Aesop Rock - I heard it's a mess there too
Rhymesayers
VÖ: 29.10.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
Reimschemenhafte Gestalt
Wenn man gerade ein bisschen die Zeit aus dem Blick verloren hat, kann man glücklicherweise gut die Uhr danach stellen, dass alle paar Jahre ein Album des New Yorker Rappers Aesop Rock erscheint, gut klingt und es was zu entdecken gibt. Seine Arbeitsmoral hat Ian Bavitz zum Glück für Fans und die Rap-Szene an sich in seinen Vierzigern sogar noch mal deutlich angezogen. 2025 beglückt er alle Eingeweihten mit einer besonderen Überraschung: Ein zweites Album, nur ein halbes Jahr nach dem außerordentlich befriedigenden "Black hole superette". Der Ansatz dabei? Die Beats cleaner und minimalistischer machen und nicht zehn Schichten übereinander legen. Aesop Rock produziert seit Jahren den Großteil seiner Sachen selbst und dabei kann es schon mal wild zugehen, so viele Ideen sprühen aus seinem Kopf. "I heard it's a mess there too" fühlt sich deshalb für ihn auch eher wie ein Übergang und nicht wie die musikalische Endstation an. Damit relativiert er viel mehr, als er muss: Sein Übergangsalbum reiht sich nahtlos in seinen herausragenden Katalog ein.
Tatsächlich fällt aber sehr früh auf, dass die Beats einfacher gehalten sind. Kein bisschen langweilig, aber eben aufgeräumter, nicht so hektisch. Kopfnicker-Rap kann man das nennen, weil eben nicken genau das ist, was die Birne von Anfang an unweigerlich macht. Im Opener "Crystals and herbs" zu goofy Reverb-Sounds und mit der Ansage per Sample: "It's a mess." Draußen regnet es Säure und überhaupt sollte man vielleicht nicht ungeschützt aus dem Haus gehen. Das anschließende "The cut" guckt deshalb ebenfalls skeptisch aus dem Fenster, vertraut aber auch den eigenen Handlungen nicht so ganz: "It's like throwing a book at a ghost / You could damage the book, plus they just poof into smoke." Erst "Full house pinball" wagt mehr Kontaktaufnahme, scheint mit transzendenter Melodie mit Außerirdischen kommunizieren zu wollen und wird nur vom Bass geerdet. Aber obwohl draußen die Hunde schnurren und Vögel rückwärts fliegen, empfiehlt Rock doch mal wieder an die frische Luft zu gehen. So selbstsicher und pointiert wie Bavitzs Rap seit Jahrzehnten ist, so sehr zieht sich auch eine gewisse Paranoia durch seine Songs, in "Potato leek soup" durch nervöse Pianoklänge untermalt, während sich erneut ein Bass immer wieder reinlehnt und man sich freut, 2025 doch manchmal noch ordentliche Scratches auf einem Hip-Hop-Album zu hören.
Das große Wunder bei Aesop Rock ist sowieso, dass man trotz kaum endender Wortschwälle zu jedem Zeitpunkt jede Silbe genau versteht. Die Intonation des US-Musikers ist eines der großen Rap-Wunder. Sonst hätte man allerdings auch kaum eine Chance, die gewohnt kryptischen Zeilen auch nur ansatzweise verfolgen zu können. Wie bei jedem seiner Alben braucht man mehrere Durchläufe, um Motive zu erkennen, Ideen zu verstehen. Und wieder sitzt man da, wenn man mal eine Stelle oder einen Witz verstanden hat und schüttelt lächelnd den Kopf, weil man sich freut, was dieser Teufelskerl da schon wieder geschrieben und gereimt hat. Zum Beispiel in "Pay the man", wenn es heißt: "Inventor of the artificial rose / Squirting water from the pocket up the party-goers nose." Oder per eleganter Beleidigung in "Opossum": "I sing on-hold music when you talk."
