Natalia Lafourcade - Cancionera
Sony
VÖ: 24.04.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Das Liederbuch dabei
Kann man ein Star sein, ohne dass einen in Deutschland jemand in der Fußgängerzone erkennen würde? Eine rein rhetorische Frage, denn natürlich geht das, wie man am Beispiel von Natalia Lafourcade sehen kann. Die Mexikanerin ist nicht nur mehrfache Grammy-Gewinnerin, hat Millionen von Fans, sie gilt auch als eine der einflussreichsten lateinamerikanischen Stimmen dieses Jahrtausends. Aber getreu dem Motto "Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht", fristet spanischsprachige Musik in Deutschland häufig ein Schattendasein. Wer den Blick über den Tellerrand trotzdem mal wagen möchte, hat mit dem zwölften Studioalbum der Musikerin eine wunderbare Möglichkeit. Denn trotz ihrer gerade mal 41 Jahre, kann Lafourcade schon auf über 25 Jahre Karriere zurückschauen, in der sie ausformulieren und manifestieren konnte, was ihr wichtig ist. "Cancionera" ist frei von Rock- oder Pop-Einflüssen der Vergangenheit und gibt sich voll der Tradition Südamerikas hin.
Diese Hinwendung vollzieht die Künstlerin bereits seit einigen Jahren auf ihren Alben. Das spiegelt sich im Titel wider: Eine "Cancionero" ist eine Liedersammlung und die "Cancionera" grob gesagt eine Sängerin dieser Volkslieder und Notizen. "Wir haben alle eine Cancionero in uns. Eine Stimme, die durch Erinnerungen, Träume und Gefühle zu uns flüstert", schreibt sie unter einem YouTube-Video. Die 76 Minuten Musik wurden mit 18 weiteren Musiker*innen in einem langen Take auf Band aufgenommen und transportieren deshalb genau das Gefühl des Zusammenkommens, des Echten, des Analogen. Der Opener "Apertura cancionera" setzt wie ein instrumentaler Vorspann das Setting fest: Ein Klavier reicht geisterhaft die Hand, ein Bass kommt dazu, Streicher werden wie ein Seidentuch über den Kopf gezogen. Als Gringo in Deutschland schaut man noch mal unsicher rüber zu Lafourcade, ob es auch wirklich in Ordnung ist, hier dabei zu sein. Deshalb stellt sie sich und ihr Alter Ego im anschließenden Titelsong erst mal vor und haut einen schon bei der Begrüßung um. Mit ihrer Stimme streichelt sie die Instrumente vorsichtig beiseite und stapelt nicht gerade tief: "Sé mujer, la bella musa / Sé la estrella de una vida / Que al ver tus pasos se iluminan / Encendiendo corazón." Man muss der Musik und dem leichten Pathos von Lafourcade gewachsen sein.
Doch schon in "Cocos en la playa" lösen sich Berührungsängste in Luft auf, wenn zu Trompete und mehrstimmigem Gesang zum Tanz aufgefordert und pure Lebensfreude versprüht wird: "Solo se permiten decir: 'venga ya la vida' / Y ahí saludar las sirenas / Y ahí platicar con la luna." Es ist ein Genuss, wie Lafourcade ihre Stimme für die Ay-ay-as erhebt. Im ersten von zwei Duetts mit dem mexikanischen Sänger El David Aguilar wird es dann etwas reduzierter, wenn nur Gitarre und Klavier den beiden folgen. Und im anschließenden Duett mit Israel Fernández wird es deutlich dramatischer, was vor allem an seinem Hang zur effektvollen Expression liegt. Aber Lafourcade kann selbst auch die Stimmung umstoßen und gibt sich in ihrer Interpretation des traditionellen mexikanischen Folk-Songs "La bruja" mystisch und schleicht über die Felder, während im Hintergrund die Grillen zirpen. Wenn sie doch jemand zu erkennen droht, versteckt sie sich hinter "Mascaritas de cristal" zu bauchigem Bass, der von hellen Streichern aufgeschreckt wird. In "Cariñito de Acapulco" hört man dann, wie viele Jazz-Einflüsse Lafourcade ebenfalls in ihre Musik einfließen lässt. Und man fragt sich, wie cool ein südamerikanischer James Bond aussehen würde. Dass sich die Mexikanerin auch von Filmen aus der goldenen Zeit des Kinos ihres Heimatlandes hat inspirieren lassen, hat sie ebenfalls zu Protokoll gegeben. Vereinfacht gesagt: Wer etwas mit Luis Buñuel anfangen kann, wird "Cacionera" auch mögen können. Und als kleiner Fun Fact für die nächste Party sei noch erwähnt, dass das Album von Adan Jodorowsky produziert wurde, Sohn des berühmten Alejandro Jodorowsky und selbst auch Regisseur.
