. Die Gitarrenlinien sind sauberer, der Gesang weniger gehetzt und die Dynamik gezielter eingesetzt. Macht in unter zwei Minuten genauso Laune wie das nachfolgende "Falling into it", bevor das Highlight des Albums einsetzt: Mit "All my friends are so depressed" liefern Barry Johnson, Chase Knobbe und Matt Ebert einen der eingängigsten Songs ihrer Karriere. Der trockene Humor im Titel trifft auf einen hochgradig poppigen Refrain, der Erinnerungen an The Lemonheads und andere Indie-Pop-Veteranen der 90er weckt, ohne dass die Band ihre Identität verliert. Hier zeigt sich die Reife des Albums besonders deutlich: Wo früher Nervosität regierte, reicht heute eine gut platzierte Hookline.

Nicht minder eingängig ist das Trio, das sich mit wechselnden Drummern umgibt, bei Songs wie "Well, whatever it was" zugange. Zwischen lockerem Groove, einer gewissen Verspieltheit und starken Power-Pop-Anleihen scheint den Herren quasi die Sonne aus dem kalifornischen Allerwertesten. Der Titeltrack fungiert als stiller Mittelpunkt der Platte. Thematisch geht es um Vergänglichkeit, um Orte und Routinen, die irgendwann nur noch Referenzpunkte der eigenen Vergangenheit sind. Musikalisch bleibt der Song im Mid-Tempo, fast unspektakulär und trotzdem stark. Joyce Manor wirken hier weniger wie eine Band, die etwas beweisen will, sondern wie eine, die angekommen ist. Die meisten Songs kombinieren vermeintliche Lockerheit mit einer gehörigen Portion Melancholie, wie man auch beim nachdenklichen "After all you put me through" deutlich spürt. Auch im weiteren Verlauf bleibt das Album konsistent. Mal mehr, mal weniger Tempo, aber ein stetiger Fluss. Nicht jeder Song bleibt sofort hängen, doch keiner wirkt wie Füllmaterial, was bei neun Songs in unter 20 Minuten auch deutlich spürbar wäre. Wer die rohe Dringlichkeit früherer Releases sucht, wird sie hier nur noch in Andeutungen finden. Dafür gewinnen Joyce Manor an Übersicht, an klanglicher Tiefe und an Selbstverständlichkeit. Das Album wirkt erwachsen, ohne verbittert zu sein, und verspielt, ohne albern zu wirken. Welchen Einfluss daran nun tatsächlich Brett Gurewitz hat, weiß vermutlich nur die Band selbst. Wenn Name und Einfluss jedoch dafür sorgen, dass Joyce Manor über die Szene hinaus ein paar mehr Lorbeeren einheimsen, wäre schon einiges erreicht. Wer? Joyce Manor!

(Jochen Gedwien)

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Highlights

  • All my friends are so depressed
  • I used to go to this bar
  • After all you put me through

Tracklist

  1. I know where Mark Chen lives
  2. Falling into it
  3. All my friends are so depressed
  4. Well
  5. whatever it was
  6. I used to go to this bar
  7. After all you put me through
  8. The opossum
  9. Well, don't it seem like you've been here before?
  10. Grey guitar

Gesamtspielzeit: 19:10 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

saihttam

Postings: 2835

Registriert seit 15.06.2013

2026-02-01 23:52:08 Uhr
Never Hungover Again ist ihr Klassiker. Die Neue macht aber auch wieder Spaß. Letzten Otkober bei der Common Thread Tour haben se ebenfalls ganz viel Spaß gemacht.

sizeofanocean

Postings: 1958

Registriert seit 27.01.2020

2026-02-01 09:22:51 Uhr
keine Minute zu viel

aber wie immer bei denen so einige Minuten zu wenig...

RickyFitts

Postings: 89

Registriert seit 04.07.2020

2026-02-01 07:17:55 Uhr
Jupp, irgendwie machen die keine schlechte Platte.
Am nachhaltigsten bleiben bisher aber immer noch die erste und Never Hungover Again. Von der neuen kenne ich aber bisher nur die Vorabsongs, die sind super.

Gordon Fraser

Postings: 2960

Registriert seit 14.06.2013

2026-01-31 14:09:27 Uhr
Yes! Endlich die erste Rezi auf Plattentests. :D

Tatsächlich. :O
Ich dachte, die wären ziemlich groß? Warum hat die PT denn bislang ignoriert?

Großartiges Album, keine Minute zu viel. Der Opener reißt immer noch alles ein.

Kai

User und News-Scout

Postings: 3316

Registriert seit 25.02.2014

2026-01-31 10:27:17 Uhr
All my friends are so depressed ist ein echter Ohrwurm.

Die 20 Minutengrenze ist für physische Plattenkäufer aber immer etwas doof.
Zum kompletten Thread

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