Naked Lunch - Lights (and a slight taste of death)
Tapete / Indigo
VÖ: 07.11.2025
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Jenseits des Gartentors
Portisheads dritter Geniestrich ""Third" ließ elf Jahre auf sich warten. Bei My Bloody Valentine waren es ganze 22 Jahre, bis "M B V" neuen Schönlärm in die Welt entließ. Everything But The Girl zündeten mit "Fuse" sogar erst nach 24 Jahren das Comeback in Form eines neuen Studioalbums und The Cure lieferten nach 16 Jahren Pause endlich ihre "Songs of a lost world". Naked Lunch sind mit der zwölfjährigen Pause seit dem Wall-of-Sound-Fiebertraum "All is fever" also in durchaus illustrer Gesellschaft. Die österreichischen Eigenbrötler verzückten den Indie-Kosmos einst auf "Songs for the exhausted"" und vor allem auf dem hymnischen Meisterwerk "This atom heart of ours" mit Klängen irgendwo zwischen wuchtiger Melancholie und sperrigem Kammerpop. Nach "All is fever" verließ Co-Mastermind und Produzent Herwig Zamernik die Band und setzte seither vor allem als Fuzzman musikalisch entspanntere Schwerpunkte. Als Gründer, Sänger, Songwriter, Antreiber und selbst fast manisch Getriebener bleibt Oliver Welter alleiniger Kopf von Naked Lunch, der mit "Lights (and a slight taste of death)" in den Kosmos seiner Gedanken und Gefühle einlädt.
Welters Landsmann, der Schriftsteller Thomas Bernhard, kritisierte einst seiner Meinung nach zu geschwätzige Autoren mit dem Bonmot "Bis da einer bei der Haustür draußen ist und beim Gartentürl, sind schon 60 Seiten weg". Die Texte von Naked Lunch hielten sich ebenfalls nie mit der Oberfläche auf und so verhandeln auch die 14 neuen Songs die ganz großen Themen Liebe, Hoffnung, Verzweiflung, Verdammnis und Apokalypse. "Keep it hardcore, keep it real" eben, wie eine Zeile aus der Vorgängerplatte es auf den Punkt gebracht hatte. Die erste Vorabsingle "To all and everyone I love" eröffnet das Album mit einem Toast auf eine Vielzahl geliebter Menschen, Dinge und Situationen und erinnert damit inhaltlich eigentümlich an Volker Lechtenbrinks Schlager "Ich mag". Musikalisch gemahnt das an vergangene Großtaten wie "Military of the heart" und ist damit aber doch im besten Sinne Naked Lunch nach Zahlen. Diesen Ersteindruck unterwandert der Rest des Albums jedoch gekonnt, denn der kommt mehr als abwechslungsreicher Ritt denn als homogenes Werk aus einem Guss daher.
Das nur durch hallende Gitarrenakzente instrumentierte Klagelied "Only hollow" ist die erste von ganzen fünf Songminiaturen unter zwei Minuten Spieldauer, die teils skizzenhaft bleiben, aber immer für Aufhorchen sorgen. Der Konjunktiv im Titel von "We could be beautiful" ist Programm. Welter zweifelt und verzweifelt an den Menschen und misstraut auch dem glatten Wohlklang. So begleitet ein leicht dissonantes Wabern die erste Hälfte des Songs, bevor dann mit einem Takt- und Stimmungswechsel das Licht aus dem Albumtitel die Wolken durchbricht und mit sphärischen Backgroundchören die Hoffnung obsiegt. Noch dynamischer und zerrissener ist "Go away": Das Stück beginnt mit einem opulenten Schlagzeugintro von Stamm-Drummer Alex Jezdinsky, holt zum ganz großen hymnischen Refrain aus, fällt mit der mantraartig verletzlich vorgetragenen Titelzeile und fiepender Electronica in sich zusammen und mündet schließlich in einem geisterhaften Choral – das alles in nicht einmal drei Minuten. Auch im stark an The Notwist erinnernden "Blackbird" verfremden elektronische Einsprengsel und ein sich verdichtender Beat den akustisch beginnenden Wehgesang.
