Lily Allen - West end girl
BMG / Universal
VÖ: 24.10.2025
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
Offene Beziehung
Wenn Lily Allen berichtet, sie habe ihr neues Album "West end girl" in gerade einmal zehn Tagen aufgenommen, ist das eigentlich nicht verwunderlich. Ihre Platten, mal ausgenommen ihre schwächste, klangen ja immer ein wenig, als ob sie sich gerade aus dem Bett an den Schreibtisch gefläzt und das Ding mal eben runterkomponiert und eingespielt hätte. Bloß hat es dieses Mal einen klaren Grund für Allen gegeben: Es musste raus. Der ganze Mist, der zu ihrer Scheidung von Schauspieler David Harbour geführt hat. Den man an dieser Stelle gar nicht erklären muss. Denn dazu kann man einfach "West end girl" hören. Dort steht alles drin, ohne Metaphern, doppelte Böden oder Blätter vor irgendwelchen Mündern. Wäre diese Rezi so ehrlich wie das Album, das sie bespricht, würden nun erst mal seitenweise Auszüge aus internen Mails folgen, nebst Analyse, welche Redakteure gut miteinander können und welche nicht und wer auf der Herrentoilette wieder das Becken nicht getroffen hat. Das wäre aber viel weniger unterhaltsam als Allens Geschichte.
Diese beginnt mit dem Titeltrack, der zu kitschigem Vintage-Sound den Anfang vom Ende erzählt, als Allen – gerade frisch mit Harbour in ein gemeinsames Haus in New York gezogen – für eine Theaterrolle nach London beordert wird. Ihr Mann reagiert eher irritiert als unterstützend. Ein Telefonklingeln unterbricht den Song und wir hören nur Allens Seite der transatlantischen Konversation. Das folgende "Ruminating" klärt auf: Harbour möchte ab nun auch mit anderen Frauen nebenher schlafen und Allen fragt sich zurecht, ob das der richtige Weg zur Besprechung war: "Why can't you wait for me to come home? / This conversation's too big for a phone call." Von hier aus spinnt sich das Narrativ über Allens Unsicherheit in der neuen Situation hin zu einer folgenschweren Entdeckung in seinem Handy: "And who the fuck is Madeline?"
Jene Nebenbuhlerin bekommt einen eigenen Western-Song, in dem zwischendurch Pistolenschüsse durch die Gegend pfeifen. Dabei erfährt man von Allen die Regeln der Ehe und warum jetzt überhaupt ein Problem besteht: "We had an arrangement / Be discreet and don't be blatant / There had to be payment / It had to be with strangers / But you're not a stranger, Madeline." Wenig später entdeckt sie den mit DNA-Hinterlassenschaften und Sex-Toys bestückten "Pussy palace" ihres Mannes – "I thought it was a dojo" – und in solchen Momenten trifft Allen mit ihrem trockenen Witz und nonchalanten Vortrag voll ins Mark. Nicht weniger großartig ist ihr trister Bericht aus dem Dating-Leben, in dem sie sich als "Dallas Major" herumtreibt: "My name is Dallas Major and I'm coming out to play / Looking for someone to have fun with while my husband works away / I'm almost nearly forty, I'm just shy of five-foot-two / I'm a mum to teenage children, does that sound like fun to you?"
"West end girl" steht also in der Tradition von Storytelling-Alben übers Scheitern der eigenen Beziehung – oder auch von "Lemonade", außer dass sie den Typen tatsächlich verlässt. Und natürlich, dass sich Allen nie so ernst nehmen könnte wie Beyoncé, zum Glück. Was lyrisch dank der konstanten Selbstironie zu hundert Prozent funktioniert, geht musikalisch hier und da allzu sehr jedoch ins Laissez-faire über. "Pussy palace" geht als greller Dreampop super klar, "Relapse" buddelt launigen 2step circa Jahrtausendwende aus und allerorten finden sich hübsche Streicher-Landschaften, wie sie sonst nur in romantischen New Yorker Winterfilmen vorkommen. Dazwischen gibt es aber auch oft Songs, denen man angesichts der schnellen Entstehung etwas mehr Reifung gewünscht hätte. Mit Pop-Attacken wie "Ruminating", dem obligatorischen Reggae-Nod "Nonmonogamummy" oder der etwas uninspirierten "Never leave you"-Interpolation "Beg for me" geht zudem auch der musikalische Fluss etwas den Bach runter.
Sei's drum. Allen darf diese Platte trotzdem als süßen Triumph für sich verbuchen. Schon deshalb, weil sie auf einem tollen, wunderbar verträumten Höhepunkt endet, der nicht zurück, sondern nach vorne blickt – trotz kleinem Seitenhieb auf ihr immer noch bestes Album: "It's not me, it's you / And there is nothing I could do / You're stuck inside your fruityloop." Sticht noch etwas mehr, wenn man weiß, dass der Ex-Gatte mal in einer Insta-Story Fruit Loops in den Himmel gelobt hat. Allen hat das letzte Lachen und lässt Harbour wie einen Idioten aussehen. So besang sie es ja schon auf ihrer allerersten Single: "At worst, I feel bad for a while / But then I just smile / I go ahead and smile." Never change, Lily Allen, never change.
Highlights
- Madeline
- Pussy palace
- Dallas Major
- Fruityloop
Tracklist
- West end girl
- Ruminating
- Sleepwalking
- Tennis
- Madeline
- Relapse
- Pussy palace
- 4chan stan
- Nonmonogamummy (feat. Specialist Moss)
- Just enough
- Dallas Major
- Beg for me
- Let you w/in
- Fruityloop
Gesamtspielzeit: 44:59 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
| User | Beitrag |
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Bonzo Postings: 3737 Registriert seit 13.06.2013 |
2025-12-12 13:29:45 Uhr
Strong 6 |
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Francois Postings: 1477 Registriert seit 26.11.2019 |
2025-12-12 13:12:58 Uhr
und noch was: Ich liebe das Albumcover!Leider beim Jahrespoll schon für was anderes entschieden... aber das kommt gleich danach! |
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Jens Böhnemann Postings: 739 Registriert seit 07.10.2025 |
2025-12-12 11:20:10 Uhr
7/10 (6.x/10) absolut lächerliche Bewertung, sorry. |
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Francois Postings: 1477 Registriert seit 26.11.2019 |
2025-12-12 10:48:42 Uhr
plätschert richtig nett dahin - bin positiv überrascht - vor allem auf Grund des Inhalts, aber auch der Tatsache, dass die das ja in unter 2 Wochen geschrieben (und wahrscheinlich auch produziert hat)... dafür chapeau!Sehr guter vibe von Anfang an... fühlt sich irgendwie vertraut an - ganz so, wie wenn man sich zum x-ten mal einen Bridget Jones Film ansieht. 7/10 geht definitiv absolut in Ordnung |
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Jens Böhnemann Postings: 739 Registriert seit 07.10.2025 |
2025-12-09 18:35:56 Uhr
Album des Jahres. |
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Referenzen
Carly Rae Jepsen; Miley Cyrus; Lorde; Hayley Williams; Kate Nash; Olivia Rodrigo; Taylor Swift; Rihanna; Shakira; Macklemore; Sugababes; All Saints; Katy Perry; P!nk; Iggy Azalea; Lady Gaga; Nelly Furtado; Ed Sheeran; Shawn Mendes; Charli XCX; Ariana Grande; Britney Spears; Lady Saw; Lady Chann
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