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Die Sterne - Wenn es Liebe ist

Die Sterne- Wenn es Liebe ist

PIAS / Rough Trade
VÖ: 09.01.2026

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Gerechtes Brett

Vor dem Schreiben ist die Situation immer identisch. Mattweiß, wie das hämische Lächeln eines betagten Kultursenators, liegt der Notizzettel zur Albenbesprechung wie zufällig da und erwartet seine Bekritzelung. Überhaupt ähneln sich viele Dinge mit der Zeit, so wie der Nachthimmel auch irgendwie immer ähnlich aussieht. Beim 14. Album einer Band weiß man natürlich schon, was man sucht und vermutlich auch findet. Man verzeihe den Kalauer zu Beginn, aber Die Sterne, nunmehr nach "Hallo Euphoria" mit ihrem zweiten Album in neuer Besetzung rund um das verbliebene Ur-Mitglied Frank Spilker, stehen ungünstig. Zumindest lässt das Plattencover darauf schließen. Obwohl das bis heute relevanteste Album der Band "Posen" heißt, bleiben ebendiese auf besagtem Cover ungelenk wie eh und je. Aber dafür mag man die Hamburger Musterschüler ja auch, sofern man sie denn mag. Wofür es nun den mindestens 14. Grund gäbe.

Natürlich sind auch die Versatzstücke hinlänglich bekannt. Spilkers assoziativer, stellenweise genervt-patziger Duktus, die etwas psychedelisch angehauchten Orgel-Instrumentals und die dicht gepackten Lyrics bleiben Dreh- und Angelpunkt von Die Sterne. Anstatt jedoch an den Vorgänger und seine leichten Genre-Experimente anzuknüpfen, zitiert der Sound in seiner Zusammenstellung eher die Phase rund um "Von allen Gedanken...". Prominenten Anteil daran trägt Dyan Valdés, die als Keyboarderin nicht nur für den entsprechenden Klangteppich sorgt, sondern beispielsweise bei der Stream-of-Consciousness-Nummer "Open water" den Hauptgesang übernimmt. Die Schilderung häuslicher Gewalt und der damit verbundenen Scham ist derart eindringlich, dass sie das Album wie mit der Machete in zwei ungleiche Hälften zerteilt. Während zuvor noch eher bildungsbürgerlich gefrotzelt oder kosmopolitischer Zynismus ausgebreitet wird, zentrieren sich die Stücke danach auf das Ich im Jetzt und wo auch immer Hier ist.

Mit "Fan von Irgendwas" ist es dann erneut Valdés, die durch ihren beneidenswert coolen Akzent in der Aufzählung x-beliebiger Hobbys entwaffnend aufzeigt, wie tröstlich egal doch der Alltag in Wirklichkeit ist, und eine Welt beschreibt, die aufgrund ihrer Unzahl an Möglichkeiten zur Kommunikation vergessen hat, was eigentlich ein mitteilungswürdiger Inhalt ist. Viel Lärm ist nichts. Die Wettquoten stehen gut, dass auf kommenden Sterne-Alben weitere Gesangsparts für Valdés geschaffen werden, und die daraus entstehende Varianz tut der Band hörbar gut. Während man beim Umbruch vor dem letzten Album noch Sorgen haben konnte, wie viel von dieser Band am Ende eigentlich nur Frank Spilkers Anteil ist, gelingt hier nun eine glaubhafte, eigenständige Versionierung mit so viel Spielfreude, wie man sie zuletzt wohl auf "Räuber und Gedärm" attestieren konnte.

Spilkers Songwriting ist auf "Wenn es Liebe ist" nicht unbedingt in der Hochphase seines persönlichen Schaffens, fällt aber auch nicht negativ auf. "Ich habe nichts gemacht (außer weiter)" sticht hier neben "Easy auf Rezept" besonders gelungen hervor, wahrscheinlich weil die Tracks eben nicht versuchen, einen ganzen Zeitgeist in Slogans zu packen, sondern eher wie ein guter persönlicher Ratschlag aufgebaut sind und damit den Hörenden auch durch ihre Einfachheit automatisch die Augenhöhe eines Kneipengesprächs fühlen lassen: "Wir tragen eine Rüstung, darunter sind wir nackt / Nicht nur, dass das scheuert – die Metapher ist beknackt." Ein bisschen verblüffend ist es tatsächlich schon, wie viel Sterne-DNA in dieser nun eingespielten Kombo steckt und wie zufrieden es einen als Hörer*in macht, dass die Phase der Experimente der letzten etwa fünf Alben mindestens einmal pausiert scheint. Und so ergibt sich dann auch auf dem vormals bleichen Papier doch die handschriftliche Einladung, Die Sterne nach ihren vergangenen Volten hiermit neu oder eben wieder zu entdecken. Sie bleiben eben doch die Interessanten.

(Gerrit Phil Abel)

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Highlights

  • Open water
  • Fan von Irgendwas
  • Easy auf Rezept

Tracklist

  1. Ich nehme das Amt nicht an
  2. Ändern wir je den Akkord?
  3. GNZRZND
  4. Wenn es Liebe ist
  5. Open water
  6. Ich habe nichts gemacht (außer weiter)
  7. Fan von Irgendwas
  8. Es war nur ein Traum
  9. Easy auf Rezept
  10. Immer noch sprachlos

Gesamtspielzeit: 43:48 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

mrnovember

Postings: 414

Registriert seit 10.10.2019

2026-01-31 00:25:19 Uhr
Wenn es Liebe ist - Open Water - Ich habe nichts gemacht (außer weiter) ist für mich die beste Songfolge seit langem. Insgesamt wahrscheinlich auch mein liebstes Album der Band bislang.

AliBlaBla

Postings: 10917

Registriert seit 28.06.2020

2026-01-17 11:54:39 Uhr
CD geordert, einmal hören auf streaming Dienst: das kann was. Das krautrockige erinnert mich an "Räuber und Gedärm", nicht die schlechteste Zeit ;) freu mich druff- und live...

Kontermutter

Plattentests.de-Mitarbeiter (Gerrit Phil Abel)

Postings: 688

Registriert seit 04.03.2023

2026-01-16 22:34:38 Uhr
Schreibt nicht für PT = Kann ich nicht ernst nehmen.
:D

Marco ist schon ein Guter und sein Wissen ist ziemlich breit gefächert. Das ist halt weniger Rezension und eher Kommentar, also eher einordnend als bewertend. Und er sagt auch hier viel Sinnvolles.

MickHead

Postings: 9591

Registriert seit 21.01.2024

2026-01-16 20:29:26 Uhr
Ich finde seine Art sehr erfrischend und informativ!

AliBlaBla

Postings: 10917

Registriert seit 28.06.2020

2026-01-16 20:23:45 Uhr
Ach, der hatte umgelernt, ne.
Wirkte nie richtig zufrieden als Berufsfußballer...
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