Tom Liwa - 20 power hits
Misitunes
VÖ: 26.09.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Jelängerjeliwa
Wenn man über Musik redet, dann erreicht man unweigerlich einen sentimentalen Punkt. Bei allem Gelaber über Fähigkeiten und Querverweise von Künstler*innen ist der Kern eigentlich immer nur, ob es einem gefällt. Und das ist genauso bescheuert objektiv darzulegen, wie die Argumentation, warum man Brokkoli mag (oder nicht). Denn was ist beispielsweise eigentlich eine schöne Stimme? Hoch, tief, beides, kommt drauf an? Was für ein Unsinn. Es gibt Akkorde und Frequenzen, die für das menschliche Ohr angenehmer sind als andere, klar, aber das ist doch kein Erklärungsansatz. Nach diesen Kriterien kann Tom Liwa eigentlich gar nicht singen. Macht er aber trotzdem, gefühlt seit einer halben Ewigkeit. Und auch wenn es ihm eher den Stand eines "musician's musician" anstelle lukrativer Radiospielzeit eingebracht hat, sind diese Kriterien auch nicht viel nützlicher. Am Ende tragen Menschen doch nur Aussparungen in ihrer Seele spazieren, und für manche unter uns sind einige davon zufällig Liwa-förmig. "Ich wurde dafür geschaffen / Die Gedanken der Massen / In Worte zu fassen", singt er da in "Stadion" und kaum eine Lüge könnte dreister sein als diese. Denn zu so schönem Denken wie seinem ist man im Allgemeinen nicht in der Lage.
Aber gemäß eines italienischen Sprichworts müssen die Dinge, wenn sie schon nicht wahr sind, wenigstens hübsch erfunden sein. Und was ist Musik schon mehr als die Gabe, sich das Leben zurecht zu lügen? Nichts anderes passiert mit der Songauswahl für ein Best Of. Man kann Einfluss darauf nehmen, wie Außenstehende auf das eigene Werk schauen sollen, indem man ihre Blicke lenkt. Angenehm auffällig bei "20 power hits" ist, dass diese Zusammenstellung selbst schon wieder wie ein durchdacht arrangiertes Album wirkt. Bloß die unterschiedlichen Aufnahmetechniken deuten an, dass mehrere Dekaden zwischen einzelnen Stücken liegen. Und dennoch wirkt hier nichts aus der Zeit gefallen oder unangenehm gealtert. Passagen wie "'76 war ein dunkles Zimmer / Die Mädchen haben Dylan gehört / Und die Jungs im Keller sangen jedes Wort bei Zappa mit / Und klar wollte ich Bob sein / Und holte mir eine Lungenentzündung" hallen auch bei denen nach, für die diese Namen bloß in Büchern oder im Musikunterricht existieren. Man sagt ja gerne, wenn man bei Musik direkt mitsingen kann, dass sie "catchy" sei. Liwa-Songs eignen sich dafür überhaupt nicht, erfüllen aber den eigentlichen Wortsinn von "catchy" – dass sie einen eben packen und nicht mehr loslassen.
Liwa schreibt Slogans für die Introvertierten, die diese sprachlichen Schätze lieber für sich behalten, als auf irgendein Online-Profil stellen wollen: "Hier kommen die Jungs mit den Ego-Problemen / ... / Hier kommt Rock'n'Roll." Und wahrscheinlich liegt genau darin die Crux: Die Erfahrung, Tom Liwa zu hören, ist so intim, dass man sie nicht einfach so empfehlen kann wie ein gutes Shampoo. Erfreulicherweise bedient sich Liwa hier auch ausgiebig am Katalog von Flowerpornoes (auch wenn es bei einem Album unter seinem eigenen Namen etwas obskur wirkt). Damals, als man so wie ein heutiger Verkehrsminister kein Wort über Infrastruktur verlieren sollte, verfing seine Lyrik wohl nochmal mit ein wenig mehr Effekt – einfach, weil sie seinerzeit noch etwas ungewohnter war, während man heutzutage auf einen fast vierzigjährigen Fundus von ihm und unzählige von diesem inspirierte Interpret*innen schauen kann. Während die Musikindustrie ebenso wie die Welt, in der sie stattfindet, in dieser Zeitspanne enormen Umwälzungen unterworfen worden ist, bleibt das Gefühl unverkennbar gleich. Denn wenn etwas nur genug Seele in sich trägt, dann ist es eben kein Anachronismus, sondern schlicht zeitlos.
Highlights
- Rocknroll
- Stadion
- Federkleid
Tracklist
- Wovor hat die Welt am meisten Angst
- Julianastraat
- Rocknroll
- Schuld
- Ich mag Kopfschmerzen
- Zen Revel
- Titelstory gegen ganzseitige Anzeige
- Dein Wille geschehe
- Stadion
- Malmö 1948
- Eh egal
- Für die linke Spur zu langsam
- Lieber als hier
- I'm not deep
- Federkleid
- Die I Threes singen
- Eng in meinem Leben
- Bismo
- Herz aus Stein
- Indie Lo-Fi
- Schon wieder Februar
Gesamtspielzeit: 95:52 min.
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Referenzen
Flowerpornoes; Jochen Distelmeyer; Bill Callahan; Neil Young; Blumfeld; Erdmöbel; Niels Frevert; Gisbert zu Knyphausen; Bernd Begemann; Stoppok; Nick Drake; Funny Van Dannen; Tim Isfort Orchester; Paul Dimmer Band; Ed Csupkay; Wolfgang Müller; PeterLicht; Die Sterne; Hannes Wittmer; Albrecht Schrader; Felix Meyer; Moritz Krämer; Enno Bunger; ClickClickDecker; Element Of Crime; Bob Dylan
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