Luciano - Unlock
LocoSquad / Urban / Universal
VÖ: 27.11.2025
Unsere Bewertung: 6/10
Eure Ø-Bewertung: 2/10
Drill im Dauerbetrieb
So richtig verstanden hat Deutschland den Star-Appeal von Luciano immer noch nicht. Aber vielleicht finden wir uns jetzt einfach damit ab, einen Rapper zu haben, dessen Marke global betrachtet gefühlt größer ist als das Genre Deutschrap überhaupt. Kaum bis gar kein deutscher Rapper verbindet Streaming-Dominanz so selbstverständlich mit internationaler Strahlkraft, dabei aber auch mit dieser auffälligen Gleichgültigkeit, die ihm hierzulande entgegenschlägt. Dementsprechend mau fällt auch die Promo für "Unlock" aus, als wäre dieses achte Studioalbum nur ein kleiner Service an die durchaus hartnäckige Fan-Gemeinschaft, der dafür aber wieder genau in jene Richtung geht, auf die Patrick Großmann hierzulande eine Art Patent hat. Als lebende Antwort auf die Frage, wie UK-Drill auf Deutsch klingen könnte, liefert der in Bautzen geborene Berliner gewohnt kompakt, ansprechend produziert und mit mehr als genug internationalen Akzenten ab, um am Ende eine Platte anzubieten, die wieder mal mehr für den Weltmarkt statt der Gunst deutscher Musikkritik konzipiert wurde. Offen bleibt nur, ob er es sich in dieser Position bequem macht oder auch mal hungrig nach mehr ist, denn auch diese Platte spricht wieder klar für Ersteres.
Ein stärkerer Moment ist "Geh hier nicht weg", ein klassischer Luciano-Track, der aber wenigstens wieder etwas menschlicher klingt. Ja, es bleibt die altbekannte Underdog-Erzählung, in der die Straße den Willen formt, der Erfolg die Wunden verdeckt und am Ende "das Durchziehen" alles rechtfertigt. Aber der Beat schiebt, die Hook sitzt, und die leichte Melancholie verleiht dem Track eine Tiefe, die man von ihm manchmal vermisst. Internationaler wird die Stimmung wieder mit "Pretty woman": Der in Italien recht beliebte Rapper Shiva verleiht dem Song die nötige Schärfe, reißt Luciano aus seinem typischen Flow-Loop und sorgt dafür, dass der Song nicht nach einem zusammenhangslosen Mash-Up klingt, sondern tatsächlich nach einem organischen Kollabo-Moment. Dazu passt "To the sky", ein Track, der mit seiner Mischung aus Afrobeat-Elementen und Lucianos melodischem Singsang erstaunlich gut aufgeht und mit Tayc einen der interessantesten Rapper Frankreichs auffährt. Leider bleiben das die einzigen beiden nennenswerten Feature-Songs, denn Dystincts Anteil bei "Miami" ist verschwindend gering, und besonders der Nigerianer Oxlade hätte auf "Medicine" mehr Raum verdient gehabt. Währenddessen weiß Young Adz wahrscheinlich selbst nicht, was er auf "Rich forever" genau macht, und Jazeek übernimmt bei "Effizient" auch eher bloß die typischen Luciano-Motive, was sich immerhin ganz nett ins Gesamtbild fügt. Unterm Strich sind die letztgenannten alle eher austauschbar, während Nummern wie "G-Unit" einen plötzlich aus der Leere rausholen, sei es hier hauptsächlich aufgrund des phänomenalen Sounds – da reicht dann auch ein Part ohne jede Hook für einen Banger.
Thematisch bleibt der überwiegende Teil der Platte festgefahren, doch tatsächlich bekommen wir vereinzelt auch mal neue Perspektiven zu hören. Mit dem überraschend rührenden Song "Khaleesi" verewigt er hier eine Tochter in der Diskografie, und, im Gegensatz zu zahlreichen anderen Rappern, hat dabei auch für die Kindsmutter nur wertschätzende Worte übrig. Dass ein so besonderer, auffällig liebevoller Track auf einer Liste mit dann doch eher nichtssagenden Singles wie "In a minute" oder dem Titelsong steht, bleibt so ziemlich der Knackpunkt auch dieser Platte. Der ebenfalls tiefgründiger gehaltene Closer "Memories" stellt noch so ein Beispiel dar, denn eigentlich ist Luciano gar nicht mal so ungeeignet für persönlichere Songs oder halt überhaupt nachdenklichen Rap, das erscheint auf Albumlänge diesmal viel auffälliger. Genau dadurch kann "Unlock" schon als kleine Qualitätssteigerung durchgehen, da es nicht ganz so sehr am Füllmaterial erstickt und auch bei denjenigen Interesse wecken könnte, die schon beim Künstlernamen reflexartig etwas in die Foren oder Kommentarspalten tippen wie "genauso austauschbar wie ein Gros der restlichen Szene", weil so profan ist Lucianos Musik nun mal wirklich nicht. Er könnte aber schon öfter zeigen, dass in ihm mehr steckt als der Styler oder Player, was hier auf dieser Platte zum Glück ab und zu passiert, trotz bekannter Mängel wie den zu kurzen Songs oder teilweise zu gleichartiger Produktion. Wenn ein Künstler halt den oft beschworenen Zeitgeist exakt einfängt, dann wohl auch dessen offensichtliche Nachteile. Wer mit diesem Kompromiss klarkommt, wird von Luciano scheinbar nie enttäuscht.
Highlights
- Geh hier nicht weg
- Pretty woman (feat. Shiva)
- To the sky (feat. Tayc)
- Khaleesi
Tracklist
- Intro
- Hit One
- Que Rico
- Miami (feat. DYSTINCT)
- Verdrängen
- Geh hier nicht weg
- Pole position
- Leave it
- Pretty woman (feat. Shiva)
- Love in paradise
- To the sky (feat. Tayc)
- Jolie
- In a minute
- Certain / NoSantos
- Unlock
- G-Unit
- Expensive
- Medicine (feat. Oxlade)
- Rich forever (feat. Young Adz)
- Lanxess
- Effizient (feat. Jazeek)
- Yellow
- Who you with
- Bullets
- Understand
- Khaleesi
- Memories
Gesamtspielzeit: 69:10 min.
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2025-12-10 21:13:28 Uhr - Newsbeitrag
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Referenzen
Dystinct; Shiva; Tayc; Oxlade; Young Adz; Patron; Gentleman; Malik Montana; Aitch; Cahiips; Kalash Criminel; Kontra K; Voluptyk; Capital Bra; OVE; Stefflon Don; Niska; Bonez MC; Nikky Santoro; Kalim; Nate57; Samra; Neo; Lucio101; Mikuda; Sfera Ebbasta; Reezy; Eno; Stickle; Kool Savas; Stormzy; Central Cee; Sean Kingston; Summer Cem; Fredo; Silva; Omah Lay; Spat; Dante YN; BIA; Shindy; Ufo361; Abednassr; Kwah.E; DLS; Murda; Yakary; Jazeek; Gzuz; Veysel; Sophie Hunger; HoodBlaq; Dardan; Ako; Nimo; Lil Baby; Jamule; Bushido; Soufian; Telly Tellz; Yung Felix; Shirin David; Adesse; Lil Zey; Anina Shona; Pilgrim; Nico Baron; YG; RAF Camora; Headie One; Chanson; Hamza; UZI; Nemzzz
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