Ed Harcourt - Orphic
Deathless / Rough Trade
VÖ: 14.11.2025
Unsere Bewertung: 9/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Kleine, feine Nachtmusik
Wie macht dieser Kerl das nur? Das ist die Frage, die unweigerlich immer wieder aufpoppt, wenn man sich das Gesamtwerk von Ed Harcourt ansieht, vor allem aber sein neues Album "Orphic". Wie kann man nur auf einem dermaßen konstanten Qualitätslevel ein Album nach dem anderen raushauen, ohne zu langweilen? Wie kann man innerhalb eines so eng gefassten Rahmens – vor allem die Stilistik und Instrumentierung betreffend – immer wieder so viel Varianz und Abwechslung erzeugen? "Orphic" stellt trotz einer zweistelligen Zahl an Albumveröffentlichungen von Edward Henry Richard Harcourt-Smith definitiv einen neuen Höhepunkt dar. Das gilt vor allem fürs Songwriting, das inzwischen auf einem Niveau operiert, welches nur noch als beneidenswert bezeichnet werden kann.
Nun war Harcourt schon immer ein Mann, der mit einfachen Mitteln viel Widerhall und Emotionen erzeugen konnte. Die Neuerfindung des Rades war seine Sache bisher nie, am Ende geht es immer um Singer-Songwriter-Musik ohne allzu schräge Exkurse. "Orphic" ist aber möglicherweise sein bisher ruhigstes und zugleich reifstes Album. Auffällig und bemerkenswert ist, dass Harcourt sich auf "Orphic" fast vollständig auf die harmonische Energie von Gitarren, Tasteninstrumenten und natürlich seiner Stimme besinnt; klassisches Schlagzeugspiel findet eher selten statt – und wenn, dann tickt mal hier eine Hi-Hat, und es streichelt mal dort ein Besen das Snarefell. Hinzu kommt, dass der Brite sich dieses Mal den Luxus gönnt, keine einzige Uptempo-Nummer zu liefern. Und nicht zuletzt überrascht Harcourt mit der Wandlungsfähigkeit seiner Stimme und mit der Lust, ganz unterschiedliche Lagen auszuprobieren. "By the light of the silver morning" oder "Winter's sigh" beispielsweise könnte eingefleischte Harcourt-Hörer zur Annahme verleiten, hier sei ein Gastsänger am Start. So knarzig und teilweise ins Bariton-hafte lappend hat man ihn bisher nur selten gehört. In höheren Lagen hingegen erinnert der Gesang an Chris Martin von Coldplay, aber stets ohne Weinerlichkeit oder Anflüge von Kitsch.
Was Ed Harcourt aber auf "Orphic" wirklich perfektioniert hat, ist das Anlegen von Spannungsbögen und die strenge Durchkomponiertheit seiner Songs bis hin zum letzten Ton. So hatte man auf früheren Alben gelegentlich schon mal das Gefühl, dass Harcourt in der ersten Hälfte seiner Songs schon so elaborierte Akkordwechsel und Melodielinien lieferte, dass das Pulver damit schon verschossen war. Beispielhaft sei hier "You only call me when you're drunk" genannt, das zu Beginn unfassbar melancholisch und bittersüß daherkommt, dann aber in der zweiten Hälfte mit allerlei vergleichsweise einfallslosem Getöse konterkariert wird. Auf "Orphic" kann man buchstäblich bei jedem Song von der ersten bis zur letzten Note Neues entdecken; die Skip-Taste wird beim Durchhören definitiv nicht zum Einsatz kommen. Ja, mehr als einmal denkt man beim Hören an Radiohead, was wohl vor allem an den janusköpfigen Akkordfolgen liegt, die von Takt zu Takt gewisse Unsicherheiten über den weiteren Verlauf des Stücks säen. Doch anders als bei Radiohead gibt es hier kein zappeliges ADHS-Gefühl, keine Schrägheiten, kein überkandideltes Drama, sondern ein eher stabil und im positiven Sinne abgeklärt wirkendes Gemüt des singenden Protagonisten.
