Racing Mount Pleasant - Racing Mount Pleasant
R&R
VÖ: 15.08.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Debüt or not Debüt
Das Debütalbum von Racing Mount Pleasant ist nicht wirklich ein Debütalbum. Also von Racing Mount Pleasant schon. Aber die siebenköpfige Band aus Michigan hieß vorher Kingfisher und brachte 2022 ein schönes Album mit dem Titel "Grip your fist, I'm heaven bound" heraus. Das blieb allerdings eher was für Eingeweihte. Erklärt aber auch ganz gut, warum nun das Irgendwie-Debüt so ambitioniert und durchdacht wirkt. Zur Band gehören neben den Musiker*innen übrigens auch noch drei Visual Artists, was Racing Mount Pleasant zum Kollektiv macht. Und das merkt man der Musik wiederum auch an, denn in manchen Momenten dieser knappen Stunde wird es ganz schön groß und voll.
Das stellt direkt zu Beginn die Single "Your new place" unter Beweis und hakt in sieben Minuten alle wichtigen Kästchen ab, die man von einem Indie-Folk-Song erwartet: Ein langsamer Aufbau, melancholische Stimmung, ein bisschen Pomp und erinnerungswürdige Zeilen. Ein rundum gelungenes Bandstück, der man die mannigfaltige Besetzung aus Gitarre, Bass, Drums, Streichern und Bläsern anhört und in dem jedem Instrument eine wichtige Rolle zukommt. Deshalb nickt man zustimmend, wenn es heißt: "How lucky I am / To be a piece of your life / How lucky I am / To be a piece of your smile." Die Kunst von Racing Mount Pleasant ist aber auch, sich nicht von der Kraft des Openers erdrücken zu lassen, den sie ganz nebenbei bemerkt einmal als Bewerbungssong für die beliebte Reihe "Tiny desk concerts" eingereicht haben. Trotzdem wird es erst einmal etwas ruhiger und die Band nimmt sich Zeit bis zum nächsten Highlight. Das findet sich in "Emily", das den Menschen aus dem Titel im Halbschlaf wunderschön beschreibt, bis man von lauten Bläsern und dramatischen Streichern überrascht und aus dem Schlaflied ein emotionaler Weckruf wird, der sich fragt, was mit denen passiert, die wach bleiben: "Now you can finally sleep, but what about me? / Cause I'm tired too."
Immer wieder entschleunigen Racing Mount Pleasant nach solch aufwühlenden Momenten clever, wie mit dem leiseren "You", das an die Frühphase von Bon Iver erinnert und von sanften weiblichen Backing-Vocals und Kopfgesang von Frontmann Sam DuBose getragen wird. Ein Song wie Lichtstrahlen, die durchs Geäst fallen. Beim angebundenen "You pt. 2" stimmt im letzten Drittel dann die ganze Band ein und die Unperfektheiten und Asynchronitäten machen den Song breit und glaubwürdig. Hier kann man das Kollektiv und die Gemeinschaft fühlen wie eine Gruppenumarmung. Umso überraschender knallt die E-Gitarre im Titelstück und die Drums können sich schon kaum zurückhalten, aber die Bläser wollen sogar noch mehr in den Vordergrund. Manche mögen hier Midwest Emo raushören. Und plötzlich singt DuBose mit einer Inbrunst, die so nur in ganz seltenen Momenten aus ihm bricht. Und wieder zeigt der mehrstimmige Gesang, wie groß das Kollektiv ist.
Ein weiteres Highlight folgt mit "Call it easy", das mit seiner Grandeur Rausschmeißer-Charakter hat und als Schwelger trotz des düsteren Themas oder gerade deswegen besonders schleppend und warm in schlurfendem Rhythmus voranschreitet. Bis dann der Gefühlsausbruch mit Streichern und sägender Gitarre einsetzt und alles auf den Kopf stellt. Die große Geste in Form von Siebenminütern beherrschen Racing Mount Pleasant, lassen im Mittelteil als Verschnaufpause einen nebligen Saxofon-Part Stimmung verbreiten, bevor das Ende das Wort Klimax mehr als verdient. Dabei ist die Reise noch gar nicht vorbei – oder wie die Band singt: "Well, that's not how your story ends."
