Moi Caprice - Vermilion sands
Glorious
VÖ: 31.10.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Ruhig Blut!
Man mag sich schon fragen, wie und warum es der Band Moi Caprice bisher gelungen ist, nahezu völlig und konsequent unter dem Radar der deutschen Musikpresse (das betrifft leider auch Plattentests.de) zu fliegen. Das ist umso erstaunlicher, als dass es die Formation um Michael Møller inzwischen seit 22 Jahren gibt und dass Moi Caprice neben einigen EPs und Singles seitdem sieben durchgehend starke Alben veröffentlicht haben. Dabei ist unser heutiger Proband "Vermilion sands" übrigens schon mitgezählt. Moi Caprice sind, das steht fest, eine echte Größe, wenn es um ausgefeilte und farbenprächtige Musik an der Schnittstelle zwischen Indie und Dream Pop geht. Zwar gelingt ihnen auf ihrem 2025er-Album keine Hitgranate mehr wie "To the lighthouse", doch die neun Tracks auf "Vermilion sands" sind definitiv eine Bereicherung für jede Playlist und auf fast durchgehend hohem Niveau unterwegs.
Der Trick bei Moi Caprice ist ihr ganz spezieller Sound, der einen nahezu blindtestfähigen Wiedererkennungswert bietet. Da wäre zunächst die unverwechselbare Stimme von Michael Møller, die eher in mittlerer Lage situiert ist, häufig ein wenig larmoyant-klagend, aber zugleich auch mit einer gewissen Kühle und Distanz. Dazu gesellt sich ein reicher Park an Keyboards und Synthies mit Anklängen an Depeche Mode oder auch St. Etienne – und die Rhythmussektion verlässt sich auf merkwürdig trockene, häufig programmierte Beats in Verbindung mit bauchigem, tiefem und zuweilen konzertantem Bassspiel. Und dann gibt's da noch diese ganz speziellen Gitarreneinwürfe, die zuweilen an die Smiths, zuweilen an Nada Surf, zuweilen an die Chameleons erinnern. Dieses klangliche Grundrezept halten Moi Caprice seit Anbeginn hoch, verfeinern und variieren es aber immer wieder. Und so ist "Vermilion sands" eine insgesamt sehr ruhige Songkollektion, die – anders als das Album "You can't say no forever" – weniger auf energetische Tracks, sondern aufs Meditative baut.
Es geht gleich stark los im Opener "The bitterest hearts in the world": dunkel-abgetöntes Piano, Gesang mit extra viel Hall, langsam werden schluffige Drumloops draufgeschichtet, alles das grundiert von einem saftig-tief herabreichenden Bass. "New normal" fühlt sich an wie ein windelweicher Perwoll-Waschgang mit schwarzen T-Shirts: Irgendwie dunkel und fluffig, dabei ungemein wohltuend. Die stärkste Nummer ist "The thousand dreams of Stellavista" mit Chameleons-Gitarren, sagenhaft schönem Refrain und farbenfrohen Synthie-Welten. "Driving too fast" täuscht zwar zu Beginn kurz so etwas wie Midtempo vor, zeigt dann aber nach zwei Takten schon die lange Nase, denn hier erlauben sich die Rhythmus-Verantwortlichen, einfach eine Halftime einzubauen, sodass auch dieser Track am Ende eher getragen daherkommt.
Im Grunde ist es sogar so, dass "Vermilian sands" Richtung Ende hin noch einmal das Tempo rausnimmt, das mehr als sechs Minuten lange "Holler" geht im Grunde durch immer neu wiederholte Textzeilen als ein einziges Mantra durch. Erst ganz am Schluss, in den zweiten Hälfte des letzten Tracks, kommt ein Ausbruch. Wuchtige Drones, der eine oder andere atonale Gitarreneinwurf – und ganz gegen Ende wird so heftig von der Leine gelassen, dass Moi Caprice schon fast nach The Swans klingen. Die Jungs können also auch ganz anders. Vielleicht sagen wir es mal so: "Vermilion sands" ist die musikgewordene Entsprechung eines vollständigen Saunagangs im finnischen Winter. Zuerst herrlich warm, holzig, feucht, einlullend, Blutgefäße weitend, enorm entspannend – und als man gerade einzunicken droht, geht's doch noch raus in den Schnee, um den Kälteschock zu genießen. Brrrr!
Highlights
- The bitterest hearts in the world
- New normal
- The thousand dreams of Stellavista
- My plants will all have died
Tracklist
- The bitterest hearts in the world
- New normal
- The thousand dreams of Stellavista
- A difficult age
- My plants will all have died
- Driving too fast
- The cloud-sculptor
- Holler
- Low notes
Gesamtspielzeit: 43:44 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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MickHead Postings: 10153 Registriert seit 21.01.2024 |
2025-11-22 13:58:24 Uhr
Durch das neue Album kam mir wieder in Erinnerung, das Michael Møller, Kopf von Moi Caprice, früher mal ein Monatsalbum mit einem täglichen Song herausbrachte. An "Where The Wind Blows", kam man da nicht vorbei.A Month of Unrequited Love is a collection of 31 songs. The songs were released one a day through May 2011.Through crowd funding Michael Møller managed to get enough donations from fans to release all the songs on double CD and triple vinyl. In November 2011 Michael Møller received a Danish Music Award as Innovator of the Year due to the visionary nature of the project. It’s been a good year in other words. And it’s still not over. "Where The Wind Blows" https://youtu.be/SaPiie5yp6g?si=4IYcCwDwZUHE2gjz Komplette Playlist bei YouTube: https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_n7UGDLLsuO41qJdlSIEz0G2tJRst2sk_w&si=nqRen5AEWGXmP9dk Interessanter Bericht über Moi Caprice aus dem Jahr 2008 bei Poprockunion: https://www.poprockunion.de/moi-caprice-band/ |
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Enrico Palazzo Postings: 8381 Registriert seit 22.08.2019 |
2025-11-21 09:13:00 Uhr
Joa, nett, aber auch langweilig. Klingt halt wie vieles im Moment. N bisschen dreampoppy, n bisschen shoegazy. Bleibt nicht viel hängen. Next! |
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Armin Plattentests.de-Chef Postings: 30212 Registriert seit 08.01.2012 |
2025-11-20 21:38:26 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. Meinungen? |
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MickHead Postings: 10153 Registriert seit 21.01.2024 |
2025-11-15 16:50:28 Uhr
Danke für die positiven News.Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Aber was lange währt, wird endlich gut! Haben die Dänen um Michael Møller auch mal verdient! |
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Jochen Reinecke Postings: 108 Registriert seit 22.12.2023 |
2025-11-15 11:23:56 Uhr
Sehr schönes Album. Rezi kommt. |
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Referenzen
The Antlers; Portland; Prefab Sprout; The Mary Onettes; The House Of Love; Carpark North; Strip Music; Clan Of Xymox; The Heart Throbs; Peter Murphy; Aztec Camera; Crowded House; Mercury Rev; Coldplay; The National; Detroyer; St. Etienne; Speaker Bite Me; Chanty; Turntablerocker; Kashmir; Saybia; Richard Swift; Midnight Faces; Orange Juice; China Crisis; Altered Images; Chris Isaak; Depeche Mode
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