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Austra - Chin up buttercup

Austra- Chin up buttercup

Domino
VÖ: 14.11.2025

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Traumatänzerin

Traumata gelten nicht als Entschuldigung dafür, gesellschaftlich nicht mehr zu funktionieren. Uns kann an einem Abend das Herz gebrochen werden und am nächsten Morgen müssen wir trotzdem aufstehen und acht Stunden lang den Schmerz verstecken. "Chin up buttercup" nimmt bereits im ironischen Titel Bezug auf diesen verkorksten Mechanismus. Bereits kurz vor der Veröffentlichung von "HiRUDiN" musste Katie Stelmanis eine plötzliche Trennung durchmachen, auf die quasi im Anschluss die Isolation im Zuge der Corona-Pandemie folgte. Nun, auf ihrem fünften Album als Austra, stellt sie sich dieser Erfahrung, reckt auf dem Coverfoto mit gequältem Lächeln und verheulten Augen das Kinn hoch – umgeben von gleißendem Weiß, wie es sich für die lettische Göttin des Lichts eben gehört. Und wie man es von Austra gewohnt ist, denn musikalisch verkriecht sich Stelmanis nicht ins Dunkel zum Wundenlecken, sondern sucht das Heil in der Bewegung. Ihre besondere Opernstimme schwebt wie immer über den Dingen, verschwindet zuweilen jedoch auch im Rhythmus, um den Rausch in den Fokus zu rücken.

So etwa in der perkussiv pulsierenden Lead-Single "Math equation", die Stelmanis' Vocals an der kurzen Leine hält und am Ende auf gothigen Synths abhebt. Die zweite Single "Siren song" fährt den Groove in den Strophen zurück, wodurch der Refrain allerdings umso mehr reinknallt. Ein Trick, den der famose Opener "Amnesia" sogar noch besser beherrscht: Ein immer mehr Schwung aufnehmendes Piano geistert durch den luftleeren Raum, der Song tastet sich zaghaft nach vorne, ehe er in der zweiten Hälfte regelrecht explodiert und den von der Künstlerin selbst betonten "Ray of light"-Einfluss greifbar macht. Seit Austra nur noch Stelmanis' Soloprojekt ist, fehlt dem Sound etwas die Vielschichtigkeit, die etwa das Meisterwerk "Olympia" auszeichnete. Doch auch ohne Band schreibt die Kanadierin weiterhin mitreißende Elektropop-Hits und lässt ihre Tracks diverse Haken schlagen – exemplarisch im Titelstück, das in nicht einmal zwei Minuten Björk-Flöten, Industrial-Techno-Ausbrüche und seltsam verzerrten Singsang verpackt.

Das Zusammenspiel von zwingenden Dance-Beats und außerweltlichem Gesang sorgt dabei immer wieder für faszinierende Kontraste. Allen voran steht hier die New-Age-Rave-Hymne "Fallen cloud", die nach und nach jeden Zentimeter der Umgebung ausfüllt. Gerade in der zweiten Albumhälfte sucht Stelmanis jedoch nicht immer den unmittelbarsten Weg ins Tanzbein, gibt den ruhigen Momenten viel Platz zur Entfaltung. Das zurückhaltend instrumentierte und immer wieder in sich selbst zusammenfallende "Blindsided" braucht in diesem Sinne einige Zeit, bis sich die schöne Melodie im Gehörgang festsetzt. "Think twice" macht es einem dahingegen mit seinen Kinderkanal-tauglichen "Whoops"-Ausrufen auch nach wiederholten Durchgängen schwer. Doch bei einer emotionalen Inventur, wie sie Stelmanis auf "Chin up buttercup" durchexerziert, muss natürlich alles raus, auch wenn manches davon Irritationen auslöst.

Einen solchen leichten Nervmoment gibt es ohnehin kein zweites Mal. Schon im Anschluss schmiegt sich "Look me in the eye" ohne jedes Reizpotenzial an und rollt den Teppich für den dramatischen Höhepunkt der Platte aus. Das sechsminütige "The hopefulness of dawn" beginnt mit Ambient-Flächen und Akustikgitarre, um später ein Eurodance-Inferno zu zünden, das unheimlich cheesy, aber auch unheimlich euphorisch und befreiend daherkommt. Da versucht auch der Closer "Good riddance" gar nicht erst, noch einen draufzusetzen, sondern verabschiedet sich mit kleinen Chören und hüpfenden Synths. Katie Stelmanis hat sich freigetanzt und damit auch allen anderen ein Ventil gegeben, um sich den emotionalen Ballast rhythmisch von der Seele zu schütteln. Nur das Coverfoto spiegelt sich nicht unbedingt auf der anderen Seite: Das Lächeln, das beim Hören von "Chin up buttercup" entsteht, ist sicher kein aufgesetztes.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Amnesia
  • Fallen cloud
  • The hopefulness of dawn

Tracklist

  1. Amnesia
  2. Math equation
  3. Siren song
  4. Chin up buttercup
  5. Fallen cloud
  6. Blindsided
  7. Think twice
  8. Look me in the eye
  9. The hopefulness of dawn
  10. Good riddance

Gesamtspielzeit: 38:02 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MickHead

Postings: 8622

Registriert seit 21.01.2024

2025-11-14 11:33:45 Uhr
Jetzt auch komplett bei Bandcamp:

https://austra.bandcamp.com/album/chin-up-buttercup

MickHead

Postings: 8622

Registriert seit 21.01.2024

2025-11-14 10:41:56 Uhr
Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_ka8n5wm0jmP9COGUgP-B3r7-NP-pYCHGo&si=i7V-0Igi3TJ_y0aU

Gaesteliste.de: Platte der Woche

https://gaesteliste.de/2025/11/14/review/austra-chin-up-buttercup/

Musikexpress 5/6

https://www.musikexpress.de/reviews/austra-chin-up-buttercup/

Rolling Stone 3.5/5

https://www.rollingstone.de/reviews/austra-chin-up-buttercup/

myx

Postings: 5862

Registriert seit 16.10.2016

2025-11-14 08:47:41 Uhr
Dieses Album kommt mir stimmungsmässig gerade sehr zupass, hatte ihre Musik etwas aus den Ohren verloren. Sehr schöner Opener schon mal.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 29697

Registriert seit 08.01.2012

2025-11-13 20:50:35 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

MickHead

Postings: 8622

Registriert seit 21.01.2024

2025-11-12 16:29:22 Uhr
Letzter Song vor dem Release!

"Fallen Cloud"

https://youtu.be/CKaBJh4NRhs?si=MFsbsZUNtc-5cKHk
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