Jeff Tweedy - Twilight override
Sony
VÖ: 26.09.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
American Abgrund
Es gibt viele Gründe, ein knapp zweistündiges Triple-Album zu veröffentlichen. Vollzeit-berufstätige Musikliebhabende zu ärgern, ist hoffentlich keiner davon. Jeff Tweedy ging es primär darum, dem immer weiter aufklaffenden Abgrund speziell in den USA ein mindestens genauso gigantisches Ausmaß vom Herzen kommender Musik entgegenzusetzen – eine immer noch weniger mühevolle Protestform, als seit mehr als 50 Jahren einen Arm in der Luft zu halten, wie es der von Tweedy besungene indische Friedensaktivist Amar Bharati tut. Das Wundersame an "Twilight override" ist, dass sich keiner der 30 Tracks redundant anfühlt. Der Wilco-Frontmann hält über die gesamte Laufzeit ein wahnsinnig hohes Songniveau und bewahrt trotz reduzierter Mittel einen gewissen Abwechslungsreichtum. Die in "Better song" geäußerten künstlerischen Selbstzweifel erweisen sich angesichts dieser Errungenschaft als völlig unbegründet.
Gleich der Opener "One tiny flower" beweist einen Hunger, der Tweedys vorigen Solo-Werken etwas gefehlt hat. Der unheimlich zwingende, teils dissonante Instrumentenstrudel erinnert gar an "Yankee hotel foxtrot" und beschwört das Beieinander von Chaos und leise aufkeimender Hoffnung. Macie Stewarts hier noch durch das Klangdickicht sägende Violine sorgt im melancholisch-treibenden "Caught up in the past" für eine wunderbar melodische Hook. Die drei Teile der Platte sollen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft repräsentieren, weswegen "Forever never ends" mit aufbrausendem Refrain einen katastrophalen Abschlussball Revue passieren lässt, der nicht nur metaphorisch zum Kotzen war. "Betrayed" greift humorvoll auf falsche Versprechungen aus der Jugend zurück – "Wasn't I guaranteed / By now there'd be killer bees?" – und sonnt sich wie das folgende "Sign of life" in dem Alternative Country, den Wilco zuletzt auf "Cruel country" ergiebig zelebriert hatten.
Schon im ersten Albumdrittel zeigen sich die subtilen Verschiebungen, die "Twilight override" seine Tiefenstruktur verleihen. Das hypnotische "Love is for love" lässt die Flamenco-Gitarre wirbeln, "Secret door" schichtet sich immer mehr Tonspuren auf und "Mirror" schält sich als düsterer Art-Pop-Groover mit grummelig-verzerrten Saiten aus dem Zwielicht. Die Spoken-Word-Meditation "Parking lot" klingt dahingegen so, als hätte Craig Finn mit dem Yoga angefangen. Doch Tweedy braucht überhaupt keine Schnörkel, um maximal zu berühren, wie das kleine Akustik-Liebeslied "Throwaway lines" beweist. Die ganze Platte umgibt eine liebevolle, herzliche Wärme, was sich sicher auch darauf zurückführen lässt, dass der 58-Jährige sie gemeinsam mit seinen Söhnen Spencer und Sammy sowie einigen befreundeten Musiker*innen aufnahm.
Der kollaborative Spirit bricht sich vor allem in "KC rain (No wonder)" Bahn, das nicht nur ein grandioses Zitteraal-Solo auffährt, sondern im Refrain auch kleine Chor-Explosionen zündet. In "Western clear skies" heben die Stimmen von Macie Stewart und Sima Cunningham – die zusammen das Duo Finom, ehemals Ohmme, bilden – Tweedys Zeilen empor: "I love you / Written in ink and seen through / I don't need proof." Womöglich, weil die Gegenwart hier als thematischer Überbau dient, ist der mittlere Albumteil insgesamt der energischste. "No one's moving on" drückt unbeirrt von einer kurzen "A ghost is born"-Gitarrenattacke nach vorne und auch das famose "Out in the dark" ist von pulsierender Kinetik geprägt. "New Orleans" kommt zwar vom Tempo her zur Ruhe, lässt aber elektrische und akustische Saiten wie nervöse Vogelschwärme aufeinanderprallen, während "Blank baby" als einer der experimentellsten Tracks der Platte Beach-Boys-Harmonien in verschiedenfarbige Synth-Töpfe taucht.
