Alice Merton - Visions
Paper Plane / FUGA
VÖ: 16.01.2026
Unsere Bewertung: 5/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
Irgendwie schelmisch
Die deutschsprachige Version der größten Enzyklopädie des World Wide Web listet drei Bedeutungen des Wortes "Vision" auf. So kann es sich bei einer Vision etwa um eine "Offenbarung" handeln, gleichzeitig aber auch um einen "Zukunftsentwurf". Die erste Single-Auskopplung des neuen Albums Alice Mertons löst mit ihrem Stampfbeat und ihren "Oooh-oooh-oooh"s das im Albumtitel enthaltene Versprechen von Visionärem, von einem gewagten Zukunftsentwurf, keineswegs ein. Allzu sehr orientiert sich "Ignorance is bliss" an zeitgenössischem Mainstream-Pop – tut dies allerdings sehr kompetent. Griffig ist der Refrain, wirkungsvoll die Instrumentierung, zudem gleitet die Lautmalerei nie in coldplaysche Obligation ab, sondern bleibt glaubwürdige Emotionsartikulation. Von einer Offenbarung zu sprechen, wäre angesichts der Formelhaftigkeit des Songs zu hochgegriffen, aber nicht zuletzt dank Mertons großartiger Stimme nähert sich "Ignorance is bliss" dem perfekten Popsong an. So wird die Hoffnung genährt, dass sich die einstige Studentin der Popakademie Baden-Württemberg für die Tracks nach dem Opener die "Visions", die gewagten Zukunftsentwürfe, aufspart.
Man wartet auf das Gewagte. Realisiert schnell, dass "Visions" das homogene, unterkühlte Sounddesign des Vorgängers "S.I.D.E.S." hinter sich lässt, auf mehr Abwechslung setzt. Wundert sich über die Inkompatibilität zwischen kalten Synthies, breitbeinigem E-Gitarren-Riff und Mertons zu wenig Aggression vermittelndem Timbre im Titeltrack. Ärgert sich über das überproduzierte, mit allen Mitteln auf Hit getrimmte "Cruel intentions". Versteht "Mirage" mit seinen wenig wunderlichen, aber zweifellos gekonnt artikulierten Gesangsmanierismen als Bewerbung für den nächsten ESC-Vorentscheid. Und muss sich irgendwann eingestehen: Der Albumtitel löst sein implizites Versprechen etwa so ein wie Adel Tawils "So schön anders". Nämlich gar nicht. Alice Merton steht weiterhin für Formatradiopop, der Ecken und Kanten so scheut wie Formatradiopopmarketingmenschen ehrliche Albumtitel. Was nichts Schlechtes sein muss, wie etwa "Boogie man" mit stilvollem Gitarreneinsatz und sicherlich nicht zufällig an Michael Jacksons "Thriller" erinnernder Hook beweist. Auf die Kehrseite der Medaille führt "Marigold" mit Bassdrum-Gekloppe, maximal penetrantem Refrain und "Hey! Hey!"-lastigem Outro, ein ungenießbarer, geradezu um die Heavy Rotation bettelnder Amy-Macdonald-Stangenwaren-Klon, bei dem man sich fragt, ob die bei Songs dieser Machart eigentlich obligatorischen Handclaps im Mix verlorengingen.
Ganz zum Schluss, als bereits jegliche Hoffnung auf Visionäres abgestorben ist, nimmt uns Merton auf ihre "Treasure island" mit. Das verträumt-minimalistische Intro zeigt, dass es nicht mehr bräuchte als ein Tasteninstrument und Mertons Leadvocals, um Überzeugendes abzuliefern. Doch auch auf der vermeintlich einsamen Insel folgen "Haah-aaah-aaah!"-Backingvocals, Streicher, es folgt vieles, was man vermeintlich benötigt, um die Massen in den anvisierten Konzerthallen zum Einschalten der Android-Taschenlampen zu verleiten. "I'm not a quitter, I'm still the same fighter inside", versichert Merton, klingt dabei glaubwürdig, ganz so, als würde sie selbst noch für eine musikalische Zukunft kämpfen, in der eine Songwriting-Perle wie "Treasure island" nicht mehr in unnötigen Produktions-Schmonz getunkt wird. Und an ein musikalisches Alter Ego glauben, das ihre Pop-Persona mit dem Fernglas erspäht. An ein Alter Ego, das am Strand steht und sich die Augen zuhält, nicht mitansehen will, wie groß der Graben zwischen Talent und Realität der Pop-Persona mitunter ist. Oder ist diese Person am Strand, die das Albumcover zeigt, nur ein Trugbild? Gemäß der deutschsprachigen Version der größten Enzyklopädie des World Wide Web handelt es sich bei einem solchen um die dritte Bedeutung des Wortes "Vision". Wer auch immer sich für diesen Albumtitel und dieses Cover verantwortlich zeichnet: Es muss sich um einen Schelm handeln.
