Dominik Eulberg - Lepidoptera
!K7 / Indigo
VÖ: 07.11.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Alter Falter
Die Aufgabe der Wissenschaft ist, Ordnung zu schaffen. Denn auch wenn davon auszugehen ist, dass unser Universum klar definierten Regeln folgt, ist es doch überwältigend komplex. Nicht nur im Hinblick auf die Naturgesetze, sondern auch bezüglich der Folgen der Evolution. So ein paar Milliarden Jahre Mutation sorgen für eine Menge Biodiversität, nicht nur beruflich, sondern auch privat. Dominik Eulberg, seines Zeichens Biologe, DJ und Umweltaktivist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kunst mit der Natur zu vereinen. Wobei sich trefflich darüber streiten lässt, ob es hier überhaupt etwas zu vereinen gibt. Denn Kunst ist wahrscheinlich auch nur eine besondere Ausprägung dessen, was gemeinhin unter dem Begriff "Leben" subsumiert wird. Gleichzeitig ist sie genuin menschlich, sie ist Teil dessen, was unsere Spezies vom Rest unterscheidet. Die Form, das Ästhetische, die dem Dasein abgerungene Resonanz. Es gibt viele Begriffe, weil Menschen sich selten einig sind.
Womit wir wieder bei der Ordnung wären. Manche behaupten, sie sei das halbe Leben. Andere nutzen sie zur Klassifizierung des großen Ganzen. "Lepidoptera" nennt sich Eulbergs neues Album, es geht diesmal also um Schmetterlinge. Wobei die Musik selbstverständlich wieder ausschließlich instrumental ist, der thematische Bezug wird durch das Artwork und die Tracktitel hergestellt. Im Vergleich zu früheren Werken fällt "Lepidoptera" zurückhaltender aus, es ist ein meditatives, um sich selbst kreisendes Album, das seinen größten Reiz aus dem makellosen Sounddesign bezieht. Eulberg hat seine ohnehin virtuosen Fähigkeiten noch weiter verfeinert. Wer sich für Produktionsdetails begeistern kann, wird hier seine helle Freude haben. Denn jeder Track wartet mit einem ganzen Arsenal technischer Raffinessen auf.
Doch Technik ohne Emotion ist Blech und Frevel. Eulberg ist ein Meister des melodischen Understatements. Seine Kompositionen muten minimalistisch an, verbergen aber so manches schillernde Detail unter der Oberfläche. Getragen werden sie von kurzen melodischen Motiven, welche im Verlauf variiert und mittels sich subtil verändernder Begleitung rekontextualisiert werden. Einzelne Tracks hervorzuheben, gestaltet sich daher auch relativ schwierig. Alles klingt wie aus einem Guss, alles fließt. Die Musik eignet sich zwar durchaus als Begleitbeschallung monotoner Alltagstätigkeiten, entfaltet ihren wahren Reiz jedoch erst beim ganz bewussten Hören. Eulberg hat seinen Stil nicht nur gefunden, er weiß, wo er wohnt.
Und so nimmt er die Hörer mit in eine Welt, die vielleicht nur noch als Abbild existiert. Man muss sich den Menschen als Idioten vorstellen, anders ist sein Verhalten nicht zu erklären. Dabei ist die Erhaltung unseres Lebensraumes nicht nur vernünftig, sondern alternativlos. Selbst wenn man die moralische Dimension ausklammert, bleibt noch immer die schlichte Notwendigkeit der Sicherstellung des eigenen Überlebens. Musik kann freilich niemanden daran hindern, ein Kohlekraftwerk zu betreiben. Darum geht es auch nicht. Es geht um das bewusste Sein, um das Abstreifen des Kokons der Hybris. Die Vielfalt der Arten ist ein Spiegelbild der Vielfalt der Ideen. Gleichzeitig ist sie die Folge eines ewig währenden Anpassungsprozesses. Man kann dies auch als Warnung der Natur verstehen. Nur weil wir Panzer haben, sind wir nicht sicher. Die Trilobiten unter den Lesern wissen Bescheid.
Highlights
- Brauner Bär
- Roter Apollo
- Trauermantel
Tracklist
- Kleines Nachtpfauenauge
- Großer Schillerfalter
- Brauner Bär
- Roter Apollo
- Grünes Blatt
- Schwalbenschwanz
- Stachelbeerspanner
- Trauermantel
- Mittlerer Weinschwärmer
- Wundklee-Bläuling
- Totenkopfschwärmer
- Tagpfauenauge
Gesamtspielzeit: 70:02 min.
Album/Rezension im Forum kommentieren
Teile uns Deine E-Mail-Adresse mit, damit wir Dich über neue Posts in diesem Thread benachrichtigen können.
(Neueste fünf Beiträge)
| User | Beitrag |
|---|---|
|
peter73 Postings: 3831 Registriert seit 14.09.2020 |
2025-11-25 10:17:26 Uhr
1 sehr angenehmes album - nachzuhören bei bandcamp:https://dominikeulberg.bandcamp.com/album/lepidoptera |
|
Ochsensemmel Postings: 457 Registriert seit 22.09.2025 |
2025-11-20 22:49:46 Uhr
Komischer Vogel |
|
Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30002 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-11-20 21:36:56 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.
Referenzen
Extrawelt; Kollektiv Turmstrasse; Jon Hopkins; Marek Hemmann; Super Flu; Einmusik; Oliver Schories; Marc Romboy; Stephan Bodzin; Solee; Gregor Tresher; Kraftwerk; Oliver Huntemann; Max Cooper; Sascha Funke; Stimming; Gabriel Ananda; Solomun; Robert Babicz; Andhim; Pan-Pot; Ron Flatter; Booka Shade; Sascha Brämer; Boris Brejcha; Agoria; Kölsch; John Tejada; Oxia; Fairmont; Efdemin; Popof; Anja Schneider; Oliver Koletzki; Robag Wruhme; Kellerkind; Paul Kalkbrenner; Fritz Kalkbrenner
Bestellen bei Amazon
Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv
Threads im Plattentests.de-Forum
- Dominik Eulberg - Lepidoptera (3 Beiträge / Letzter am 25.11.2025 - 10:17 Uhr)
- Dominik Eulberg - Die Dunkle Biene (1 Beiträge / Letzter am 04.05.2024 - 23:21 Uhr)
- Dominik Eulberg - Avichrom (9 Beiträge / Letzter am 01.08.2023 - 23:01 Uhr)
- Dominik Eulberg (10 Beiträge / Letzter am 29.03.2023 - 09:03 Uhr)
- Dominik Eulberg - Mannigfaltig (12 Beiträge / Letzter am 14.11.2019 - 19:23 Uhr)
- Dominik Eulberg - Diorama (9 Beiträge / Letzter am 27.07.2011 - 00:19 Uhr)