Sehr romantisch wird es in der entwaffnend aufrichtigen, zurückgenommenen Ballade "Come into my arms" mit Orgelbegleitung, hier gilt eine unbedingte Vormerkempfehlung für einen geschmackvollen Valentinstaggruß an geliebte Menschen. Wie in einer Achterbahn stürzt das Album in die fast schmerzhaft existenziell defätistische Selbstaufgabe "Fuck my senses". Und dort am Boden erkundet der Psychedelic-Rock-Ausbruch "If this is the last song you can hear" die letzten Momente vor dem Tod, wobei das abgefahrene, kreischende Freejazz-Saxofonsolo zum Schluss wie ein Musik gewordener Munchscher Schrei existenzieller Furcht anmutet. Nahezu sakral wird es im klaviergetragenen, schmerzlich schönen "Love don't love me anymore", bevor "Going underground" zum Abschluss versöhnlich und quasi programmatisch für das Album den Orpheus-Mythos zitiert. Welter erforscht die Tiefen der emotionalen Unterwelt, kehrt aber immer wieder zurück ans Licht und intoniert nach wie vor Lieder für die Erschöpften. Die Songs bleiben thematisch "hardcore", sind jedoch zwischen Licht und Tod musikalisch abwechslungsreicher als je zuvor. Wen interessiert auch schon der Weg bis zum Gartentor?
Highlights
- Go away
- Come into my arms
- If this is the last song you can hear
- Love don't love him anymore
Tracklist
- To all and everyone I love
- Only hollow
- We could be beautiful
- Go away
- Bring on the lights
- All the same
- Blackbird
- Come into my arms
- Fuck my senses
- If this is the last song you can hear
- I saw
- Love don't love him anymore
- As I lay down dying
- Going underground
Gesamtspielzeit: 43:12 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Wwwam Postings: 136 Registriert seit 25.09.2022 |
2025-11-26 09:26:05 Uhr
Mir gefällt's auch sehr und ich finde es auch sehr berührend in Verbindung mit dem, was Oliver Welter in Interviews über seine privaten Erlebnisse der letzten Jahre erzählt. Lediglich den ersten Song finde ich etwas zu sehr auf die zwölf und etwas nervig auf die Dauer. Habe auch die früheren Alben wieder öfter laufen und liebe diese Band einfach. Leider kein Konzert hier in der Nähe, würde mich freuen, wenn da noch was käme.. |
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vincent92 Postings: 160 Registriert seit 22.11.2016 |
2025-11-14 19:33:14 Uhr
Überragendes Comeback-Album :-)Freu mich auf sie in München, nächstes Jahr im März:-) |
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novemberfliehen Postings: 128 Registriert seit 13.06.2013 |
2025-11-12 20:11:30 Uhr
Erinnern mich irgendwie an Eels bzw. wie sie klingen sollten (wobei das letzte Album wieder ganz okay war). Tolles Album. Wie lange es sich hält, wird die Zeit zeigen. |
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Snail Postings: 8 Registriert seit 16.08.2023 |
2025-11-10 15:16:58 Uhr
Mit Naked Lunch hab ich nicht mehr gerechnet (während mit Fuzzman immer mehr wieder zu rechnen ist) – nicht mal als Landsmann, der die musikalisch nie ganz aus den Augen verloren hat. Aber: Fantastisch, ein rundum gutes Album, perfekt im November, und ich glaube die Stücke haben auch dauerhaft Qualität. Macht auch Lust, deren Überalbum Songs for the Exhausted wieder mal zu aktivieren. |
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CallMeAppetite Postings: 8 Registriert seit 16.02.2024 |
2025-11-10 14:42:09 Uhr
Album des Jahres. Von A-Z Top. Release nun im Herbst auch superpassend. |
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Referenzen
The Very Pleasure; The Flaming Lips; Grandaddy; Slut; Spiritualized; Get Well Soon; Elbow; The Notwist; dEUS; Arcade Fire; Mercury Rev; Radiohead; Fuzzman; We Invented Paris; The Cooper Temple Clause; Maximilian Hecker; The Postal Service; Subterfuge; Monta; Miles; Kreisky; Ja, Panik; Der Nino Aus Wien; Anywhen; Readymade; Trouble Over Tokyo; Gang of Four; Wire; Volker Lechtenbrink
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