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Cardiacs - LSD

Cardiacs- LSD

The Alphabet Business Concern / SPV
VÖ: 18.09.2025

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 2/10

Gipfelstürmer

Menschen sind stur. Anders sind Errungenschaften wie die Mondlandung oder die Erstbesteigung des Mount Everest nicht zu erklären. Wenn sich die Spezies Homo Sapiens am Riemen reißt, ist sie zu Erstaunlichem in der Lage. Ein weiterer Beweis für diese These ist "LSD", das sechste und finale Album der Briten Cardiacs. Dass es überhaupt existiert, grenzt an ein Wunder. Die Band hatte in den 2000ern bereits intensiv daran gearbeitet, ehe Sänger und Hauptsongwriter Tim Smith durch einen Herzinfarkt und mehrere Schlaganfälle zum Pflegefall wurde. Da er halbseitig gelähmt war, verlor er die Fähigkeit zu sprechen, an Studio-Sessions oder gar Live-Auftritte war also nicht zu denken. Doch Smith ließ sich nicht unterkriegen, auch dank finanzieller Unterstützung der Fans konnte er gut versorgt werden. 2020 starb er dann – und "LSD" war immer noch nicht vollendet. Sein Bruder Jim holte sich prominente Helfer und arbeitete wie besessen daran, Tims letztes großes Werk zu vollenden.

Und ja, es ist ihm gelungen. "LSD" ist fertig, vollkommen irre und vielleicht eines der besten posthum veröffentlichten Alben überhaupt. Das Songwriting der Band war schon zu "Sing to God"-Zeiten alles andere als zugänglich, auf "LSD" drehen die Musiker jedoch völlig frei. Tonarten sind nur grobe Richtlinien, die Songs schlagen mehr Haken als Bugs Bunny, wenn er mal wieder von Elmer Fudd verfolgt wird. Verdammt anstrengend ist das alles, aber eben auch ziemlich großartig. Nichts klingt so wie dieses Album, keine andere Band hätte es produzieren können. Insofern ist "LSD" nicht nur der würdige Abschluss einer ohnehin tollen Diskografie, sondern auch Zeugnis der Meisterschaft aller Beteiligten. Leicht machen sie einem aber wirklich nicht: Schon am Opener "Men in bed" dürften viele Hörer*innen irritiert abprallen, weigert sich der Song doch konstant, eine tonale Mitte zu finden.

Aber genau dieses fehlende Zentrum ist es, das die Musik von Cardiacs so besonders macht. Die Melodien hängen schräg von der Decke, während die Band wie besessen auf alles eindrischt, was Geräusche macht. Hierbei machen auch Musiker wie Mike Vennart, Rose-Ellen Kemp und Kavus Torabi eine gute Figur. Ohne deren Hilfe wäre "LSD" wahrscheinlich nie fertig geworden. Dennoch stehen natürlich die Gebrüder Smith im Mittelpunkt des Geschehens. Glücklicherweise konnte Tim noch vor seinem Zusammenbruch die meisten Vokalspuren fertigstellen, sein exaltierter Gesang passt perfekt zur opulent arrangierten Begleitung. Einzelne Songs hervorzuheben, gestaltet sich schwierig – die Qualität ist durchgehend atemberaubend hoch, einzig das neunminütige Instrumental "Busty beez" dauert vielleicht ein bisschen zu lang.

Highlights gibt es aber natürlich zuhauf: "Skating" vereint so ziemlich jedes Subgenre des Progressive Rock in sich, ohne dabei zur bloßen Collage zu verkommen. Straighte Rocksongs wie "By numbers" und "Lovely eyes" wechseln sich munter mit psychedelischen Ausritten wie "Volob" oder "A roll from a dirty place" ab. Fast schon erschreckend gut ist "Ditzy scene", welches bereits in den 2000ern in seiner Urversion auf der gleichnamigen EP vertreten war. Der Song irrlichtert zwischen Merseybeat, Zirkusshow und Hawkwind-Hommage umher, die einzig logische emotionale Reaktion ist Freude. Genial gerät auch "Downup", in dem die Band so tut, als sei sie in der Lage, einen normalen Song zu schreiben, was ihr freilich nur bedingt gelingt. Und auch das Ende kann sich hören lassen: "Pet fezant" ist dank eines hypnotischen Bläsersatzes nicht nur der perfekte Abschluss für "LSD", sondern die mit Nachdruck gesetzte Signatur unter ein außergewöhnliches Gesamtwerk. Ein Berg muss bestiegen werden, weil er da ist.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • By numbers
  • Skating
  • Ditzy scene
  • Downup
  • Pet fezant

Tracklist

  1. Men in bed
  2. The may
  3. Gen
  4. Woodeneye
  5. Spelled all wrong
  6. By numbers
  7. The blue and buff
  8. Skating
  9. Breed
  10. Volob
  11. Busty beez
  12. Lovely eyes
  13. Ditzy scene
  14. Downup
  15. A roll from a dirty place
  16. Made all up
  17. Pet fezant

Gesamtspielzeit: 80:11 min.

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User Beitrag

Hierkannmanparken

Postings: 2849

Registriert seit 22.10.2021

2026-01-02 17:56:28 Uhr
Irgendwie gefällt es mir, Pet Fezant, Skating, Woodeneye, Busty Beez, alles ziemlich trippy. Aber ist das normal bei denen, dass wirklich jeder Song dieselbe abgedrehte Akkordfolge hat? Das klingt nach King Crimson's Red-Riff, aber auf Doppelalbumlänge. Etwas zu viel Zirkus für meinen Geschmack.

DerMeister

Postings: 2584

Registriert seit 22.06.2013

2025-12-20 16:09:46 Uhr
Ja wirklich guter Stoff und trotzdem würde ich sie eher im hinteren Bereich ihrer Diskographie ranken. Zeigt wie durchgehend stark sie sind. Mein absoluter Favorit ist "A Little Man and a House and the Whole World Window". Gefolgt von der "Sing to God".

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 29970

Registriert seit 08.01.2012

2025-12-20 15:19:31 Uhr
Danke. Diese Jahreszeit ist auch eine gute für Nachzügler, denn im Dezember erscheint ja nicht viel.

embele09

Postings: 183

Registriert seit 06.11.2024

2025-12-20 10:49:44 Uhr
Endlich...eine würdige Rezension zu diesem grandiosen Album. Vielen Dank für die tollen Worte. Mein Album des Jahres...schon seit VÖ...aber was red ich...;)

Unangemeldeter

Postings: 2333

Registriert seit 15.06.2014

2025-12-20 06:32:41 Uhr
Schön dass da noch eine Rezension kam, danke dafür!
Das war bei diesen 80 Minuten Musik sicher richtige Arbeit, aber auch dafür passt der wunderbare letzte Satz der Rezi perfekt. :-)
Zum kompletten Thread

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