Hinzu kommt, dass trotz der durchweg getragenen Stimmung eine mähliche Entwicklung stattfindet – vom klassischen Songaufbau bis hin zu fast schon psychedelischen Momenten. So kommt "In the embers of a dying flame" zunächst leise und katzenpfötig daher, um sich mehr und mehr in irisierende und theatralische Klangwelten aufzuschwingen: Das ist die Musik, mit der man nach einem anstrengenden Tag im Bett liegt und saumselig ins Land der Träume herüberschwingt. Der einzige Track, der stilistisch etwas herausfällt, ist "Baby's gone to seed"; hier wagt Harcourt einen Ausflug ins dreiviertelgetaktete Doo-wop-Genre – mit leicht vintage-verzerrter Stimme. Das hier klingt, als hätte Quentin Tarantino in einem leicht gestörten Raum-Zeit-Kontinuum bei Elvis Presley eine Ballade bestellt, die eine Barszene begleitet, in der nach einem zünftigen Schwof jederzeit noch eine handfeste Schießerei ausbrechen könnte. Der Schlusstrack "The patron saint of restless dreamers" bietet dann am Ende reine Transzendenz. Verlorene Tremologitarre, wehklagender Gesang, vergleichsweise simpel und straight schleicht sich Ed Harcourt aus dem Hörraum. Was auch gut so ist, denn "Orphic" macht auf angenehme Weise friedlich und ruhig; hier kann man einschlafen und wegdämmern, aber nicht aus Langeweile. Sondern, weil man ungemein behütet und beschützt ist. Das hier ist ein Meisterwerk.
Highlights
- Under the still and lonely sky
- A ghost walked through me
- Mercurial
- In the embers of a dying flame
Tracklist
- Under the still and lonely sky
- By the light of the silver morning
- A ghost walked though me
- O'gentle death
- Yesteryears
- Mercurial
- Winter's sigh
- The low spirits
- In the embers of a dying flame
- Baby's gone to seed
- The patron saint of restless dreamers
Gesamtspielzeit: 45:07 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
| User | Beitrag |
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zebruin Postings: 2 Registriert seit 26.10.2025 |
2026-01-06 06:55:25 Uhr
Herrliches Album! 9/10 und Album der Woche hier - und nicht eine Platzierung beim Jahrespoll, oder übersehe ich da was? |
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Hierkannmanparken Postings: 2793 Registriert seit 22.10.2021 |
2025-12-18 21:22:54 Uhr
Elliott Smith, auf jeden Fall! |
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Wwwam Postings: 154 Registriert seit 25.09.2022 |
2025-12-17 16:19:03 Uhr
Hubs, ich war eigentlich noch nicht fertig. Wollte noch schreiben dass sich manche Songs bei mir echt schnell festgesetzt haben und mich sogar etwas an Elliott Smith erinnern (O Gentle Death und A Ghost..) , den ich zu dieser Jahreszeit dann auch gerne mal wieder rausgekramt habe. |
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Wwwam Postings: 154 Registriert seit 25.09.2022 |
2025-12-17 16:17:10 Uhr
Eine 9/10 ist es für mich auch nicht, aber lang finde ich es echt gar nicht, im Gegenteil echt sehr kurzweilig und abwechslungsreich für die reduzierten Mittel und das durchweg reduzierte Tempo. |
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Unangemeldeter Postings: 2270 Registriert seit 15.06.2014 |
2025-12-17 15:20:05 Uhr
Ich hab's jetzt auch 2x gehört, einige schöne Songs, emotional berührt sie mich aber nicht wirklich und die Platte fühlt sich für mich zu lang an - was bei 45 Min Laufzeit kein schmeichelhaftes Urteil ist. Von einer 9/10 bin ich daher auch ziemlich weit entfernt, werde es aber sicher noch ab und zu laufen lassen. |
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Referenzen
Rufus Wainwright; Ron Sexsmith; Ben Folds; The Divine Comedy; Elvis Costello; Tom Waits; Sufjan Stevens; Christian Kjellvander; Jonny Greenwood; Beirut; Father John Misty; ; Antony & The Johnsons; Cliff Martinez; Philip Glass; Tim Hecker; Nils Frahm; Colin Stetson; Mica Levi; Daniel Lopatin; Oneohtrix Point Never; Kronos Quartet; Krzysztof Penderecki; Nick Drake; Steve Reich; Ólafur Arnalds; Radiohead; Thom Yorke; A Winged Victory For The Sullen; Burt Bacharach; Dakota Suite; August Rosenbaum; Jean-Michel Blais; Julianna Barwick; Glen Hansard; Peter Broderick; Nicolas Jaar; The Album Leaf; Elton John
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