Highlights
- Ignorance is bliss
- Boogie man
- Treasure island
Tracklist
- Ignorance is bliss
- Coasting
- Visions
- Cruel intentions
- Boogie man
- Mirage
- Jane Street
- On the wire
- Willow trees in Tokyo
- Joyriding
- Landline
- Marigold
- Treasure island
Gesamtspielzeit: 43:47 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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MickHead Postings: 9591 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-01-16 09:45:10 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_lbYsPFqJq2KrjtU7A8UgitrZCF0GDaGxw&si=prDcSDZgBDEeJRno Soundmag 7/10 https://www.soundmag.de/reviews/alice-merton-visions/ |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30004 Registriert seit 08.01.2012 |
2026-01-15 21:07:29 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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MickHead Postings: 9591 Registriert seit 21.01.2024 |
2026-01-13 18:25:40 Uhr
Die deutsche Indie-Pop Sängerin "Alice Merton" aus Frankfurt am Main, veröffentlicht am 16.01. das 3. Studioalbum "Visions". Es folgt auf "S.I.D.E.S." von 2022.Alice Merton veröffentlicht nach ihrem Senkrechtstarter-Debüt „MINT“ inkl. der Hit_Single „No Roots“ und dem Follow-Up “S.I.D.E.S.” (2022) nun ihr bereits drittes neues Studio-Album mit dem Titel „Visions“, welches auch die Single „Ignorance is Bliss“ sowie die kraftvolle Indie-Pop-Hymne „Cruel Intentions“ enthält. Der Sound ist eine Mischung aus Alternative Pop, Rock und Indie, mit einer guten Balance von energiegeladenen Hymnen und introspektiven Momenten. Inhaltlich beschäftigt sich das Album, das unter anderem in Island, New York, London und Los Angeles aufgenommen wurde, mit Themen wie Selbstbestimmung, Resilienz und Loyalität. „Visions“ ist eine Erzählung darüber, wie Alice Merton Momente des Zweifels überwand, sich weigerte, den bequemen Weg zu gehen, und stattdessen konsequent Entscheidungen traf, die sie als Künstlerin vollends repräsentieren – ein Weg, der bewusst nicht immer einfach oder von außen nachvollziehbar war. 3 Songs bisher geteilt: "Landline" https://youtu.be/zvDkhIu_afU?si=u56EAnXdJGt4A-Gs "Cruel Intentions" https://youtu.be/2yi-X3OdrDk?si=96FdqEutYNM7cknI "Ignorance Is Bliss" https://youtu.be/ENDK9XMWCMk?si=cA3ocT69ZZuFaiTu Tracklist: 1 Ignorance is bliss 2 Coasting 3 Visions 4 Cruel intentions 5 Boogie man 6 Mirage 7 Jane street 8 On the wire 9 Willow trees in Tokyo 10 Joyriding 11 Landline 12 Marigold 13 Treasure island Tour 2026 01.03. – Berlin, Kesselhaus 02.03. – Köln, Kantina 03.03. – Bielefeld, Lokschuppen 04.03. – Frankfurt, Zoom 08.03. – Stuttgart, Im Wizemann 09.03. – München, Technikum 22.03. – Hamburg, Fabrik |
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Referenzen
Dua Lipa; Alma; Anne-Marie; Celeste; Camila Cabello; Charli XCX; Ellie Goulding; Jessie Ware; Halsey; Kesha; Lady Gaga; MØ; Sia; Sigrid; Tove Styrke; Uffie; Years & Years; Jade Bird; Bishop Briggs; Barns Courtney; Hatchie; ZZ Ward; Leslie Clio; Elle King; Marina; Ann Sophie; Lorde; Kate Nash; Florence & The Machine; Carly Rae Jepsen; Icona Pop; Katy Perry; Amy Macdonald; Ed Sheeran; Michael Jackson
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