Den inhaltlichen Abschluss des Albums bildet das erneut instrumentale "Lágrimas cancioneras", das quasi den Vorhang schließt. Der geht aber noch ein weiteres Mal für eine Zugabe auf und so stehen mit "Amor clandestino" und "Cancionera" zwei Akustikversionen am Ende der Platte. Die Versionen von vorher gehörten Songs, in denen neben dem Gesang nur die Gitarre zu hören ist, fügen zwar nicht wirklich etwas hinzu, sind aber eine nette Dreingabe von einer Frau, die in Deutschland vielleicht nicht in der Fußgängerzone erkannt werden würde, in Lateinamerika und speziell Mexiko aber so einen Respekt genießt, dass man sie dort in den Bars und Kneipen finden kann, wo sie sich nicht zu schade ist, mit lokalen Musiker*innen einzustimmen. Und wahrscheinlich hat die stilbewusste Cancionera damit alles erreicht, was ihr wichtig ist.
Highlights
- Cancionera
- Cocos en la playa
- La Bruja (Versión Cancionera)
Tracklist
- Apertura cancionera
- Cancionera
- Cocos en la playa
- Como quisiera quererte
- Amor clandestino
- Mascaritas de cristal
- El coconito
- El palomo y la negra
- Cariñito de Acapulco
- La Bruja (Versión Cancionera)
- Luna creciente
- Lágrimas cancioneras
- Amor clandestino (Acústica)
- Cancionera (Acústica)
Gesamtspielzeit: 76:00 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Lucas mit K Postings: 397 Registriert seit 19.07.2024 |
2026-01-08 14:04:03 Uhr
„Cocos en la playa“ und „El Coconito“ stechen für mich stilistisch auch etwas raus, aber ich finde das genau richtig. Sie sind beide so herrlich locker und sonnig. |
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Klaus Postings: 12698 Registriert seit 22.08.2019 |
2026-01-08 13:51:16 Uhr
Erster Durchgang gerade: Wirklich ein schönes Album, passt vom Vibe auch gut zu Lucrecia Dalt (wenn es auch deutlich älter klingt). "Cocos en la playa" passt aber subjektiv nicht ganz rein. Richtig schön "klassisch-elegant" |
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Arne L. Postings: 2720 Registriert seit 27.09.2021 |
2026-01-08 13:51:13 Uhr
Ach cool, das freut mich! Und danke Lucas mit K! :) |
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Lucas mit K Postings: 397 Registriert seit 19.07.2024 |
2026-01-08 13:21:45 Uhr
@Hierkannmanparken:Ich höre es auch gern, während ich Frühstück vorbereite. :~) |
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Hierkannmanparken Postings: 2855 Registriert seit 22.10.2021 |
2026-01-08 12:36:45 Uhr
Höre es die Tage beim Arbeiten rauf und runter. Und beim Kochen! :DDie Rahmen gebenden Instrumentals gefallen mir richtig gut. |
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Referenzen
Silvana Estrada; Julieta Venegas; Mon Laferte; Carla Morrison; Jósean Log; Ana Tijoux; Laura Itandehui; Café Tacvba; Belanova; Lila Downs; Juan Gabriel; Chavela Vargas; León Larregui; Zoá; Jorge Drexler; Paty Gantú; Gloria Trevi; Ely Guerra
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- Natalia Lafourcade - Cancionera (13 Beiträge / Letzter am 08.01.2026 - 14:04 Uhr)



