Portland - Champain
Concord / PIAS
VÖ: 07.11.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Douze points
Wenn man als Kandidat in einem Fernsehquiz säße und unter erheblichem Zeitdruck die drei wichtigsten Exportschlager aus Belgien nennen müsste, dann würde man wohl zuerst an Moules-frites denken, dann an allerlei bizarre Biere, die das deutsche Reinheitsgebot lustvoll verlachen – und natürlich drittens an hochkalorische Pralinen unter gewagtem Einsatz von Butter, Schokolade und Zucker. Sicherlich aber nicht zuallererst an Musik. Und genau das ist ein Fehler, denn auch musikalisch lässt sich in unserem Nachbarland so einiges entdecken. Zum Beispiel die Indie-Band Portland um Sänger und Songwriter Jente Pironet, die 2018 mit dem Gewinn des Musikpreises "De Nieuwe Lichting" erstmals breite Aufmerksamkeit erhielt. Mit der Single "Pouring rain" konnten sich die Newcomer auf gut beleumundeten Festivalbühnen wie Werchter und Pukkelpop erste Achtungserfolge erspielen. Das Debütalbum "Your colours will stain" brachte der Band internationale Auftritte unter anderem in Norwegen, der Tschechischen Republik und Deutschland sowie ein ausverkauftes Konzert in der Ancienne Belgique in Brüssel ein. 2023 kam eine ungewollte Vollbremsung, als Pironet aufgrund einer schweren Krebserkrankung eine längere Behandlung erdulden musste. Doch er gab nicht auf und machte weiter: 2024 wagte er sich unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle zurück auf die Bühne, es folgte spornstreichs ein neuerlicher Award (MIA Alternative): Irgendwas müssen die Belgier also richtig machen. Spätestens das aktuelle Album "Time is now" beweist das eindrucksvoll.
Wer ungeduldig ist und noch zweifelt, ob er oder sie in das Album reinhören soll, sei hiermit gleich auf die stärkste Nummer "Point of view" gestoßen, denn die zeigt exemplarisch, was diese Band draufhat: Wir hören eine Gitarre, die auch U2s The Edge gut zu Gesicht gestanden hätte, extrem relaxt-groovendes Schlagzeug, ein sattes Bassfundament – und Pironets Stimme, die irgendwo zwischen Sprechgesang und lupenreinem Croonen hin- und herpendelt. Bridge und Refrain köcheln das Energielevel langsam und gefühlvoll hoch, um dann in der nächsten Strophe wieder den Spannungsbogen geschickt sinken zu lassen. Ja, der ganze Song oszilliert zwischen zwei unterschiedlichen Potenzial-Ebenen. Das aber so geschickt, dass man ihn nach dem ersten Hördurchgang am liebsten gleich nochmal auflegen möchte. Klanglich und vom Songwriting her spielen über weite Strecken die Achtziger und Neunziger eine tragende Rolle: Als Zitatgeber und Inspiration driften vor dem Auge der Hörenden große und wichtige Acts wie U2, The Cure, Coldplay (als man sie noch ernst nehmen konnte) oder auch Nada Surf vorbei. Keine der genannten Bands wird jedoch stumpf kopiert, es geht vor allem um die Klangwelten: gitarrenlastig, aber durch das extrem akzentuierte Schlagzeugspiel erfreulich "fresh", beherzter und kluger Einsatz von akustischen Instrumenten (insbesondere Klavier und Vibraphon) – und nicht zuletzt werten traumschöne Backing Vocals viele Refrains nochmal erheblich auf.
Es gibt aber auch einige Ausreißer, die den Rahmen noch weiter fassen: So ist "Aurora" zuallererst eine anrührende Klavierballade, die direkt ins Herz zielt. "Champain" wiederum gestattet sich eine interessante Metamorphose: Die ersten Takte klingen wie mit dem Kassettenrekorder am Strand aufgenommen, mehr und mehr steigt der Song langsam vom Lo-Fi- zum Studiosound empor. Und in "Exactly what I need" wird's zwischendurch sogar fast mal ein bisschen wild, wenn die Gitarreneffektgeräte für einen kontrollierten Ausbruch von der Leine gelassen werden. Sehr stark auch das höchst irreführend betitelte "Lullabies": Als Schlaflied dürfte es sich wohl kaum eignen, ruft hingegen umso intensivere Erinnerungen an düster-pompöse Phasen von The Cure ("Kiss me, kiss me, kiss me") wach. Ach ja: Erwähnenswert ist definitiv auch die ungemein saubere, vielschichte, druckvolle und dynamische Produktion. Das hier wurde nicht in einem Proberaum mit Eierkartonwänden zusammengebratzt, sondern hier waren "Fachleute mit Fachverstand" (Loriot) am Werk, die das ausnehmend gute Songwriting kongenial unterstützen. Für uns ein klarer Fall: Belgique: douze points!
Highlights
- Lay me down
- Champain
- It's always (ages ago)
- Point of view
- Lullabies
Tracklist
- Time is now
- Lay me down
- Champain
- Aurora
- It's always (ages ago)
- Exactly what I need
- Point of view
- Forever
- Lullabies
- Until I find some bigger fears
Gesamtspielzeit: 37:11 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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MickHead Postings: 10846 Registriert seit 21.01.2024 |
2025-11-20 23:18:12 Uhr
Das Album heißt "Champain". Titel ist korrekt!Komplette Playlist bei YouTube: https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_lnH7W2rLwFy2qxxNP2eVEzJwl9WrLq_NU&si=HeA4dwSRCFvTk9Pr |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30443 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-11-20 22:38:49 Uhr
Oh, wie ist das denn passiert? Danke für den Hinweis. |
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Kalle Postings: 517 Registriert seit 12.07.2019 |
2025-11-20 22:29:58 Uhr
Meines Wissens heisst das Album "Champaign". Beizeiten vielleicht ändern. |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30443 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-11-20 21:38:41 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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Referenzen
Nada Surf; Coldplay; Moi Caprice; The National; The Church; Dredg; Nick Drake; M.I.S.T; Tom Odell; Spleen United; James Bay; Rufus Wainwright; Jeff Buckley; New Order; U2; The Cure; Ron Sexsmith; Andrew Bird; The Haunted Youth; Admiral Freebee; Mayorga; The Radar Station; Mooneye; Marble Sounds; Editors; The Bony King Of Nowhere; dEUS; Novastar; Intergalactic Lovers
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