"Outlast" lässt noch einmal etwas Spielfreude raus und schüttelt zu jaulenden E-Gitarren das volle Haupthaar der jungen Band und am Ende erschöpft die Glieder. "34th floor" ist ein Instrumentalstück, in dem das Piano zwischen Streichern am klarsten klingt. Und für "Seyburn" setzt sich DuBose mit der Akustikgitarre noch einmal hin, zupft und singt dabei ganz allein. Hin und wieder zeigen sich Brüche in seiner Stimme, wie in jeder guten Biografie. So bleibt manchmal der Nachdruck aus, doch gerade das wirkt äußerst nachdrücklich. Zum Abschluss spannt "Your old place" den Bogen zum Opener. Es ist der beseelteste Song des Albums und gleichzeitig der verkopfteste mit Bläserspielerei, Tempowechseln und abruptem Ende. Gedanken an Black Country, New Road sind unvermeidbar, aber Racing Mount Pleasant sind insgesamt zugänglicher als die Verwandschaft. Und auch wenn der Abschluss vielleicht nicht die Krönung ist, darf man dankbar für dieses Kollektiv sein, selten genug sind sie schließlich geworden. Das wahre Highlight ist am Ende das Album als solches – ganz egal, ob Debüt der nicht.
Highlights
- Your new place
- Emily
- Racing Mount Pleasant
- Call it easy
Tracklist
- Your new place
- Tenspeed (Shallows)
- Heavy red
- Emily
- Seminary
- You
- You pt. 2
- Racing Mount Pleasant
- Call it easy
- Outlast
- 34th floor
- Seyburn
- Your old place
Gesamtspielzeit: 57:37 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Kai User und News-Scout Postings: 3314 Registriert seit 25.02.2014 |
2026-01-13 21:20:09 Uhr
Bei Rough Trade Deutschland gibts die jetzt auch "günstiger" (36,99) und das Debut dazu. Evtl einfach die Amazongeschichte stornieren... |
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Ituri Postings: 575 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-01-13 21:06:55 Uhr
Habe leider beim großen Amazonas diesmal bestellt. Da kostete die Platte nur 33€. Jetzt steht sie für über 70(!) drin und bei meiner Bestellung steht nur "Verspätete Lieferung" und "wir melden uns"... |
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Kai User und News-Scout Postings: 3314 Registriert seit 25.02.2014 |
2026-01-13 21:02:10 Uhr
Meine Rough Trade Bestellung ging zunächst verloren, hab mich dann bei denen gemeldet und plötzlich ging es ganz schnell.Das Debut via Bandcamp ging recht zügig. |
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Ituri Postings: 575 Registriert seit 13.06.2013 |
2026-01-13 19:34:48 Uhr
Du Glückspilz. Hoffe, dass es hier auch bald mal ankommen wird. |
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Kai User und News-Scout Postings: 3314 Registriert seit 25.02.2014 |
2026-01-13 19:30:00 Uhr
Beide Alben (Debut und dieses hier) sind jetzt per Vinyl hier eingetrudelt. Tolle Pressungen mit viel Dynamik. Vor allem die S/T sieht dabei noch echt schön aus. |
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Referenzen
Kingfishr; Bon Iver; Lord Huron; Black Country, New Road; Cameron Winter; Geese; Explosions In The Sky; Caroline; The Goalie's Anxiety At The Penalty Kick; Arcade Fire; Maruja; Dove Ellis; Candelabro; Hesse Kassel; Friko; Shallowater; Wednesday; Greg Freeman; The Orchestra (For Now); Water From Your Eyes; Dutch Interior; This Is Lorelei; MJ Lenderman; This Is The Glasshouse; Slint; The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid to Die
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- Racing Mount Pleasant - Racing Mount Pleasant (49 Beiträge / Letzter am 13.01.2026 - 21:20 Uhr)



