Spock's Beard - The archaeoptimist
Madfish / Edel
VÖ: 21.11.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 3/10
Feel euphoria
Im Grunde genommen waren Spock's Beard bereits Geschichte, zerfallen in ihre Einzelteile. Dabei hatte die einst wegweisende Prog-Band gerade noch im Jahr 2018 mit dem starken Album "Noise floor" wieder einen Schritt vorwärts gemacht, konnte endlich wieder mit schlüssigem Songwriting überzeugen. Doch nachdem sich diverse aktuelle und frühere Bandmitglieder unter dem Namen Pattern-Seeking Animals zusammenfanden und seit dieser Zeit gleich fünf Longplayer veröffentlichten, Frontmann Ted Leonard 2023 gar ankündigte, es werde keine neuen Studioalben mehr geben, wirkte "Noise floor" wie ein Schwanengesang. Bis Keyboarder Ryo Okumoto auf einer der vermeintlich letzten Touren der Amerikaner Ansätze für ein weiteres Solo-Album präsentierte und damit irgendwie der Band neues Leben einhauchte. Manchmal braucht es eben einfach nur eine zündende Idee.
Und ja, "The archaeoptimist" zündet in der Tat von Beginn an durch. "Invisible" startet leichtfüßig, geradezu beschwingt, um dann – natürlich, möchte man hinzufügen – in einen wunderbaren Keyboard-Lauf zu münden. Doch bevor irgendwelche Gedanken aufkommen, es könne sich hier wirklich um ein Solo-Album des gebürtigen Japaners handeln, bekommt Bassist Dave Meros reichlich Raum, um den Opener mit starken Bassläufen zu unterfüttern. "Electric monk" setzt diese Leichtigkeit fort, wirkt so routiniert wie elegant und zeigt, warum Spock's Beard einst als einzig legitime Nachfolger der legendären Yes galten. Eingängigkeit ohne Pop-Anbiederung, höchstes musikalisches Niveau ohne prätentiöses Gefrickel – natürlich ist das retro, natürlich ist das voll am Zeitgeist vorbei. Aber genau deshalb Prog zum Wohlfühlen, erst recht, wenn "Afourthoughts" den 1996 auf dem Album "Beware of darkness" begonnenen Zyklus "Thoughts" fortsetzt.
Warum das so wichtig ist? Weil da endlich, endlich wieder dieser wunderbar harmonische mehrstimmige Gesang ist, bei dem Leonard auch die allerletzten Spuren an Kritik an seinem vermeintlich fehlenden Charisma beiseitewischt und sich in das Terrain vorwagt, in dem einst Neal Morse so bravourös agierte. So bravourös wie in der Königsklasse des Progressive Rock, nämlich den Longtracks. Keine Ahnung, ob dieses Selbstbewusstsein als Hauptsongwriter schon immer in Ryo Okumoto geschlummert hat oder ob es die Zusammenarbeit mit Michael Whiteman von den britischen Neo-Proggern I Am The Manic Whale ist – der Titeltrack des Albums entpuppt sich jedenfalls als Herzstück der Platte und mit knapp 21 Minuten längster Song der Post-Morse-Ära. Klar, solche Songbrocken sind angesichts heutiger Hörgewohnheiten völlig aus der Art geschlagen, doch Spock's Beard flechten die notwendigen Zutaten – Tempowechsel, spannendes Storytelling, reichlich Platz für ausufernde Soli – so kunstvoll wie in ihrer Frühphase zusammen.
Geradezu dreist ist es, diesem Monolithen noch einen Elfminüter folgen zu lassen. Erst recht, wenn dabei so schamlos bei Genesis gewildert wird wie bei "Next step"; vor allem im Mittelteil könnte man glatt meinen, Tony Banks wäre für ein kurzes Gastspiel aus der Rente zurückgekehrt. Doch was woanders wie schlecht geklaut wirken mag, gerät hier zur Hommage an eine der ganz großen Vorreiter des Genres und als würdiger Abschluss eines Albums, das in dieser Form, in dieser Qualität wohl niemand erwarten konnte. Schon oft wurde thematisiert, wie groß der Schatten der eigenen Vergangenheit über Spock's Beard gelegen hat. Doch mit "The archaeoptimist" greifen sich die Amerikaner diesen Schatten und erschaffen daraus im absolut positiven Sinne ihr eigenes Retro-Album. Im Moment spricht vieles dafür, dass die Band wieder Blut geleckt hat. Sollte diese Platte dennoch das letzte Studiowerk gewesen sein, dann wäre dieser Abgang spektakulär.
Highlights
- Afourthoughts
- The archaeoptimist
- Next step
Tracklist
- Invisible
- Electric monk
- Afourthoughts
- St. Jerome in the wilderness
- The archaeoptimist
- Next step
Gesamtspielzeit: 61:01 min.
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Referenzen
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