Dream Theater - Quarantième: Live à Paris
InsideOut / Sony
VÖ: 28.11.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Reichlich beschenkt
Irgendwann hat es selbst die sonst so akribische Datenbank von MusicBrainz aufgegeben. Sucht man dort nach den Veröffentlichungen von Dream Theater, so findet man dort neben den 16 regulären Studioalben ganze 32 Live-Veröffentlichungen. Darunter mittlerweile auch obskure Bootlegs, die sonst im Sektor "unofficial releases" landen. Nicht völlig unschuldig daran ist die Band selbst, die der Verbreitung von unautorisierten Mitschnitten ganz einfach zuvor kommen wollte, indem sie über ein eigens von Drummer Mike Portnoy ins Leben gerufene Label eigene unbearbeitete Aufnahmen produzierte. Die vor allem der staunenden Hörerschaft zeigte, wie perfekt die Band tatsächlich auf der Bühne agiert. Mit "Quarantième: Live à Paris" (der übrigens zehnten offiziellen Live-Veröffentlichung) fahren die US-Amerikaner nun das ganz große Besteck auf: Ganze fünf verschiedene Editionen sind alleine auf der eigenen Webseite zu erwerben.
Verzetteln wir uns aber nicht im Vermarktungs-Dschungel, der mitunter dichter ist als das Riff-Unterholz von Gitarrist John Petrucci. Denn als sich 1985 die Musikstudenten Portnoy, Petrucci und John Myung zusammenfanden, waren die drei eigentlich nur der Theorien im Studium überdrüssig und wollten lieber Songs ihrer damaligen Lieblingsband Iron Maiden zocken. Daraus entstand nicht viel weniger als die Vorreiterrolle für ein komplettes Genre. Und auch wenn die einen den Fünfer in seiner heutigen, seit der Rückkehr von Portnoy 2023 erfolgreichsten Besetzung gerade zu vergöttern, haben die anderen wenig mehr als Hohn und Spott übrig. Steril sei der Bandsound, reine Instrumentalonanie, und der Sänger sei ja eh furchtbar.
Und wisst Ihr was? Das stimmt sogar auf eine gewisse Weise. Denn wer dreckige Finger und verschwitzte Moshpits sucht, ist bei Dream Theater in der Tat fehl am Platz. Nimmt man aber mal diese Emotionen heraus, ist das, was Dream Theater hier abfeuern, schlicht brillant. Ein höchst cleverer Schachzug ist es beispielsweise, das Set mit den ersten Songs des großartigen Konzept-Albums "Metropolis pt. 2 - Scenes from a memory" von 1999 zu beginnen, dessen Ouvertüre aber kurzerhand mit "Metropolis pt. 1" zu beginnen, mit dem diese Saga 1992 auf "Images and words" ihren Anfang nahm. Überhaupt ist die Setlist eine Reise in die Vergangenheit. So wird das aktuelle Album "Parasomnia" lediglich mit "Night terror" berücksichtigt, und spätestens mit dem Entschluss, mit "This is the life" und "Barstool warrior" die fünf Alben ohne Portnoy nur sehr marginal zu berücksichtigen, wird der Nostalgietrip vollständig.
Fast. Denn was hat eigentlich das Debütalbum "When dream and day unite" verbrochen, dass dessen Songs beharrlich ignoriert werden, selbst das auch nach 35 Jahren immer noch begeisternde "The killing hand"? Also außer dass Frontmann James LaBrie damals noch nicht zur Band gehörte? Dafür zeigt das Quintett mit einer atemberaubenden Interpretation von "Hollow years", was aus dem Album "Falling into infinity" hätte werden können, wenn denn die damalige Plattenfirma nicht verzweifelt versucht hätte, einen Nachfolger der einzigen Hitsingle "Pull me under" zu finden und der Band ungefragt Star-Produzent Desmond Child ins Studio gesetzt hätte, verbunden mit dem Auftrag, den Bandsound auf Massentauglichkeit zu trimmen. Doch jegliche Diskussionen verblassen am Ende des regulären Sets. "Octavarium" wird auf voller Länge von knapp 25 Minuten geradezu zelebriert, ein Hochamt des Progressive Metal, eine irrwitzige Reise durch Riffs, Stimmungen und formvollendete Spielfreude auf der Bühne. Kurz – die Antwort auf die Frage "Nenn mir einen Grund, warum ich das kaufen sollte."
Natürlich sind Shows von Dream Theater immer irgendwo prätentiös. Das liegt in der Natur der Sache, wenn eine Band aus so herausragenden Einzelkönnern besteht. Über Portnoy und Petrucci ist vermutlich schon längst alles gesagt, aber wer sich wirklich mal die Mühe macht, Bassist John Myung einmal auf die Finger zu schauen, sieht, dass jedes kleine Detail perfekt auf das nächste abgestimmt ist, jede Note, jedes Riff ein Rädchen im Uhrwerk ist. Und James LaBrie, bei dem Kritik über dessen gesangliche Fähigkeiten mittlerweile zur Folklore gehören, obwohl auch er klassisch ausgebildet ist? Der braucht in der Tat ein wenig Anlauf und jede Menge Tee, bis auch er zum Gesamterlebnis beitragen kann. Da dieses zudem mit brillanter Bildqualität und druckvollem Dolby-Atmos-Sound auf den Blu-Rays begleitet wird, ist "Quarantième: Live à Paris" genau das Paket, mit dem ein 40. Bandjubiläum würdig präsentiert werden kann. Und das ganz offiziell. Herzlichen Glückwunsch.
Highlights
- Metropolis pt. 1
- Hollow years
- Constant motion
- Under a glass moon
- Octavarium
Tracklist
- CD 1
- Metropolis pt. 1
- Overture 1928
- Strange deja vu
- The mirror
- Panic attack
- Barstool warrior
- Hollow years
- Constant motion
- As I am
- CD 2
- Orchestral overture
- Night terror
- Under a glass moon
- This is the life
- Vacant
- Stream of consciousness
- Octavarium
- CD 3
- Home
- The spirit carries on
- Pull me under
Gesamtspielzeit: 167:04 min.
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