Wie wenig Wert Aesop Rock grundsätzlich darauf legt, sich an starre Strukturen zu halten, hört man in einem Song wie "Bag lunch", in dem er ohne Refrain einfach solange rappt, wie er was zu sagen hat. Oder er versteckt in "Spin to win" den Refrain so unauffällig, dass man zwischen einer wie ein Ball in einem Videospiel springenden, hohen Melodie und Film-Noir-Bass suchen muss. Und wenn Bavitz doch zu sehr auffällt, haut er im Laser-schießenden "Oh my stars" halt einfach ab: "When I don't know how to act / I climb into my car and then I drive it off the map." Vielleicht stehen die Highlights deshalb auch weiter hinten auf der Tracklist, als wäre er am liebsten gar nicht dabei, wenn man "Poly cotton bland" mit seinem geflippten Voice-Sample entdeckt. Das Tempo zieht etwas an, die Spannung ist hoch und es gibt sogar einen, in Anflügen zumindest, Call-and-response-tauglichen Refrain. Ähnlich gut ist das mit Gitarre Western-Flavour versprühende "Call home", das zum baldigen Abschied schon mal alles Gute wünscht: "Friends, I hope you / Find what you need to find so you can be the people you're supposed to." Ganz am Ende schleicht in "Sherbert" eine schemenhafte Gestalt mit Hörnern und einer Optik, die nur eine Mutter lieben könnte, durch die Straßen und teilt das Touri-Meer. Hier ist die Atmosphäre zum Schneiden dicht, während man fasziniert zu dechiffrieren versucht, was für ein Wesen sich dort rumtreibt. Im Zweifel ist es Aesop Rock in seiner Übergangsform.
Highlights
- Full house pinball
- Poly cotton blend
- Call home
- Sherbert
Tracklist
- Crystals and herbs
- The cut
- Full House Pinball
- Bag lunch
- Spin to win
- Opossum
- Oh my stars
- Potato leek soup
- Pay the man
- Poly cotton blend
- Call home
- Sherbert
Gesamtspielzeit: 41:14 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Unangemeldeter Postings: 2340 Registriert seit 15.06.2014 |
2025-11-21 09:56:08 Uhr
Wie schön dass es doch noch eine Rezension gibt! Hab ich gar nicht mehr mit gerechnet. Schön geschrieben und Bewertung absolut nachvollziehbar, auch wenn ich evtl nen Punkt drüber liegen würde.Ich hoffe der behält sich den Minimalismus zumindest in Laufzeit/Trackanzahl für zukünftige Releases bei. Ein richtiger Snack, das Album. |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 29984 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-11-20 21:35:42 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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Arne L. Postings: 2718 Registriert seit 27.09.2021 |
2025-11-10 13:05:37 Uhr
Find's nicht ganz so gut wie "Black Hole Superette", aber ein schönes Album ist es trotzdem. |
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Unangemeldeter Postings: 2340 Registriert seit 15.06.2014 |
2025-11-01 15:34:48 Uhr
Oh, ja, sehe jetzt auch dass der Download nun was kostet. Kurz bei reddit geschaut: scheinbar haben einige/alle (?) auf der Aes Rock Mailingliste so wie ich einen Link mit dem kostenlosen Download ein paar Tage vor offiziellem Release bekommen - ich dachte das wäre einfach ein allgemein zugänglicher Link. War es vielleicht auch, für ein paar Tage, keine Ahnung. Ein paar Leute haben auch ungefragt Vinyl-Testpressungen geschickt bekommen. Bring on the unsolicited music!Aber das Album ist jetzt ja eh auf allen Streamingportalen. Und ja, mir macht das Album auch mega Spaß und ich würde es auch besser als BHS bewerten. Der frische Wind tut ihm mega gut! |
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Watchful_Eye User Postings: 3167 Registriert seit 13.06.2013 |
2025-11-01 15:05:08 Uhr
Positiver erster Eindruck, gefällt mir spontan besser als Black Hole Superrette.Aber kostenlos ist da nichts. Ist das nicht einfach ein reguläres Album? |
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Referenzen
Malibu Ken; Blockhead; Lupe Fiasco; MF Doom; Madlib; Madvillain; Cannibal Ox; El-P; Rob Sonic; Billy Woods; Armand Hammer; Elucid; Earl Sweatshirt; Killer Mike; Run The Jewels; Why; Company Flow; Atmosphere; Dälek; Deltron 3030; Evidence; Common; Gang Starr; Mos Def; Wu-Tang Clan; Nas; cLOUDDEAD; Open Mike Eagle; Quelle Chris; Busdriver; Jpegmafia; Danny Brown; Clipping.; Shabazz Palaces; The Roots
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