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Courtney Marie Andrews - Valentine

Courtney Marie Andrews- Valentine

Loose Future / SPV
VÖ: 16.01.2026

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Rückzug vom Rückzug

"Man, I love a place / Where no one knows my name / Talking to strangers / Where no one knows my shame." Lange Zeit hätten diese Zeilen sinnbildlich für Courtney Marie Andrews' Kunstschaffen stehen können. Doch seit dem golden schimmernden Country-Meisterwerk "May your kindness remain" hat die US-Amerikanerin die Zurückhaltung ihrer früheren Alben weitflächig abgelegt, breitet oft feierlich die Arme aus und gönnt ihrer beeindruckenden Stimme die große Geste, die sie verdient. "Pendulum swing" – der Opener ihrer neunten Platte "Valentine" und der Song, aus dem obiges Textzitat stammt – beginnt mit verheißungsvollen Piano-Anschlägen, ehe Andrews auf einem perlenden Beat loslegt und im Refrain von einem knarzigen Drone begleitet die Zeit anhält. Unter anderem inspiriert von frischem Verliebtsein, ist das von Andrews und einer kleinen Band live eingespielte "Valentine" von einer warmen und raumfüllenden Energie geprägt, womit es den eingeschlagenen Weg raus aus der Introvertiertheit zu seinem bisherigen Gipfel führt. Mit Stimmungswechseln und instrumentalen Reizpunkten wie Flöten und Gitarrensoli ist Andrews ihr abwechslungsreichtes, virtuosestes Album bislang gelungen – und eines ihrer besten.

Die Variabilität steht dem schönen Albumfluss dabei keinesfalls im Weg. Sie sorgt schlicht dafür, dass beim angenehmen Dahintreiben niemand einnickt, weil stets mit der ein oder anderen Stromschnelle oder Abzweigung zu rechnen sein muss. Den West-Coast-Folk-Rock von "Keeper" durchbricht Andrews immer wieder mit hohen Gesangsspitzen, bevor das Finale die Tonspuren durcheinanderwirbelt. "Little picture of a butterfly" entwickelt sich besonders interessant. Die verlorenen Drums und Flöten finden erst mit einsetzendem Bass nach gut einer Minute zu einem griffigen Groove zusammen, doch endet der Song wieder in dem jazzigen Ambient-Pop, mit dem er begonnen hat. Oft ist auf "Valentine" jedoch das bloße Songwriting schon begeisternd genug. "Cons and clowns" fährt etwa eine unsterbliche Melodie auf, der ein kleiner Chor Nachdruck verleiht, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Auch in "Magic touch" ist das verzerrte Solo nicht der Star, sondern ein abschließender Schlenker, der dem Track noch mehr Charakter verleiht. Andrews mag selbstbewusster als früher zu Werke gehen, doch hat sie ihre Verletzlichkeit nie abgelegt. Ihre Musik findet auf diese Weise die perfekte Balance zwischen der Vermittlung nachvollziehbarer Emotionen und der kunstvollen Inszenierung ebendieser.

Die zweite Albumhälfte eröffnet "Outsider": eine große Drama-Ballade, die das auf der Platte zuvor wenig präsente Klavier in den Fokus rückt und mit einer Slide-Gitarre den ganzen Sternenhimmel auf einmal anheult. Während schlechtere Songwriter*innen den Pomp ins Unermessliche steigern würden, singt Andrews gedankenverloren ihr Mantra, bekräftigt den Wunsch, Außenseiterin zu bleiben. Mit "Everyone wants to feel like you do" geht es beschwingter weiter, wieder ist es ein funkensprühendes Gitarrensolo, das den Höhepunkt bildet. Das nicht einmal dreiminütige "Best friend" liefert noch einmal den Beweis, dass die Frau aus Arizona auch ohne viele Schnörkel brillieren kann – und unterstreicht den Eindruck, dass "Valentine" auch ein 50 Jahre alter, verschollener Genre-Klassiker sein könnte. Der wundervolle Closer "Hangman" findet ein besonders eindrückliches Bild, an die Oberfläche drängende Sehnsüchte zu artikulieren. Die Erzählerin will nicht länger Galgenmännchen spielen, im Angesicht des Todes nach Vokalen fragen, sie braucht klare Ansagen. "I am no hero, I am no anti-hero / I am only human with my own sacred desire", formuliert sie ihre Selbstverortung. Die Zeiten, in denen Courtney Marie Andrews etwas zu verstecken hat, sind lange vorbei.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Pendulum swing
  • Cons and clowns
  • Outsider
  • Hangman

Tracklist

  1. Pendulum swing
  2. Keeper
  3. Cons and clowns
  4. Magic touch
  5. Little picture of a butterfly
  6. Outsider
  7. Everyone wants to feel like you do
  8. Only the best for baby
  9. Best friend
  10. Hangman

Gesamtspielzeit: 36:01 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MickHead

Postings: 9591

Registriert seit 21.01.2024

2026-01-17 15:50:46 Uhr
Jetzt auch komplett bei Bandcamp:

https://courtneymarieandrews.bandcamp.com/album/valentine

Zappyesque

Postings: 1056

Registriert seit 22.01.2014

2026-01-16 10:20:59 Uhr
Ziemlich ernüchternder erster Durchgang. Eine unrunde Sache im Gegensatz zum Vorgänger, vor allem auf der textlichen Ebene, bei der Repetition und Melodrama zu den Hauptzutaten gehören. Aber auch dieser zwischen 70er 12-saiter und 80er Balladen modulierende Sound wirkt teilweise etwas holprig. Naja, erste Eindrücke können bekanntlich irren…

MickHead

Postings: 9591

Registriert seit 21.01.2024

2026-01-16 10:13:25 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nJkwlEQeo9avU32kGkXsSNJPdRJi-lPKA&si=nhDx9xouYinSk4Ht

Rolling Stone 4/5

https://www.rollingstone.de/reviews/courtney-marie-andrews-valentine/

MusikBlog

https://www.musikblog.de/2026/01/courtney-marie-andrews-valentine/

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 30004

Registriert seit 08.01.2012

2026-01-15 21:05:17 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

strix

Postings: 39

Registriert seit 14.06.2013

2025-12-04 22:10:27 Uhr
Schöner song.

Hatte Courtney Marie gar nicht mehr auf dem Schirm.
Dank für die Erinnerung
Zum kompletten Thread

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