Lunatic Soul - The world under unsun
InsideOut / Sony
VÖ: 31.10.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
Freies Feld
Es musste wohl einfach mal gesagt werden. Wenn der Frontmann und Hauptsongwriter einer erfolgreichen Band ein eigenes Projekt verfolgt, bei dem er inklusive aller Instrumente komplett eigenverantwortlich agiert, handelt es sich nicht notwendigerweise um ein Nebenprojekt. Sagt zumindest Mariusz Duda, und der muss es schließlich wissen, denn er lebt diese Konstellation schon lange mit Riverside und Lunatic Soul aus. Letzteres ist für den Polen schlicht eine eigenständige Welt, in der er sich komplett frei von künstlerischen Grenzen ausleben könne. Nun sind Riverside zwar nicht eben als engstirnig bekannt, aber sei's drum. Und was für Steven Wilson mit Porcupine Tree recht ist, kann für Duda nur billig sein. Und tatsächlich ziehen Lunatic Soul mit "The world under unsun" an Studioveröffentlichungen mit Riverside gleich. Auch das hätte 2008 beim Debütalbum "Lunatic Soul" niemand so recht gedacht.
In einem hat Duda allerdings auf jeden Fall Recht: Das ganz große kreative Feld bespielt er vorzugsweise allein. Und zwar nicht in Form ausufernder Frickeleien, sondern mit introvertiertem Art-Rock, durch den er tief in seine Seele blicken lässt. Der schnelle Klick ist hier also erwartungsgemäß fehl am Platz, und das soll bei dieser Platte sogar noch zu einer Herausforderung werden. Zunächst aber beginnt "The world under unsun" mit einem sanften Loop, nimmt umgehend gefangen, bis Dudas gewohnt klagend-melancholischer Gesang einsetzt. Das ist hypnotisch, wickelt wie eine akustische warme Decke ein – und versteckt so gekonnt die Düsternis. "Dry rivers on my face / Eternal youth disenchanted / I am between a lie / And the urge to reveal my burden." Das folgende "Loop of fate" wirkt demgegenüber geradezu bedrohlich, birgt aber feinste Sound-Nuancen, die es zu entdecken lohnt. Duda selbst bezeichnet "The world under unsun" als eine Art Best Of – und zwar dahingehend, dass er seine eigenen Trademarks stärker als zuvor herausarbeiten wollte. Das gelingt beim stampfenden "Monsters" beispielsweise herausragend, man hört diese Kreaturen förmlich vorbei marschieren, und dass der Pole nicht völlig untalentiert an den vier Saiten ist, sollte auch hinlänglich bekannt sein. Genau deshalb ruft "Mind obscured, heart eclipsed" in seinem Aufbau – ein Basslauf breitet sich über einem Soundteppich aus – vermutlich nicht zufällig Erinnerungen an Pink Floyds "One of these days" wach, driftet jedoch nicht in dessen Ruppigkeit ab, sondern knüpft diese Teppiche weiter. So schön, so schwelgerisch – und doch ist dieser Kokon so trügerisch: "I know that you trapped me in time / And made me keep spinning around / The promises of hope and change / Ensnared in a spider's web."
Das Paradoxe hierbei: Das alles erfordert Aufmerksamkeit. Viel Aufmerksamkeit. Das ist aus künstlerischer Sicht großartig, wird aber über 90 Minuten schwierig. Erst recht, wenn die leicht federnden Balladen wie "Good memories don't want to die" oder "Torn in two" zwar für sich wie einmal tief Luft holen wirken, zur Dramaturgie aber wenig beitragen. Sind wir also alle nicht mehr imstande, einem Doppelalbum mit voller Aufmerksamkeit zu folgen? Mag sein. Doch immer wieder ist da diese Neugier, Duda auf seinen Wegen zu folgen, dieser Drang, neue Facetten zu entdecken. Das Wechselspiel aus dem kalten "Hands made of lead" und dem warmherzigen "Ardour" zeigt diese ganze Zerrissenheit, diese Reizpunkte, die sich immer wieder umkreisen, sich anziehen, nur um sich doch wieder abzustoßen. Und am Ende im großartigen "Self in distorted glass" zusammenzufinden. Schlussendlich ist das große Kunst, die begeistert, die aber auch fordert. Und angesichts der Länge, des Überflusses vielleicht sogar teilweise überfordert.
Highlights
- Loop of fate
- Monsters
- Mind obscured, heart eclipsed
- Self in distorted glass
Tracklist
- CD 1
- The world under unsun
- Loop of fate
- Good memories don't want to die
- Monsters
- The prophecy
- Mind obscured, heart eclipsed
- Torn in two
- CD 2
- Hands made of lead
- Ardour
- Game called life
- Confession
- Parallels
- Self in distorted glass
- The new end
Gesamtspielzeit: 89:56 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Gesmashter Pumpkin Postings: 181 Registriert seit 24.05.2023 |
2025-12-21 18:46:19 Uhr
Ok, der eine findet es überfordernd, der andere langweilig, wieder einem anderen kommen die Freudentränen. Fakt ist, dass Mariusz Duda hier mal wieder große Kunst abgeliefert hat - persönlich, detailverliebt, dennoch an den meisten Stellen eingängig genug, um auch ungeübtere Duda-Hörer abzuholen. Ich kann auch nicht ganz nachvollziehen, weshalb das Album zu lang sein soll und wie genau die Dramaturgie alternativ hätte aussehen sollen, um das Hörerlebnis weiter zu steigern. Für mich locker eine 8,5/10. Aber wer gibt schon einen Pfifferling auf die Bewertungen? |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 29979 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-12-19 21:31:48 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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Referenzen
Riverside; Chroma Key; OSI; Steven Wilson; Antimatter; Katatonia; Wisdom Of Crowds; Storm Corrosion; Memories Of Machines; No-Man; Deadsoul Tribe; Ephrat; Dead Can Dance; Anathema; Headspace; Alternative 4; Porcupine Tree; Blackfield; The Pineapple Thief; RPWL; Sylvan; Marillion; A Perfect Circle; Kino; Karmakanic; Abraxas; Collage; Sieges Even; Green Carnation; Pain Of Salvation; Dredg; Klimt 1918; Peter Gabriel; Tiamat; Bass Communion; Tenhi; Darkroom; Paatos; Quidam; Diagonal; Pink Floyd; Archive; Anekdoten; Deine Lakaien; Veljanov; The Gathering; David Gilmour; Heilung; Wardruna
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