Björk - Cornucopia live
One Little Independent / Bertus
VÖ: 24.10.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 3/10
Leben auf Pilzen
In den vergangenen Jahren gab es, mal mehr und mal weniger laut, immer wieder Berichte aus verschiedenen Forschungsgebieten zum Thema Myzel. Scheinbar hat dieses Wurzelgeflecht von Pilzen einige praktische Eigenschaften, die dafür sorgen könnten, dass es zukünftig als Ersatz für verschiedene Bau- und Kunststoffe und sogar elektrotechnische Komponenten verwendet werden könnte. Einige sprechen sogar von einer Art "biologischem Internet", da offenbar schon nachgewiesen werden konnte, dass Bäume eines Waldes über dieses Wurzelwerk nicht nur Nährstoffe, sondern auch elektrische Impulse, also faktisch Informationen untereinander austauschen. Wenn Björk also mitten im Konzert zu ihrer Rede ansetzt und beispielsweise "Let's imagine a world where nature and technology collaborate and make a song about it. Let's make a musical mark up for our destination and move into it" proklamiert, dann bewegt sie sich mitnichten in einer absurden Utopie, sondern durchaus am Puls der Zeit. Wie vielversprechend einzelne Ansätze der Wissenschaft nun sein mögen, wird mutmaßlich niemand unter uns seriös einschätzen können. Doch auch Laien wie wir können nachvollziehen, dass es sich offensichtlich lohnt, der Natur gutes Gehör zu schenken.
Björk, Schutzpatronin der Schöpfung und mutmaßlich Teilzeitwaldgeist, inszeniert mit "Cornucopia" ("Füllhorn") die raue, farbenprächtige Schönheit der Natur. Begleitet von Flötisten und Chorälen ist der silbenüberbetonende, langsame Gesangsstil eine Mixtur aus leichten, spielerischen Naturmotiven wie Blätterrauschen und Rinnsalplätschern und strengen dryadischen Maßregelungen, dass der tiefe Wald abseits der Pfade keine Eindringlinge duldet. Die beiden jüngsten Alben "Utopia" und "Fossora" bilden den Hauptteil der Tracklist und erfahren durch ihre Inszenierung teilweise sehr unterschiedliche Lesarten zu ihren Original-Schwestern. "Courtship" beispielsweise macht in dieser Live-Version instrumental wenig anders, allerdings führt die viel sprunghaftere und impulsivere Stimme von Björk dazu, anstelle eines gekränkten und fragenden Mauerblümchens eine rachsüchtige Titanin vor sich zu sehen. Man darf eigentlich nicht überrascht sein, denn schließlich ist man es in ihrer Diskografie schlicht gewohnt, dass Steine selten aufeinander liegen bleiben dürfen. Und trotzdem bleibt wieder einmal nur staunend festzustellen, wie leicht es Björk zu fallen scheint, nicht nur eine Erzählung, sondern gleich einen Kosmos zu erschaffen, in dem sie stattfindet. Cornucopia schafft es jederzeit trotz (auch technisch) eindrucksvoller visueller Inszenierung, sogar lediglich als Tonträger Bilder in den Köpfen der Hörenden zu erzeugen.
Am Ende wird diese Besprechung hier auch nur ein Weiteres "preaching to the choir": Wer mit Björks Schaffen bereits vertraut ist, wird sich an ihrer Wandelbarkeit und Spielfreude erneut erfreuen können und wem dieser ganze Feenzauber bisher verschlossen blieb, dem wird sich kein neuer Zugang öffnen. Für die paar wenigen Menschen, die noch gar keinen Berührungspunkt zur Musik der Isländerin hatten, ist "Cornucopia live" ein überaus geeigneter Einstieg. Es bietet einen zumindest hinreichenden Querschnitt über ihr bisheriges Spätwerk und ist dabei gleichzeitig thematisch etwas greifbarer inszeniert, sodass man sich hier sehr schnell darauf festlegen kann, ob sich die weitere Auseinandersetzung für einen selbst lohnt – quasi das, was ein Best-of eigentlich tun sollte. Nochmal imposanter ist allerdings tatsächlich die Filmversion des Konzerts, gerade aufgrund des wirklich kreativen Bühnenbildes. Doch die Natur findet immer einen Weg. Und genauso wie Björk ist sie sicher nicht immer für jeden, aber immer für alle.
Highlights
- Arisen my senses
- Ovule
- Isobel
- Hidden place
- Courtship
- Future forever
Tracklist
- Family (Intro)
- The gate
- Utopia
- Arisen my senses
- Ovule
- Show me forgiveness
- Isobel
- Blissing me
- Arpeggio
- Body memory
- Hidden place
- Mouth's cradle
- Victimhood
- Fossora / Atopos
- Features creatures
- Courtship
- Pagan poetry
- Losss
- Sue me
- Tabula rasa
- Notget
- Future forever
Gesamtspielzeit: 93:21 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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The MACHINA of God User und Moderator Postings: 35966 Registriert seit 07.06.2013 |
2025-12-13 17:29:13 Uhr
Muss mal einen Lob an den Rezensenten hier lassen. Hab gerade diese hier und die zu K.I.Z. gelesen und bin sehr angetan vom Stil. :) |
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Unangemeldeter Postings: 2270 Registriert seit 15.06.2014 |
2025-12-12 07:10:41 Uhr
Ich hab's hier schonmal irgendwo geschrieben, ich hab die Cornucopia-Show damals in London gesehen, noch vor Erscheinen von Fossora. Das war eins der beeindruckendsten und besten Konzerte meines Lebens und ich hab mich deshalb sehr auf das unvermeidliche Livealbum/den Konzertfilm gefreut. Darauf musste ich ja dann länger warten, weil sie die Fossora-Songs noch in den Cornucopia-Mantel mit aufgenommen hat. Es haben hier ja Leute von der Hamburg-Show berichtet (Felix?) dass es zwischendurch doch auch ganz schön anstrengend wurde, was ich bei meiner London-Show damals gar nicht so empfunden habe.Aber ja, jetzt wo ich das Livealbum/die BluRay kenne, kann ich das gut nachvollziehen. Von der Fossora wurden (vom hübschen Ovule abgesehen) genau die fordernden/anstrengenden Stücke gespielt (Victimhood!, Fossora, Atopos), wo man sich zwischen den ja ähnlich (über)fordernden Utopiasongs eigentlich eher mal etwas Entspannung wünschen würde. Ich war zur Mitte der BluRay/des Livealbums nach Victimhood müde und mir wäre das wohl auch live so gegangen. |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 29836 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-12-10 21:09:45 Uhr - Newsbeitrag
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