Jassin - Arsenalplatz
Columbia / Sony
VÖ: 28.11.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 3/10
Menschen, Leben, Sachsen-Anhalt
"Und ich sag meinem Therapeuten / Geht nicht darum, mich zu finden / Geht darum, mich zu verlieren": Jassin Awadallah ist trotzdem auf dem besten Weg, der nächste große Popstar der Gen Z zu werden. Sozialisiert in der Musikmetropole Lutherstadt Wittenberg und verankert im Deutschrap, punktet der 20-Jährige vor allem mit seiner frischen und einzigartigen Erzählstimme. Stellvertretend dafür steht "Dazwischen", berichtet vom Aufwachsen zwischen zwei Kulturen – der ägyptischen und der ostdeutschen –, von Ausgrenzung und von Zugehörigkeit oder der verzweifelten Suche danach. Stellvertretend ist auch der "Arsenalplatz", Hangout-Spot in der Heimatstadt, Ausgangspunkt eines Lebens und als Symbol ein ausgesprochen passender Titel für den Lokalkolorit und Tagebuchcharakter von Jassins Debütalbum. Dessen zwölf Songs zeugen von ungemeinem Talent – und von dem Versprechen, was sein kann, sollte der Künstler auch soundtechnisch die Balance finden, die seine Worte so hell strahlen lässt.
Musikalisch illustriert Awadallah seine Poesie oft mit minimalem Elektro-Fundament, immer wieder aber auch mit organischem Indie-Pop. Dazu (sprech-)singt er von Migration und Identität, von Coming-of-age, von Milieus und Utopien, bleibt jedoch immer nah bei sich selbst und seinen Empfindungen. Zuweilen wird das lyrische Ich zur reinen Reflektorfigur und beobachtet, wie der Papa nie weint, die Mama nicht mehr Fahrradfahren geht, die Oma nie im Westen war. "Wann trennt Ihr Euch" nimmt die Perspektive eines Scheidungskindes ein und fleht das kaputte Elternhaus an, doch endlich den letzten Schritt zu wagen. Hier passt kein Blatt Papier mehr zwischen den Vortragenden und seine Zuhörer*innen. Übertroffen wird diese Intensität nur durch den überragenden Titeltrack, der von leichten Synths zu dichten Beats anwächst und Fragen abfeuert wie Pfeile: "Wie können Menschen immer tun, als wären sie alles, nur kein Kind? / Warum wollen alle aus sich machen, was sie doch sowieso schon sind?" Wittenberg ist eben immer noch nicht Paris.
Der Hip-Hop kommt derweil besonders im Mittelteil mit "Simson S51" und "Aufstehen" zur Geltung, gleichzeitig würden die Stücke im Formatradio-Deutschpop kaum auffallen – wären da nicht die Texte: "Ich sehe Bomben auf meinem Handy, die vom Himmel fallen, und keinen Gott / Ja, ich träume immer noch." Von einer gerechteren und friedlicheren Welt. Wer bei "Sonnenbankflavour" ernsthaft ein Bushido-Cover erwartet hat, wird bitter enttäuscht und muss sich stattdessen mit einer schrägen Nummer zwischen Akustikgitarre und Autotune-Backings zufriedengeben, die ihren Titel außerdem als Waffe einsetzt: "Deutschland wird braun / Aber ich wenigstens auch." So ist es mitunter auch leiser Humor, der die häufig niederschmetternden Erzählungen aus Alltagsrassismus, Mental Health und geplatzten Träumen um eine leichtere Komponente erweitert.
Und, oh, die Liebe: Für "Wieder zurück" erhält Jassin Unterstützung durch niemand Geringeren als Edwin Rosen, den selbsternannten NNDW-Begründer und Gen-Z-Sprachrohr-Kollegen – das gemeinsame Stück funktioniert, bricht aber auch ein wenig mit dem zuvor so vorsichtig aufgebauten Flow. Dagegen strahlt "Dein Herz" umso heller als völlig unpeinliches Liebeslied, das selbst die Zeile "Ich küsse Deine Augen" ernsthaft romantisch klingen lässt. Genauso laut wie seine Ängste bringt der Wittenberger seine Freude zum Ausdruck. Und erzeugt am Ende vor allem textlich eine Wirkung, die nicht nur krass für einen 20-Jährigen ist, sondern locker mit der Speerspitze aktueller Deutschpoeten wie Betterov oder Tristan Brusch mithalten kann. Wenn jetzt parallel dazu auch noch die Musik ihre gefestigte Identität findet? "Ich hab alle wrong geprovet, die mich dumm angeschaut haben / Ich hab alle die stolz gemacht, die an mich geglaubt haben." Die Daumen sind gedrückt.
Highlights
- Arsenalplatz
- Wann trennt Ihr Euch
- Dein Herz
- Ohne Regen keine Blumen
Tracklist
- Alles was ich weiß
- Dazwischen
- Bitte sei vorsichtig
- Arsenalplatz
- Wieder zurück (feat. Edwin Rosen)
- Simson S51
- Aufstehen
- Sonnenbankflavour
- Wann trennt Ihr Euch
- Dein Herz
- Ohne Regen keine Blumen
- Wie immer ist
Gesamtspielzeit: 35:05 min.
Album/Rezension im Forum kommentieren
Teile uns Deine E-Mail-Adresse mit, damit wir Dich über neue Posts in diesem Thread benachrichtigen können.
(Neueste fünf Beiträge)
| User | Beitrag |
|---|---|
|
Armin Plattentests.de-Chef Postings: 29837 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-12-10 21:13:13 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.
Referenzen
Jeremias; Levin Liam; Berq; Schmyt; Clueso; Provinz; Mine; Philipp Poisel; Fynn Kliemann; Edwin Rosen; Kummer; Apsilon; Zartmann; Prinz Pi; Trettmann; Casper; Blumengarten; Bruckner; Maeckes; RIN; Paula Hartmann; Fuffifufzich; Tua; Ennio; Betterov; Faber; Lena&Linus; Lostboi Lino; Luca Noel; Joris; Philipp Dittberner; Bosse; Enno Bunger; Pohlmann; Max Herre; Cro; Kraftklub; AnnenMayKantereit; Tristan Brusch; Oehl; Von Wegen Lisbeth; Elif
Bestellen bei Amazon
Threads im Plattentests.de-Forum
- Jassin - Arsenalplatz (1 Beiträge / Letzter am 10.12.2025 - 21:13 Uhr)



