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Agriculture - The spiritual sound

Agriculture- The spiritual sound

The Flenser
VÖ: 03.10.2025

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Zen und Zerstörung

Zu den bekanntesten Momenten der Klassik zählt der "Hummelflug", welcher aufgrund des Stils recht leicht mit den dazugehörigen Insekten assoziativ verbunden werden kann. Tief in der Biologie verwurzelt sind, wie der Name schon verrät, auch Agriculture aus Los Angeles. In deren "Garten" spielen sich die ersten fünf Minuten des zweiten Longplayers "The spiritual sound" ab. Mit den gern gesehenen, pelzigen Fliegeviechern hat das, was hier passiert, jedoch wenig am Hut. Eher mit einem Wespenschwarm, welcher mies gelaunt und wildgeworden auf das Publikum zustürmt, das die Tür zum Haus nicht öffnen kann. "Death is the ultimate fucker" ist eine der Zeilen, die hier nicht zu verstehen sind, aber umso mehr zu fühlen. Inmitten dieses Höllenritts, welchen die vier Musiker*innen hier fabrizieren, "schreit" auch jemand ein paar Zeilen. Eher röchelnd, krächzend. Dazu Riffs aus den Untiefen des Black Metal, garniert mit wilden Brüchen.

"Wer bin ich und wenn ja, wie viele", gilt es auf "The spiritual sound". Die Frage, die sich stellt, wenn man weiter die zehn Stücke abschreitet. Zusammengesetzt aus zwei Welten. Die eine davon entstammt der Feder von Dan Meyer. Jener schafft es, mit seiner Interpretation des Zen-Buddismus die Bude abzufackeln, wortwörtlich im Opener, der neben dem Genannten diese Zeilen bereithält: "Listen! / Buddha said, 'Everything is burning' / All of the senses, the mountains and the fire / This is it, the fire sermon / My eyes are burning / My mouth is burning / My nose is burning / My ears are burning / My body is burning / My mouth is burning." Die andere Welt, das sind die Gedanken und das Songwriting von Leah Levinson, die insbesondere die zweite Hälfte dominiert und etwas anders zu Werke geht. Bis dahin jedoch regiert erst einmal das Chaos. Das vielfältig Verstörende in "Flea" ist das Gefühl, hier würden mehrere Songs parallel laufen. Ein ultraschneller Black-Metal-Track einerseits, ein von Spoken-Words durchzogenes Stück andererseits. Ein bisschen Emo, einige zart vorgetragene Worte, irgendwo mittendrin ein wild gezocktes Gitarrensolo, an dem Jimi Hendrix seine Freude hätte, und aufhellende Post-Hardcore-Melodien.

In dieser Manier setzen sich auch die nächsten Songs fort. Immer etwas drüber, immer am Anschlag, oft übersteuert und doch mit Feinheiten in den Details. Bis plötzlich ein einzelnes Doom-Riff das Meer, respektive dieses Album teilt. "Dan's love song" führt zunächst dieses verzerrte Riff-Geräusch fort, überführt es in ein – nun ja, der Titel gibt es vor – Shoegaze-Liebeslied, eingesungen von Meyer. Ein unerwarteter Moment der Ruhe, der Hoffnung, des Nahekommens nach all der vorherigen Abweisung. Eindrucksvoll ist "Bodhidharma". Zwar zunächst Meyers Zen-Metier, zentral ist jedoch die flüsternd-klagende Stimme von Levinson. Gespenstisch zwischen einzelnen Schreien, vereinzelter Rock-Song-Attitüde und einer Atmosphäre, die sich mit dem Messer schneiden lässt. Die Reise, die hier von beiden vollzogen wird, wirkt weit über die sechseinhalb Minuten hinaus. "Hallelujah" lässt hingegen fast vergessen, wie dieses Album angefangen hat und weist tatsächlich eine gewisse Nähe zu anderen Songs mit dem gleichen Titel auf, beispielsweise von der Stimmfärbung her zu Jeff Buckley. Zum Abschluss erhebt sich "The reply" noch mal in voller Blüte und lässt vergessen, dass die erste Genrezuschreibung von Agriculture tatsächlich der Black Metal ist. "The reply" ist erneut ein Stück, dem das Label Post-Everything anhaftet. Ein Zusammenspiel aus allem, mit einem Finale, welches musikalisch so intensiv ist, dass es niemals enden sollte. Der Sog, den Agriculture im Lauf dieses Albums geschaffen haben, wenn es gelingt, sich drauf einzulassen, ist so stark, wie kaum etwas sonst in diesen Zeiten. Ein Sog ist es auch, der die letzten Worte bestimmt, die Meyer weit aufs endlose Meer ziehen, über Dinge reflektierend, die vor mehr als hundert Jahren mit dem ersten Weltkrieg katastrophale Folgen hatten. Danach ist Stille. Stille, die dringend notwendig ist, denn "The spiritual sound" fordert sämtliche Energie, zieht sie raus, gibt sie wieder – und zeigt eindrucksvoll, wozu Musik fähig ist.

(Klaus Porst)

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Highlights

  • My garden
  • Bodhidharma
  • The reply

Tracklist

  1. My garden
  2. Flea
  3. Micah (5:15am)
  4. The weight
  5. Serenity
  6. The spiritual sound
  7. Dan´s love song
  8. Bodhidharma
  9. Hallelujah
  10. The reply

Gesamtspielzeit: 44:02 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Hierkannmanparken

Postings: 2852

Registriert seit 22.10.2021

2026-01-28 10:48:41 Uhr
Ja, was die gerade in der ersten Minute von My Garden abziehen.

Und die Rezi beschreibt bezüglich Flea wirklich zutreffend: Man hat das Gefühl, zwei übereinander gelegte Songs zu hören, aber es funktioniert wahnsinnig gut: apathische Alltagsbeschreibung treffen auf "I WANNA DIE"-Gekreische und das alles mit einer Midwest Emo-Stimmung... Und dann das BM-Finale ab 3:23, wo in den geschrammelten Akkorden so viel Gefühl steckt.

fakeboy

Postings: 6437

Registriert seit 21.08.2019

2026-01-27 20:54:44 Uhr
Mittlerweile kann ich nicht mehr anders, als die 10/10 für dieses Album zu zücken.

fakeboy

Postings: 6437

Registriert seit 21.08.2019

2026-01-27 20:21:24 Uhr
My Garden ist ein so dermassen abgefahrener Song. Komplett irre. Komplett grossartig.

fakeboy

Postings: 6437

Registriert seit 21.08.2019

2026-01-27 20:13:10 Uhr
Der Übergang ist auch auf der Platte ein Highlight

Hierkannmanparken

Postings: 2852

Registriert seit 22.10.2021

2026-01-27 20:11:54 Uhr
Der KEXP-Auftritt ist richtig gut. Ich liebe, wie Bodhidharma in Halleluja mündet.

Liturgy fand ich auch immer schwierig. Die haben gefühlt drei vier Tricks (bzw. Stilmittel) auf Lager, das war's. Deafheaven sind mir wiederum zu Post-ig. Agriculture treffen bei mir schon einfach einen sweet spot.
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