Steve Gunn - Daylight daylight
No Quarter / Cargo
VÖ: 07.11.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Die Entdeckung der Langsamkeit
Die Abtastnadel senkt sich mählich aufs Vinyl: knacks (rumpelrumpel)! Und schon zwei Sekunden später fühlt es sich so an, als hätte jemand das Cover zum neuen Steve-Gunn-Album einfach in Musik verwandelt. Denn: Es beginnt mit einem hell leuchtenden Halo, Lichtstrahlen breiten sich in alle vier Himmelsrichtungen aus. "Nearly there" bringt gleich zu Beginn irisierende Streicher, die Erinnerungen an Edvard Griegs "Morgenstimmung" aus der Peer-Gynt-Suite wecken. Und dann geht es in einen sanften, wiegenden Folkrock mit akkurat geschlagener Akustikgitarre und wehklagendem Gesang über – spätestens an dieser Stelle klebt man bereits an der Honigfalle und ist drin in diesem ungewöhnlich leisen Album, das zwar nur sieben Tracks kennt, sich aber trotzdem mehr als 40 Minuten Zeit nimmt. Wie Steve Gunn es schafft, einen ganz ohne Effekte und unnötiges Getöse direkt in die Musik reinzuziehen: Das ist mindestens bemerkenswert. Das nachfolgende "Morning on K Road" wiegt einen zunächst mit vorhersehbaren Harmonien in Sicherheit, leistet sich dann mehr und mehr Ausflüge in andere Tonarten, aber auch in eine zunehmend kammermusikalische Instrumentierung mit Oboen und weiteren Holz- und Blechbläsern. Immer wieder ebbt der Song ab, um sich dann wieder neu aufzuschwingen, wenn nicht neu zu erfinden. Ja, die Konsequenz, mit der Gunn seine minimalistischen Songs episch auserzählt, ist beeindruckend. Und man sieht – beziehungsweise hört – mal wieder: Es braucht eigentlich nur die Grundzutaten Stimme, Gitarren, Harmonieinstrumente und ein sparsames Schlagwerk, um reiche Gefühlswelten wachzurufen.
"Another fade" erinnert in seiner Skizzenhaftigkeit mehr als einmal an die späten Meisterwerke von Bill Callahan – und schraubt sich langsam empor; zunächst mit einem rund anderthalbminütigen Instrumental-Intro, bevor Gunn mit verhallter Stimme und minimalinvasiv eingesetzten Vocal-Effects getragene Zeilen vorträgt. Das ist alles einerseits ungemein katzenpfötig und sanft, entfaltet auf der anderen Seite aber eine derartige Sogwirkung, dass man sofort alle Tätigkeiten unterbrechen möchte, ja muss, um dieser wunderbaren Litanei zuzuhören. Und so geht es dann auch weiter – ohne Schwächen, ohne Ausfälle, ohne Langeweile. Im Grunde ist "Daylight daylight" ein einziger ruhiger Fluss, der keine Stromschnellen, keinen Wasserfall, keine reißenden Wirbel braucht, sondern einfach dahingleitet. Man möchte sich sofort in ein Kajak setzen, langsam flussabwärts driften, hier und da einen kleinen korrigierenden Schlag mit dem Paddel ausführen, ansonsten aber einfach nur das Vorübergleiten der Landschaft genießen und spüren, wie gut es sich anfühlt, eins mit der Natur zu sein.
Was allerdings wirklich schwierig ist: herausragende Tracks zu benennen. Denn es gibt keinen echten Höhepunkt, keine Klimax, keine Peaks. Wer von ausgefeilten Albumdramaturgien verwöhnt ist, der mag hier und da etwas vermissen. Aber vielleicht ist genau das das Geheimnis von Steve Gunn: Er lädt dazu ein, die Langsamkeit zu erleben, zu ertragen – und zu genießen. Sein Album ist der Gegenentwurf zum derzeit grassierenden Weltenwahnsinn, der immer neue Aufregungs- und Empörungsschleifen, immer neues Aufmerksamkeitsheischen heraufbeschwört. Nein, hier haben wir einen Musiker, der all das entschieden ablehnt und zeigt: Wenn man sich drauf einlässt, dann liegt gerade in der Gleichförmigkeit, der Verlässlichkeit, der Ruhe die Kraft. "Daylight daylight" ist – nicht nur bei Tageslicht betrachtet, sondern gerne auch in der Dämmerung – ein Werk, das Kraft spendet und versöhnt. Wem sich das nicht sofort erschließen mag, der möge sich auf ein Zitat des großen Manfred Krug verlassen: "Einen Rat noch, ganz verwegen / Nur für den Fall, Sie steh'n nicht drauf / Dreh'n sie die Scheibe um und legen / Sie sie noch mal auf." So isses.
Highlights
- Nearly there
- Daylight daylight
- A walk
Tracklist
- Nearly there
- Morning on K Road
- Another fade
- Hadrian's Wall
- Daylight daylight
- Loon
- A walk
Gesamtspielzeit: 40:31 min.
Album/Rezension im Forum kommentieren
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(Neueste fünf Beiträge)
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Lucas mit K Postings: 397 Registriert seit 19.07.2024 |
2025-11-21 07:28:46 Uhr
Ja, es verweigert sich der Gegenwart, das trifft es gut. Hatte auch anfangs direkt das Gefühl, hier musiziert jemand, der weiß, was er kann und wie er es kann. Zeitloses Album. Ich würde 8/10 geben. |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 29984 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-11-20 21:37:18 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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MickHead Postings: 9543 Registriert seit 21.01.2024 |
2025-11-12 18:51:29 Uhr
CLASH 8/10https://www.clashmusic.com/reviews/steve-gunn-daylight-daylight/ |
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Lucas mit K Postings: 397 Registriert seit 19.07.2024 |
2025-11-10 08:15:40 Uhr
Das ganze Album ist sehr schön. Steve Gunn liefert einfach stabil ab. Die Songs sind strukturell angenehm offen, ich liebe vor allem den Sound. Eine tröstende warme Decke im Herbst, dieses Album. |
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saihttam Postings: 2820 Registriert seit 15.06.2013 |
2025-11-10 00:48:07 Uhr
Oh, hätte ich glatt verpasst. Other You war ein Jahreshighlight. Hier wird möglichst bald reingehört. |
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Referenzen
Kurt Vile; Kevin Morby; William Tyler; Chris Forsyth; Ben Howard; Cass McCombs; John Fahey; Jake Xerxes Fussell; Nathan Salsburg; Angelo De Augustine; Leonard Cohen; Big Thief; Buck Meek; Six Organs Of Admittance; James Elkington; Daniel Bachman; Bill MacKay; Matt Sweeney; Rose City Band; Nathan Bowles; Michael Chapman; Red River Dialect; Neil Young; Nick Drake; Ryley Walker; Jonathan Wilson; Chris Cohen; My Morning Jacket; Bert Jansch; Elliott Smith; John Martyn; Bill Callahan; Damien Jurado; Sebadoh; Stephen Malkmus; Hiss Golden Messenger; The War On Drugs
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