"Lou Reed was my babysitter" treibt das Momentum zu seinem Höhepunkt, schrammelt als astreine The-Velvet-Underground-Hommage durch den Proberaum und zitiert auch noch einen Jim-Jarmusch-Film: "Rock and roll is dead / But the dead don't die!" Gemeinsam mit dem schwungvollen Hit "Enough" bildet der Song einen irreführenden Rahmen für den letzten Albumpart, der sich fast komplett der Kontemplation hingibt. In "Stray Cats in Spain" hat Tweedy eine Offenbarung auf einem Konzert der Rockabilly-Band The Stray Cats – oder, unwahrscheinlicher, beim Anblick tatsächlicher streunender Katzen –, doch die Musik erstarrt zwischen Streichern und Gitarren-Stoizismus. Im erneut wunderschön von Stewart und Cunningham begleiteten "Ain't it a shame" wird der Blick in die Zukunft zur Reflexion der eigenen Vergänglichkeit. Weder das beseelte Fingerpicking des Titelstücks noch der raumfüllende Hall von "Too real" können die Ängste verstecken, welche die bloße Wucht der Existenz auslösen kann.
Songtitel wie "Saddest eyes", "This is how it ends" und "Cry baby cry" deuten einen gehörigen Downer zum Abschluss an, doch kommt ersteres mit seinem Saloon-Piano alles andere als traurig daher und wirkt letzteres durch sein Flussrauschen im Hintergrund seltsam beruhigend. Tweedy will schließlich auch niemanden runterziehen oder aufwühlen, er stellt sich ganz viel Hass mit ganz viel Liebe entgegen und verkörpert diese Haltung mit Haut und Haaren. Wenn das siebenminütige, repetitive "Feel free" mit den Worten "Make a record with your friends / Sing a song that never ends" endet, mag das ohne Kontext platt und cheesy wirken, doch hat der Mann hinter den Lyrics mit "Twilight override" genau das getan. Jeff Tweedy lebt, was er singt. Und zeigt damit, wie sich selbst der dunkelste Abgrund ein bisschen erleuchten lässt.
Highlights
- One tiny flower
- Caught up in the past
- Throwaway lines
- KC rain (No wonder)
- Out in the dark
- Lou Reed was my babysitter
- Ain't it a shame
- Enough
Tracklist
- CD 1
- One tiny flower
- Caught up in the past
- Parking lot
- Forever never ends
- Love is for love
- Mirror
- Secret door
- Betrayed
- Sign of life
- Throwaway lines
- CD 2
- KC rain (No wonder)
- Out in the dark
- Better song
- New Orleans
- Over my head (Everything goes)
- Western clear skies
- Blank baby
- No one's moving on
- Feel free
- CD 3
- Lou Reed was my babysitter
- Amar Bharati
- Wedding cake
- Stray Cats in Spain
- Ain't it a shame
- Twilight override
- Too real
- This is how it ends
- Saddest eyes
- Cry baby cry
- Enough
Gesamtspielzeit: 111:35 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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VelvetCell Postings: 9457 Registriert seit 14.06.2013 |
2025-11-24 19:21:53 Uhr
Ich bin etwas abgeschreckt von der Länge. Aber ich sollte mir mal die Zeit nehmen. |
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myx Postings: 6283 Registriert seit 16.10.2016 |
2025-11-24 19:12:19 Uhr
Teil 1 gefällt schon einmal sehr gut. |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 29979 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-11-20 21:39:03 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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myx Postings: 6283 Registriert seit 16.10.2016 |
2025-11-20 21:38:58 Uhr
Dann werde ich es langsam angehen lassen, danke für den Hinweis! |
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Muss man wissen Postings: 510 Registriert seit 27.10.2025 |
2025-11-20 21:35:03 Uhr
Hallo myx,da kannst du dich auch freuen. Tipp: Nicht gleich alle 3 CDs "verschlingen". |
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Referenzen
Tweedy; Wilco; Uncle Tupelo; Bill Callahan; Bonnie 'Prince' Billy; Alejandro Escovedo; Jason Isbell; Cass McCombs; The Band; Bob Dylan; Neil Young; The Beatles; George Harrison; Grateful Dead; Lucinda Williams; Gillian Welch; Richmond Fontaine; Matt Berninger; Kevin Morby; Justin Townes Earle; M. Ward; Craig Finn; Zach Bryan; Damien Jurado; Josh Ritter; Steve Gunn; Neko Case; S.G. Goodman; Lambchop; Hiss Golden Messenger; My Morning Jacket; The Velvet Underground; The Beach Boys; John Cale; Beck
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